Regionale Fotoprojekte Nicht ohne meine Kamera

Joachim Schumacher aus der Serie „Stadt- und Industrielandschaft im Ruhrgebiet“ (1973-1987)
Joachim Schumacher aus der Serie „Stadt- und Industrielandschaft im Ruhrgebiet“ (1973-1987) | © Joachim Schumacher

Zwei Fotografieprojekte eröffnen mit ihren digitalen Sammlungen neue Möglichkeiten der Vernetzung. In der fotografischen Auseinandersetzung bewahren und vertiefen sie das Gedächtnis einer Region und schaffen ein Raum-Zeit-Kontinuum, das weit über den lokalen Bezug hinausweist.

Pixelprojekt_Ruhrgebiet nennt sich eine unabhängige digitale Plattform für serielle Fotografie der freien fotografischen Szene des Ruhrgebiets. Das 2003 gegründete Projekt bündelt ein breites fotografisches Spektrum, das von der klassischen Bildreportage bis zu artifizieller abstrakter Fotografie reicht. Eine Jury, die einmal pro Jahr zusammentritt, wählt aus nach Qualität und regionalem Bezug. Alle hier präsentierten Fotoserien stammen von deutschen und internationalen Fotografinnen und Fotografen, die im Ruhrgebiet tätig sind oder für eine Zeit lang in der Region gearbeitet haben.
 
Das Ruhrgebiet, auch „Pott“ oder „Revier“ genannt, liegt zwischen den Rheinzuflüssen Lippe und Ruhr und war einst als zentraler Industriestandort der Montanindustrie, die „Lokomotive“ der deutschen Wirtschaft. Das ist lange her. Das Gebiet befindet sich im Wandel und von den rund 100 Bergwerken im Revier ist heute nur noch eines in Betrieb. Diesen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Umbruch im tiefen Western der Republik dokumentiert das Pixelprojekt_Ruhrgebiet. Mit seinem digitalen Bildspeicher eröffnet es den Blick auf die Region und betrachtet diese auch in ihren europäischen Dimensionen. Themen wie Architektur, Kunst, Arbeit und Produktion, aber auch Bilderserien über das Leben der Menschen, über Natur und Ökologie oder Sport werden auf der Internetplattform gesammelt. Zu finden sind hier Aufnahmen von Politikerauftritten in der Dortmunder Westfalenhalle von Horst Lang oder Bilder mit den Titeln Als der Pott noch kochte oder Revierlandschaften von Heinrich Voss.
 

  • Rennfahrer  | Horst Lang aus der Serie  „Als der Pott noch kochte“ (1950-1970) © Horst Lang
    Horst Lang aus der Serie „Als der Pott noch kochte“ (1950-1970)
  • Heinrich Voss aus der Serie „Revierlandschaften“ (1975-1988) © Heinrich Voß
    Heinrich Voss aus der Serie „Revierlandschaften“ (1975-1988)
  • Bernd Arnold aus der Serie „Alter Markt 1985 - Wahlkampfrituale“ © Bernd Arnold
    Bernd Arnold aus der Serie „Alter Markt 1985 - Wahlkampfrituale“
  • Tania Reinicke aus der Serie „Bild des Raums“ | 2009 © Tania Reinicke
    Tania Reinicke aus der Serie „Bild des Raums“ | 2009
  • Tania Reinicke und Ekkehart Bussenius aus der Serie „Heimatgeschichten“ © Tania Reinicke und Ekkehart Bussenius
    Tania Reinicke und Ekkehart Bussenius aus der Serie „Heimatgeschichten“
  • Joachim Schumacher aus der Serie „Stadt- und Industrielandschaft im Ruhrgebiet“ (1973-1987) © Joachim Schumacher
    Joachim Schumacher aus der Serie „Stadt- und Industrielandschaft im Ruhrgebiet“ (1973-1987)
  • Joachim Schumacher aus der Serie „Reviermilljöh“ (2003-2008) © Joachim Schumacher
    Joachim Schumacher aus der Serie „Reviermilljöh“ (2003-2008)
  • Fatih Kurceren aus der Serie „Türken“ (2008-2011) © Fatih Kurceren
    Fatih Kurceren aus der Serie „Türken“ (2008-2011)
  • Fatih Kurceren aus der Serie „Opferfest in Duisburg-Meiderich“ (2008) © Fatih Kurceren
    Fatih Kurceren aus der Serie „Opferfest in Duisburg-Meiderich“ (2008)

Hautnah, erfrischend ehrlich und unmittelbar

Den Schwerpunkt bilden aktuelle Serien, die den Alltagsbeobachtungen eine metaphorische Dimension geben, wie die von Tania Reinicke mit Bild des Raums und Heimatgeschichten – oder die Dokumentation von Hinterlassenschaften der Industrie- und Stadtlandschaften von Joachim Schumacher. Fatih Kurceren baut mit seiner Serie Türken nicht nur Brücken in die Vergangenheit, sondern auch zu den Porträts von August Sander. In seinen Bildern von in Deutschland lebenden türkischen Migranten, dem Arbeiter, dem Boxer, der Kioskfrau, legt er den Charakter der Personen frei und spürt dabei dem Bild hinter dem Bild nach. Hautnah, erfrischend ehrlich und unmittelbar zeigen sich die fotografischen Serien vom Leben und Überleben im Ruhrgebiet, mal als Streifzüge, mal als Fundstücke der Realität inszeniert. Es sind Bilder, die nicht das Spektakuläre suchen, sondern die Region mit eigenen Rhythmen, als poetische Dokumentationen des Alltags zeigen. Alle Bilderserien sind mit informativen und journalistisch aufbereiteten Texten sowie mit Kurzbiografien der Fotografen hinterlegt. Eine fundierte Arbeit, mit der Pixelprojekt_Ruhrgebiet die Fotografie im Ruhrgebiet befördert und darüber hinaus ein fotografisches Netzwerk von Bildautoren und Nutzern herstellt.
 

Regionales Gedächtnis

Eine ähnliche Strategie verfolgt auch das Museum für Photographie in Braunschweig. In einer zweiteiligen Ausstellung und auf einer digitalen Plattform präsentiert es sein Projekt Das regionale Gedächtnis, das nach der Bedeutung der Fotografie in der Region Braunschweig sucht. Die ausgewählten aktuellen und individuellen fotografischen Positionen verstehen sich als fotografischer Dialog über das kulturelle Erbe der Region. Die Spurensuche nachhistorisch-kulturellen Ereignissen spielt dabei eine zentrale Rolle.
 

Kulturelles Erbe der Region

Die Region Braunschweig ist als ehemaliges Zonenrandgebiet eng mit der deutsch-deutschen Geschichte verknüpft. Mit Mattierzoll widmet sich die Wolfenbütteler Fotografin Yvonne Salzmann der bis 1989 bestehenden innerdeutschen Grenze. Die Braunschweiger Fotografin Birte Hennig lenkt ihren Blick auf das von dem Architekten Hans Scharoun errichtete Stadttheater in Wolfsburg. Sie zeigt das Gebäude noch in eingerichtetem Zustand kurz vor seiner Renovierung 2013. In ihrer Serie setzte sie sich mit den Bildern der deutschen Fotografin Candida Höfer auseinander, die 1998 den Bau fotografiert hatte.
 

  • Käthe Buchler from the series „Heimatfront“ um 1915 © Photomuseum Braunschweig
    Käthe Buchler „Heimatfront“ um 1915
  • Hans Steffens, Motorradfahrer auf Trümmerbergen, 1955 © Photomuseum Braunschweig
    Hans Steffens, Motorradfahrer auf Trümmerbergen, 1955
  • Hans Steffens, New Station , nach 1960 © Photomuseum Braunschweig
    Hans Steffens, New Station , nach 1960
  • Hans Steffens, Radfahrer, um 1955 © Photomuseum Braunschweig
    Hans Steffens, Radfahrer, um 1955
  • Käthe Buchler | Autochrome 1913 bis 1930 © Photomuseum Braunschweig
    Käthe Buchler | Autochrome 1913 bis 1930
  • Käthe Buchler aus der Serie „Heimatfront“ um 1915 © Photomuseum Braunschweig
    Käthe Buchler aus der Serie „Heimatfront“ um 1915
  • Käthe Buchler aus der Serie „Heimatfront“ um 1915 © Photomuseum Braunschweig
  • Käthe Buchler aus der Serie „Heimatfront“ um (1914-1917) © Photomuseum Braunschweig
    Käthe Buchler aus der Serie „Heimatfront“ um (1914-1917)
  • Birte Henning aus der Serie „Theater Wolfsburg“ 2013 © Birte Henning
    Birte Henning aus der Serie „Theater Wolfsburg“ 2013
  • Birte Henning aus der Serie „Theater Wolfsburg“ 2013 © Birte Henning
    Birte Henning aus der Serie „Theater Wolfsburg“ 2013
  • Birte Henning aus der Serie „Theater Wolfsburg“ 2013 © Birte Henning
    Birte Henning aus der Serie „Theater Wolfsburg“ 2013
  • Yvonne Salzmann aus der Serie Mattierzoll | 2014/2015 © Yvonne Salzmann
    Yvonne Salzmann aus der Serie Mattierzoll | 2014/2015
  • Yvonne Salzmann aus der Serie Mattierzoll | 2014/2015 © Yvonne Salzmann
    Yvonne Salzmann aus der Serie Mattierzoll | 2014/2015
  • Yvonne Salzmann aus der Serie Mattierzoll | 2014/2015 © Yvonne Salzmann
    Yvonne Salzmann aus der Serie Mattierzoll | 2014/2015


Parallel zu den beiden Ausstellungen, die in den Torhäusern des Museums 2015 bis 2016 zu sehen waren, vertieft eine projektbegleitende Webseite den fotografischen Dialog über das kulturelle Erbe der Region mit erklärenden Texten und Fotografenbiografien. Erweitert wird das digitale Archiv mit Aufnahmen bedeutender Fotografen der Region aus der Museumssammlung, wie Heinrich Heidersberger, Heinrich Riebesehl, Christa Zeißig, Käthe Buchler, Ommo Wille, Hans Steffens, Jutta Brüdern und vielen mehr.
 
Der arretierte Blick löst sich in dieser Zusammenstellung aus dem Momenthaften und wird in der Verschmelzung von aktuellen und vergangenen Zeiten zu einem großen Weltengedächtnis, einem Raum-Zeit-Kontinuum, das weit über eine Region hinauswächst.