Außereuropäische Kunst „Wir wollen nicht so sein wie ihr“

Der australische Aborigine-Künstler Turkey Tolson Tjupurrula bei der Arbeit.
Der australische Aborigine-Künstler Turkey Tolson Tjupurrula bei der Arbeit. | Foto (Zuschnitt): © picture alliance / Mint Images

Ab wann ist ein Werk eigentlich Kunst? Weshalb Arbeiten von indigenen Landfrauen es schwer haben, einen Platz im Museum zu bekommen, und Kunstexperten öfter aus der ihnen bekannten Welt ausbrechen sollten, erläutert die Amazonien-Expertin und Ethnologin Mona Suhrbier vom Weltkulturenmuseum in Frankfurt am Main.

Frau Suhrbier, welche Kunst fällt unter den Begriff „indigene Kunst“?

Da muss ich vorausschicken, dass wir hier im Weltkulturenmuseum nicht von indigener Kunst sprechen. Das Museum sammelt seit 1975 zeitgenössische außereuropäische Kunst. Bei einer Ausstellung benennen wir dann zusätzlich die konkrete Region. Um aber Ihre Frage – etwas provokativ – zu beantworten: Die indigene Kunst ist immer die, die nicht national ist. Die, mit der  ein Land sich nicht nach außen darstellen möchte. Es ist die „Folklore“, das „Kunsthandwerk“. Nehmen wir das Beispiel Mexiko. Die mexikanische Kunst macht sehr viele Anleihen bei lokalen indigenen Traditionen. Auch der Maler Diego Rivera, das international bekannte Aushängeschild der mexikanischen Moderne, bezieht sich auf die lokalen Traditionen, etwa auf den Totenkult. Trotzdem ist es auch in Mexiko – wo die indigene Bevölkerung mehr als 80 Prozent der Bevölkerung ausmacht – immer noch so, dass unterschieden wird zwischen der Weltkunst, der hohen Kunst, die geeignet ist für die Kunstmuseen, und der eher als Folklore betrachteten Kunst. Für die wurde dann im 21. Jahrhundert extra ein Museum der Folklore errichtet. Ich habe mich schon gefragt: Wozu braucht man dieses Museum? Warum ist das, was hier gezeigt wird, nicht auch einfach Kunst?

Haben Sie eine Antwort darauf gefunden?

Wenn eine Produktion an ästhetischen Ausdrucksformen aus einer ländlichen Gegend stammt, und dann auch noch von Frauen, dann steckt man es gern ins Folkloremuseum. Wenn es aber von einem urbanen Künstler in Mexiko-City mit dem entsprechenden Lebenslauf erschaffen wurde – er hat zum Beispiel bei den richtigen Leuten studiert – dann kann er erst den Weg des anerkannten Künstlers antreten. Meiner Ansicht nach liegt in solchen „westlichen“ Kriterien das Problem. Oft entscheidet schon das Material: Keramik wird gern von der Kunstwelt genommen – „ja, das könnte schon Kunst sein“ –, ein geflochtener Korb dagegen hat es schwer. Es gibt nur ganz wenig zeitgenössische Kunst aus ländlichen Zusammenhängen, die es in Museen geschafft hat. Ausnahmen sind etwa Aborigine- und Maorikunst.

Inwieweit reflektieren westlich sozialisierte Kunstexperten, dass sie ihnen unbekannte Kunsttraditionen eventuell gar nicht beurteilen können?
 
Ich glaube, es wird immer das als gut erachtet, was bekannt ist, auch von Kunstexperten. Die meisten Leute reflektieren nicht, dass sie in einer bestimmten visuellen Welt aufgewachsen sind. Diese Welt dient als eine Art Richtschnur. Das ist mehr eine erfühlte als eine intellektuelle Haltung. Ich denke, die Selbsthinterfragung in der ästhetischen Prägung wird viel zu wenig geübt bei uns.

Selbst wenn außereuropäische oder indigene Kunst in westlichen Museen gezeigt wird, so hört und sieht man die Produzenten kaum. Woran liegt das?

Es gibt oft praktische Schwierigkeiten: Sagen wir, wir wollen in Frankfurt eine Veranstaltung durchführen und einen Vertreter der sogenannten „source community“ einladen, also der Gemeinschaft, aus der die Kunst stammt. Dann würde es sich immer anbieten, einen Englisch sprechenden Vertreter aus dem akademischen Bereich einzuladen, der reflektiert über eine Sache berichten kann. Sonst wird es schwierig mit der Vermittlung und dem Verständnis. Aber diese Leute können Sie mit der Lupe am Strand in den Sandkörnern suchen. Wir versuchen das, aber es klappt nicht immer. Eine weitere Schwierigkeit kommt hinzu: Wer ist überhaupt die „source community“? Ich habe gerade eine Ausstellung aufgebaut mit Guaraní-Künstlern. Es gibt in Südamerika über fünf Länder verteilt 250.000 Menschen, die zu den Guaraní zählen. Den Repräsentanten gibt es nicht.

Wen haben Sie in diesem Fall eingeladen?

Unter anderem eine Gruppe Rapper. Die Guaraní sind ein Volk der Dichter und Sänger. Wenn man heute jung ist, liegt es nah, dass man Rapper wird. Ein Satz dieser Jungen, der mich besonders inspiriert hat, lautet: „Wir wollen nicht so sein wie ihr.“ Die Guaraní-Jugend sagt der brasilianischen Gesellschaft: Wir haben eigene Lebensentwürfe. Die Kunst des Überlebens bei den indigenen Völkern in Südamerika besteht ja darin, dass jede Generation einen neuen Weg finden muss, und wenn das nicht gelingt, geht sie unter. Jede neue Generation muss mit der jeweiligen Nationalgesellschaft, sei das eine koloniale oder eine moderne, in einen Diskurs treten und über ihr Leben verhandeln. Die jungen Guaraní machen das jetzt eben mit dem Rap.

Sie selbst sind Ethnologin. Was ist aus Ihrer Sicht die größte Herausforderung für westliche Kunsthistoriker, Galeristen usw., wenn sie sich mit außereuropäischer und indigener Kunst befassen wollen?
 
Die Kunstwelt hat ihre eigenen Vorstellungen und Werte, zum Teil mit einer großen Naivität in den Urteilen. Den Umgang mit dem Fremden, den muss man auch üben. Die westliche Bildungselite hat noch nicht verstanden, dass die Welt groß ist und dass es viele verschiedene Strömungen gibt. Man muss ernst nehmen, dass es Kunst gibt, die sagt: Wir wollen nicht so sein wie ihr – wir wollen auch eine andere Kunst machen, wir rappen auch anders als ihr.