Marius Babias Im Dienste der Öffentlichkeit

Halil Altındere, Space Refugee (2016) | Journey to Mars; Palmyra Mars Mission Rover | Ausstellungsansicht n.b.k.
Halil Altındere, Space Refugee (2016) | Journey to Mars; Palmyra Mars Mission Rover | Ausstellungsansicht n.b.k. | © Neuer Berliner Kunstverein/Jens Ziehe. Courtesy Halil Altındere und PİLOT Gallery, Istanbul

Marius Babias, Leiter des Neuen Berliner Kunstvereins (n.b.k.), spricht über Medienkunst und ihre wichtigsten Berliner Vertreter, die gesellschaftliche Rolle von öffentlichen Kunstinstitutionen und über die Bedeutung von Transkulturalität in der Kunst.

Herr Babias, was zeichnet Medienkunst heutzutage aus?
 
Medienkunst ist eine Frage der Definition. Anfang der 1990er-Jahre gab es eine ganze Reihe von Philosophen und Semiotikern, die behauptet haben, die Medienkunst würde die klassische Kunst verdrängen und die Sinnlosigkeit von Malerei, Bildhauerei und anderen Medien vorführen. Denn nur die Medienkunst und die digitalen Künste entsprächen dem neuen Zeitalter der Computer. Wenn wir zurückschauen, ist nichts davon eingetroffen und Jean Baudrillard oder Vilém Flusser haben sich mit ihren vorauseilenden Hypothesen ein bisschen lächerlich gemacht. Richtig war, dass die ganze Gesellschaft eine digitale Wende genommen hat. Dennoch sind die alten Künste mit ihrem alten stofflichen Denken und Problemen erhalten geblieben. Sie wurden nicht durch den Computer, durch das Digitale aufgelöst. Deshalb vermeide ich eigentlich den Begriff Medienkunst soweit als möglich, weil er suggeriert, dass es keine stoffliche Welt mit realen Problemen gibt.
 
Hito Steyerl, After the Crash (2009 | Do You Speak Spasmoc? (2008) | Ausstellungsansicht Neuer Berliner Kunstverein, 2009 Hito Steyerl, After the Crash (2009 | Do You Speak Spasmoc? (2008) | Ausstellungsansicht Neuer Berliner Kunstverein, 2009 | © Neuer Berliner Kunstverein/Jens Ziehe. Was bedeutet der Begriff „Transkulturalität“ in der Kunst?
 
In einer Zeit, in der die kulturelle Landschaft Europas neu vermessen und entworfen wird, sollte die Bildende Kunst mitdefinieren, wie eine gesamteuropäische Identität im globalen Kontext zukünftig aussehen könnte. Warum sollte es nicht Aufgabe der Kunst sein, zu definieren, was es bedeutet Europäer zu sein? Das meinte ich mit Transkulturalität. Mittlerweile sind ja wieder zwanzig Jahre vergangen. Heute haben wir eine andere Problemlage: die Flüchtlingsdebatte. Und wieder könnte eine Aufgabe der Kunst sein, an vorderer Stelle mitzudefinieren, was ein Leben in der Migration, in der postmigrantischen Gesellschaft bedeutet. Man sollte das Entwurfsrecht nicht alleine der Politik und vor allem nicht dem Populismus überlassen.

Wie würden Sie die aktuelle Szene der Medienkunst in Berlin beschreiben und wer sind ihre wichtigsten Vertreter?
 
Vielleicht sollten wir weniger von Medienkunst oder Videokunst sprechen, sondern mit dem Begriff Bewegtbild arbeiten, der die Vielfalt integriert, die sich auf diesem Gebiet in Berlin zeigt. Zu nennen sind natürlich die Bildungsstätten, wie die Universität der Künste, die über einen entsprechenden Studiengang verfügt. Aber auch das Arsenal, mit dem wir viel zusammenarbeiten, und das silent green Kulturquartier, das eine Ausstellungshalle baut, in der das Bewegtbild im Vordergrund steht. Und natürlich wir, der n.b.k. Wir verfügen über die europaweit größte Videokunstsammlung, in der aber auch Filmemacher vertreten sind. Es handelt sich nicht um ein Archiv, sondern um eine Kunstsammlung, die über fünfzig Jahre gewachsen ist. Mit unseren 1.600 Arbeiten sind wir inzwischen größer als das Archiv des Centre Pompidou und größer als jede Privatsammlung weltweit. Wir sammeln im öffentlichen Auftrag des Landes Berlin und machen die Sammlung produktiv öffentlich. Wir haben ein Videoforum und eine Präsenzvideothek, in der Besucher nach Anmeldung vorbeikommen und sich diese tollen Arbeiten anschauen können. Es finden Seminare statt und viele Kuratoren aus aller Welt recherchieren bei uns. Das ist unsere Bildungsarbeit.
 

Clemens von Wedemeyer, Against the point of view (2016) | Ausstellungsansicht n.b.k. 2016
Medien sind Verstärker und Transmitter einer künstlerischen, politischen Botschaft
 
Gibt es auch Kooperationen mit privaten lokalen Videokunst-Initiativen?
  
Nein, konkret nicht. Wir haben nicht die Aufgabe, mit privaten Sammlern zusammenzuarbeiten, aber man kennt und schätzt sich. Unsere Aufgabe ist es, der Demokratie und der Öffentlichkeit zu dienen. Unsere Vorstellung ist, dass das Leben eine Form permanenter Produktion ist. Bildungsinstitutionen sollten Übersetzungsformeln für diesen Prozess der affektiven Arbeit finden, und als sinnfällige Angebote zu Teilhabe der Öffentlichkeit modellhaft zur Verfügung stellen. Denn letztlich prägen Bildungsinstitutionen das kulturelle Selbstbild, das die Gesellschaft von sich hat – und somit stärken sie auch die Demokratie, in deren Auftrag sie agieren. Wir müssen auf gesellschaftliche Relevanz achten und ästhetische Werte hervorbringen. Wir dürfen uns nicht an privaten Interessen ausliefern. Im Gegenteil: Wir müssen zweckfrei, nicht im Sinne einer partikulären Gruppe, sondern im Dienste der Öffentlichkeit agieren. Das ist unser Credo.
 
In Berlin leben international anerkannte Künstler, wie Hito Steyerl, Candice Breitz, Carsten Nicolai oder Julian Rosefeldt. Braucht Berlin einen Ort für die Präsentation von Medienkunst und die Auseinandersetzung über sie – so wie das ZKM in Karlsruhe oder das Ars Electronica Center in Linz?
 
Mit einigen der genannten Künstler haben wir auch zusammengearbeitet. Wir geben jedes Jahr ein neues Werk in Auftrag. Es wurden Arbeiten von Künstlern und Künstlerinnen, wie Allan Kaprow oder Rebecca Horn in Auftrag gegeben und von Hito Steyerl, oder anderen, die heute einen großen Namen haben. Aus meiner Sicht braucht Berlin kein Haus wie das ZKM Karlsruhe oder das Ars Electronica Center. Für mich hängen diese viel zu sehr am eingeführten Medienbegriff, und sie bringen zu wenig das instrumentelle Verständnis von Medienkunst – für das ich werbe – mit. Ein instrumentelles Verständnis, das nicht vergisst, dass es auch eine stoffliche Welt gibt. In diesem Sinn reicht eigentlich unsere Arbeit im Video-Forum. Nur sind wir räumlich sehr beengt. Darüber sind wir mit der Berliner Politik im Gespräch. Ich bin optimistisch, dass das Videoforum erweitert wird und wir diesen Schatz permanent der Öffentlichkeit präsentieren können. Wir haben beispielsweise eine Dependance im Nordstern Videokunstzentrum in Gelsenkirchen, wo wir auf sechs Etagen thematische Ausstellungen einrichten. So ähnlich könnte ich mir die Präsentation von Bewegtbild auch für die Stadt Berlin vorstellen.
 

Porträt: Marius Babias Porträt: Marius Babias | Foto: Jens Ziehe Marius Babias lebt als Kurator und Kunsttheoretiker in Berlin. Seit 2008 ist er Leiter des Neuen Berliner Kunstvereins (n.b.k.). Von 1997 bis 2001 hatte Babias Gastprofessuren für Kunsttheorie und -vermittlung an der Städelschule Frankfurt am Main und am Center for Contemporary Art Kitakyushu, Japan, inne. 1996 erhielt Babias den Carl Einstein Preis für Kunstkritik. Er ist Herausgeber zahlreicher Publikationen zur Gegenwartskunst und zur Kunsttheorie, sowie Autor verschiedener Bücher.