Helen Acosta Iglesias Mit Ironie in den Kunstbetrieb

Helen Acosta, Benediktiergerät
Helen Acosta, Benediktiergerät | Foto (Ausschnitt) © Helen Acosta/ VG Bild Kunst

Segnungsmaschinen, versunkene Glocken und Macht-Nichts-Pokale – Helen Acosta Iglesias bringt Glauben, Humor und Poesie in den deutschen Kunstbetrieb. Und eine große Portion Ironie.

Ihre Werke, sagt Helen Acosta Iglesias, seien eigentlich doch sehr unterschiedlich, das mache es vielleicht schwer, sie künstlerisch zu fassen. Das stimmt auf der einen Seite, die Arbeiten der in Berlin lebenden Künstlerin aus Gran Canaria sind tatsächlich allein durch die Materialien sehr verschieden. Da entstehen im Atelier aus bunten Strohhalmen poppige Pokale, werden aus Holz und Leuchtdioden kleine Segnungsmaschinen gebaut oder kurzlebige Badewannen aus Sand geformt.

Aber auf der anderen Seite schreckt die Künstlerin auch vor großen Skulpturen und schwerem Material nicht zurück: Für ihr Werk Nur Sonntagskinder hören die versunkenen Glocken, das für den Designpreis Halle nominiert war, hat sie eine Bronzeglocke in einem großen Wasserzylinder versenkt.

Hintersinniger Humor trifft auf Selbstironie

Trotz dieser ganz unterschiedlichen Ergebnisse ihrer künstlerischen Auseinandersetzung mit Material und Form erkennt der Betrachter schnell eine Eigenschaft in fast allen Werken von Helen Acosta Iglesias: hintersinnigen Humor. Nicht laut und aufdringlich, dafür aber gern mit einer – gerade im Kunstbetrieb seltenen – Prise Selbstironie. Stellvertretend dafür steht ihre Idee, einen fast mannshohen knallbunten Strohhalm-Pokal zu bauen und an Künstlerinnen und Künstler zu vergeben, die ähnlich wie sie zwar für viele Preise nominiert waren, aber immer leer ausgegangen sind. „Als ich in einem Jahr gleich viermal nominiert war und nichts gewonnen habe, hab ich mir dann selber einen Pokal gebaut, den Macht-Nichts-Pokal. Den verleihe ich an Kollegen denen es ähnlich geht – manchmal auch mit einer kleinen Übergabe-Zeremonie“, sagt die Künstlerin fröhlich.

Zeremonien, Rituale und Bräuche

Zeremonien und Rituale sind für Helen Acosta Iglesias, die zurzeit den Masterstudiengang an der Züricher Hochschule der Künste absolviert und ein Forschungsprogramm über Sterbebettvisionen begleitet, generell sehr faszinierend: In vielen Werken mischt sich ihr Interesse an religiösen Handlungen mit ihrem Sinn für Humor aufs Beste. Ein besonderes Beispiel dafür sind ihre Segnungsmaschinen oder Benediktiergeräte: Acosta, die im nüchternen norddeutschen Hannover Kunst studiert hat, fehlte dort schlicht das katholische Ritual der Segnung. Eine Art Schutz mit auf den Weg zu geben, die gerade in ihrer kanarischen Heimat sehr verbreiteten ist. Sie habe sich seit ihrer Kindheit durch solche Rituale sicher gefühlt, erzählt Helen Acosta Iglesias.
 
  • Helen Acosta, Benediktiergerät Foto © Helen Acosta/ VG Bild Kunst
    Helen Acosta, Benediktiergerät
  • Helen Acosta, Claudia Foto © Helen Acosta/ VG Bild Kunst
    Helen Acosta, Claudia
  • Helen Acosta, Claudia, Pfote Foto © Helen Acosta/ VG Bild Kunst
    Helen Acosta, Claudia, Pfote
  • Helen Acosta, Macht-Nichts-Pokal Foto © Ralf Bergel
    Helen Acosta, Macht-Nichts-Pokal
  • Helen Acosta, Sandbadewanne Foto und © Ralf Bergel
    Helen Acosta, Sandbadewanne
  • Helen Acosta, Sandbadewanne Foto und © Ralf Bergel
    Helen Acosta, Sandbadewanne
  • Helen Acosta, Essbare Bibel Foto und © Helen Acosta/ VG Bild Kunst
    Helen Acosta, Essbare Bibel
  • Helen Acosta, Essbare Bibel Foto und © Helen Acosta/ VG Bild Kunst
    Helen Acosta, Essbare Bibel
  • Helen Acosta, Sonntagskinder Foto und © Helen Acosta/ VG Bild Kunst
    Helen Acosta, Sonntagskinder
In Hannover entwarf sie deshalb eine kleine Maschine aus Holz, die per Knopfdruck von innen einen weißen Lichtstrahl auf die Stirn des Nutzers wirft. Eine Maschine also, die das mündliche Segnen übernimmt. Die Segnungsmaschinen wurden für eine Ausstellung in Hannover auf verschiedenen Höhen angebracht, „und die Besucher haben sich so fleißig segnen lassen, dass ich täglich die Batterien wechseln musste“, erzählt die Künstlerin. 

Nicht nur christliche Symbolik

Helen Acostas Interesse an Religion und Glauben beschränkt sich allerdings nicht auf christliche Theologie und Sakramente. Gerade im deutschen Aberglauben mit seiner tief verwurzelten Mythologie fand sie für ihr Werk Claudia Inspiration und Trost. Den Verlust einer Freundin verarbeitete sie in einer Skulptur, die mit dem Motiv des dreibeinigen Hasen arbeitet. Laut Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens geistert die Seele eines Selbstmörders als dreibeiniger Hase ruhelos umher. Iglesias versuchte dem Hasen in ihrer Interpretation mit einer Glasprothese Frieden zu geben. Und tatsächlich wirkt die hingestreckte weiße Hasengestalt auf Betrachter – selbst ohne Kenntnis der Vorgeschichte – berührend.

Mit Tod und Vergänglichkeit hat sich die Künstlerin auch in ihrem aktuellen Werk auseinandergesetzt: Während eines Stipendiums im Künstlerdorf Schöppingen fielen ihr häufiger die Abdrücke von Tauben auf, die gegen die Fensterscheiben geflogenen waren. Zurück in Berlin formte sie diese Abdrücke aus Spaghetti nach, und schuf so mit profanem Materialein christliches Bild: das Symbol der Auferstehung. Acostas Arbeiten werden seit Herbst 2015 von der Berliner Galerie „maniére noir“ vertreten.