Marx lebt Annäherungen unserer Zeit

Annäherungen unserer Zeit
Annäherungen unserer Zeit | Foto: © Goethe-Institut

Der Tod eines Menschen gibt allem, was ihn betrifft einen endgültigen Charakter. Es wird sicherlich Geheimnisse geben, die mit ihm sterben. Und es kann sein, dass nach hundert Jahren, beim Durchstöbern der Papiere Tatsachen entdeckt werden, von denen keiner auf der Beerdigung wusste und die nun auf das Leben des Verstorbenen ein neues Licht werfen. Der Tod verändert die Tatsachen qualitativ aber nicht quantitativ. Der Tod einer Person lässt uns nicht etwa mehr erfahren. Was man aber weiss, prägt sich ein und ist endgültig. Wir können nicht erwarten, dass Zweideutigkeiten geklärt werden. Wir können keine Veränderungen erwarten, wir können nichts mehr erwarten. Jetzt sind wir die Protagonisten und müssen uns entscheiden.

John Berger

Von Oscar Vega Camacho

Diese Worte stammen von John Berger aus einem kleinen denkwürdigen Buch, in dem es um das Leben eines englischen Landarztes geht. An einer Stelle seiner Erzählung reflektiert er darüber, wie die Annäherung bei der Erzählung über einen lebendigen Menschen anders als die über einen Toten ist. Der Protagonismus in der Geschichte, die man erzählt, bestimmt diese radikale Veränderung, weil man von der lebendigen Person noch Neuigkeiten, Überraschungen und Geheimnisse erwarten kann, so als ob man ein offenes Buch mit leeren Blättern öffnet. Oder wir erwarten noch das nächste Buch, mit Nachrichten und Abenteuern. In der Geschichte eines Toten jedoch, bei dem die Endgültigkeit die Situation besiegelt, bleibt uns nur noch der Sache zu gedenken und das was man weiss, zu rekonstruieren. Ein Leben, das zu seinem Ende kommt, schließt die Geschichte dieses Lebens.

Vielleicht ist es nicht wirklich ein beendetes oder vollendetes Leben, so wie ein geschlossenes Buch; aber es ist zu seinem Ende gekommen und weckt und rüttelt den Sinn dieses Endes auf. Deshalb gehört der Protagonismus denjenigen, die leben: In diesem Fall denjenigen, die Erinnerungen haben, denjenigen, die schreiben und lesen können. Allgemein kann man sagen, dass die Verantwortung im Gedächtnis der Lebenden liegen wird, denn sie werden für immer entscheiden müssen, welche Erinnerungen, Situationen, Worte oder Personen denkwürdig sind und diesem Leben einen Sinn geben können.

1.Ich habe diesen Text „Marx lebt“ betitelt, gerade weil ich darüber nachgedacht habe, wie man die Zweihundertjahrfeier seiner Geburt und die 135 Jahre seines Todes begeht. Es ist ein Leben, das noch mitschwingt, welches Funken sprüht, wenn man ihn nennt, sei es polemisch, aus seiner Urheberschaft heraus, als Herausforderung oder Verurteilung. Deshalb wird er auch adjektivisch benutzt, womit ganz verschiedenartig und widersprüchlich etwas oder jemand qualifiziert wird, das oder der einen Marxisten ausmacht,. In der Tat ist es ein Eigenname, der darin besteht, die verschiedenen Denkweisen zu ändern, kognitive Rahmen zu sprengen und je nach Einsatz bestimmten Vokabulars das Verhalten und die Aktionen des sozialen Lebens in seinem täglichen Gebrauch zu prägen und zu verändern

Mit dem Namen Marx wird immer die so verbreitete Ikonographie eines ernsten Mannes starren Blickes mit geraden Augenbrauen und hoher Stirn, weissen Haaren und langem Bart verbunden. Eine Persönlichkeit des Wissens, einer Autorität, so wie die Bilder der großen Patriarchen und Propheten, wie z.B. Moses oder Aristoteles. Seine Macht und Grandiosität schüchtert uns entweder ein, kann uns aber auch verführen. Bei den meisten handelt es sich um Daguerreotypien, die im Studio eines professionellen Fotografen aufgenommen wurden, für die es erforderlich war, einen Anzug für diesen besonderen Anlass zu tragen und eine Choreographie der Pose und der Gestik der Porträtierten zu erstellen. Daher sind es Portraits, die ein personifiziertes Bild von Autorität, Status und persönlichem Charakter bestätigen.

Auf einigen Bildern wird er mit seinen Töchtern: Jenny, Laura und Eleanor, seiner Frau Jenny von Westphalen, seinem Freund und Kameraden Friedrich Engels posieren, und auf einigen ist die treue Helena, die ihr gesamtes Leben der häuslichen Arbeit dieser Familie widmete.

Dies war das intime Familienporträt der Marx, besonders seit dem langen Exil in London im Jahre 1849, wo sie, gemäß den plötzlichen Veränderungen des familiären Einkommens, ständig umziehen mussten. Marx hatte nie eine feste oder dauerhafte Arbeit. Seine wenigen Möglichkeiten waren Tätigkeiten als Redakteur und Artikel- oder Essay-Aufträge für Zeitungen oder Enzyklopädien, in der Hoffnung, seine Bücher gut verkaufen zu können, was er im Leben nie genießen durfte. In seiner Jugend fiel ein erstes universitäres akademisches Angebot schnell seinen theoretischen Positionen zum Opfer, seinen Aktivisten- und politischen Bohѐmekreisen in Bonn und Berlin, was später als die Radikalisierung der wilden Jahre der jungen Hegelianer bekannt wird. Aus dieser Zeit stammt der Eindruck von Edgar Bauer:


Wer steckt hinter dem wilden Ungestüm?

Ein schwarzes Individuum aus Trier, ein robustes Monster

Es geht hüpfend, springt auf seinen Füßen,

rennt wütend und dann, als ob es

den weiten Himmel greifen wollte,

ihn auf den Boden zu schleifen, hebt es ungestüm die Arme in die Lüfte,

die Faust wütend geschlossen, lärmt es ohne Unterlass,

so als ob Tausende von Dämonen seinen Körper besäßen.


Es war im Jahre 1844, im Regency Café in Paris, einer traditionellen Schachspielstätte, die von Voltaire und Rousseau frequentiert und von Diderot in seinem Roman „Rameaus Neffe“ beschrieben wurde, wo Marx mit Friedrich Engels Gespräche führte und eine innige und tiefe Freundschaft entstand. Er war nur wenige Jahre jünger und stammte aus einer wohlhabenden preußischen Familie, die von ihm erwartete, in Zukunft die Geschäftsinitiativen in der Textilbranche fortzusetzen, obwohl seine vitalen Überzeugungen sich immer um den Sozialismus und die soziale Revolution drehten. Bald begannen sie, verschiedene Schriften gemeinsam zu bearbeiten, und auszutauschen und später die Bücher als Co-autoren zu signieren, was es bis heute sehr schwierig macht, zu erkennen, was wem entspricht, oder man dazu neigt, einen von ihnen möglicherweise für das Vermächtnis verantwortlich zu machen; nicht nur für das Geschriebene, sondern auch für die spätere Vulgarisierung und den Dogmatismus. Ein entscheidendes Merkmal dieser innigen Freundschaft und Komplizenschaft wird sein, dass Marx in seiner unsicheren wirtschaftlichen Familiensituation immer die bedingungslose Unterstützung und Förderung von Engels erfahren wird. Das jüngste Buch von Tristam Hunt, The Communist Gentleman, veröffentlicht 2009, erzählt auf dokumentierte und unterhaltsame Weise das leidenschaftliche, konfliktreiche und vieldeutige Leben des Freundes und Kameraden Marx.

Karl Marx war auch unter dem Spitznamen, den ihm seine Studentenzeit einbrachte, bekannt: „Der Mohr“, wegen seiner dunklen Haut- und Haarfarbe. Dieser Spitzname wird sein ganzes Leben überdauern, wird von seinen intimsten Freundschaften genutzt und war vor allem die Art, wie sich seine Töchter an ihn wandten, was uns schon etwas über die besondere familiäre Atmosphäre sagt, in der sich seine Zuneigung, Beihilfe und Not entfaltet.

In der 2014 erschienenen Biographie von Raquel Holmes über Eleanor Marx wird die Geschichte der jüngsten Tochter von Marx erzählt, die ihn von klein auf eng begleitete und das Werk ihres Vaters transkribierte, ordnete und verbreitete, und die auch eine zentrale Rolle in den Bewegungen und Organisationen für Frauenrechte spielen wird. Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, übersetzte sie den Roman Madame Bovary von Flaubert und nahm an verschiedenen Theaterinitiativen teil, insbesondere, wenn Ibsen gespielt wurde. Die ersten Kapitel der Biographie von Raquel Holmes werden ein Versuch sein, das eigentümliche und exzentrische Familienleben der Marx zu skizzieren, gekennzeichnet durch die Rollen, häusliche Sorgen, Umzüge und den vorzeitigen Tod der Schwestern und Brüder, den frühen Lektüren der Mädchen und der konzentrierten Unterstützung der gesamten Familie bei Forschungs- und Redaktionsaufgaben der Schreibarbeiten ihres Vaters.

Es ist weder das vertraute, typische oder übliche Bild des englischen viktorianischen Zeitalters, noch das der deutschen Exilanten in London, und noch weniger das der vorstädtischen industriellen Arbeiterwelt. Aber etwas weist uns auf die immensen kulturellen Veränderungen hin, die am Ende dieses Jahrhunderts in den verschiedenen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens in Bezug auf die Ordnung der bestehenden Institutionen, Autoritäten und Werte vor sich gehen.
 2.Unter den Dokumenten über das Leben von Marx gibt es den merkwürdigen Bericht eines preußischen Spions, der sich als verfolgter politischer Aktivist in London ausgab, so dass er in der Lage war, das Haus der Familie Marx zu besuchen, und so eine akribische Reportage an seine Vorgesetzten zu richten:

Marx ist durchschnittlich groß, vierunddreißig Jahre alt, hat aber schon graue Haare. Seine kräftige Statur und seine Gesichtszüge erinnern an den ungarischen Revolutionär Sgemere, nur mit dunklerer Haut und schwärzerem Haar, einem langen Bart und großen, funkelnden, scharfsinnigen Augen; er hat etwas Dämonisches, Unheimliches. Seine ganze Gestalt vermittelt den Eindruck eines Mannes, der mit Genialität und Stärke ausgestattet ist, und seine intellektuelle Überlegenheit übt eine unwiderstehliche Macht auf seine Umgebung aus.

In seinem Privatleben ist er ein zynischer und extrem unorganisierter Mensch, ein schlechter Gastgeber und eingefleischter Bohѐmien; Seine Hygiene, Frisur und Kleidungswechsel sind außergewöhnliche Ereignisse. Als Ehemann und Vater einer Familie scheint er trotz seines wilden und reizbaren Charakters liebenswürdig und zärtlich zu sein. Er wohnt in einem der ärmsten und billigsten Wohnviertel von London. Sein Zuhause besteht aus zwei Zimmern: eines ist das Wohnzimmer, das zur Straße hin liegt, und das hintere dient als Schlafzimmer. In diesem Haus findet man kein einziges sauberes Möbelstück, was noch in gutem Zustand wäre, alles ist in Fetzen, kaputt und auseinandergenommen; eine dicke Staubschicht bedeckt Dinge und Gegenstände und alles steht auf dem Kopf. In der Mitte des Raumes steht ein großer, antik aussehender Tisch mit einem Wachstuch darüber - und fast versteckt darunter ein Berg von Manuskripten, Tagebüchern, Büchern, Kinderspielzeug, Lappen und Näharbeiten von Frau Marx.

Beim Betreten des Hauses wird der Besuch von dieser Kohle- und Tabakwolke eingehüllt, so dass man sich wie in einer Höhle vortasten muss, bis sich die Augen daran gewöhnt haben und sich dann der Kram wie durch den Nebel erahnen lässt. Der vorherrschende Schmutz und die Sorglosigkeit machen den bloßen Akt sich zu setzen zu einer Übung voller Gefahr. Ein Stuhl hat nur drei Beine, und die Kinder spielen auf einem anderen „Küche“, welcher aus reinem Zufall ganz bleibt. Und genau dieser wird dem Besucher angeboten, ohne ihn von dem Eintopf der Kinder zu reinigen, und sobald du dich setzt, ist es vorbei mit deiner Hose. Aber nichts davon stört Marx oder etwa seine Frau. Sie empfangen uns höflich und bringen freundlich eine Pfeife, Tabak und eine erste Erfrischung, die sie erstaunlicherweise gefunden haben! Eine intelligente und angenehme Unterhaltung gleicht häusliche Missstände aus und lässt den Mangel an Komfort erträglich werden. Und schließlich hat man sich an ihre Gesellschaft gewöhnt und findet sie kurios und originell. So wird das getreue Porträt des häuslichen Lebens des kommunistischen Anführers Karl Marx geschildert.

Dieser Polizeibericht ist eine der detailliertesten Beschreibungen des häuslichen Lebens der Marx in London, die uns gewiss an die Welt der Romane von Charles Dickens und die schwierigen Anfänge des wilden industriellen Zeitalters des Kapitalismus im dominanten englischen Imperium erinnert.

Eines der größten Geheimnisse dieses Familienlebens, das bedeutenderweise über Jahrzehnte verhüllt wurde und die Moral seiner verschiedenen Hüter offenlegte, war der uneheliche Sohn von Marx, der weder seinen Nachnamen trug, noch an dem Familienleben teil hatte. Er war das Geheimnis der Familie und später des Vaters der kommunistischen Partei. Es gibt verschiedene Versionen darüber, wie man die Schwangerschaft der treuen Helena, der Haushälterin begründete, unter anderem, dass Engels selbst die Verantwortung übernahm, und dass man das Kind, als es geboren wurde, zur Adoption freigab. Und natürlich als die Briefe von Marx und Engels entdeckt wurden, die in den Marx-Archiven in der Sowjetunion bis Mitte des 20. Jahrhunderts beschlagnahmt worden waren, - und die diese Situation verständlich machten, weckten sie gnadenlose und vorsätzliche Auslegungen über das Leben von Marx und seiner Familie.

Aber es wird auch der narrative Kern eines der kühnsten literarischen Werke in Romanform sein: Die Marx - Saga von Juan Goytisolo, die er 1993 gegen die damals aktuellen politischen Tendenzen bezogen auf Marx und den Kommunismus veröffentlichte. Er wird seinen Roman mit einem Marx vor der Ankunft der albanischen Flüchtlinge an den europäischen Küsten beginnen und mit einer Porträtehrung an Helena für ihre stille und tägliche Hingabe beenden, jene nicht anerkannten Arbeiten, die die Reproduktion in allen Bereichen des Lebens ermöglichen.

Wie schreibt man über Marx, wenn es mehr als nur eine kurze Einführung in sein Leben und Werk ist? Denn wenn sich im Laufe der Zeit etwas geändert hat, dann sind das die Vorstellungen von Leben und Werk. Das heisst, dass wir während des 20. Jahrhunderts an enormen kulturellen Veränderungen teilnahmen, die bewirkt haben, dass der Umgang mit einer Lebensgeschichte sehr verschiedene Ecken und Kanten haben wird, seien diese historischer, soziologischer, psychologischer oder psychoanalytischer Natur. Vor allem kann aber die Idee des Erzählens einer Geschichte und eines Lebens vielfache Episoden und Variationen oder unterschiedliche Perspektiven einer Person oder einer Situation hervorrufen. Von dieser Sichtweise aus ist der Roman und der Film ein ständiges narratives Labor, in dem die Lebens- und Erzählformen geübt und experimentiert werden.

In diesem Sinne kann Marx exemplarisch sein, weil schon sehr früh und noch zu seinen Lebzeiten biographische Skizzen geschrieben wurden; Engels schrieb 1877 für ein Jahrbuch, und wenige Jahre nach seinem Tod wurden seine ersten Biographien veröffentlicht; von seiner Tochter Eleanor 1883, von Liebknecht 1896, Mehring 1918 und Lenin 1915. Und von den in anderen Sprachen am weitesten verbreitet: : Korsch 1938, Rubel 1957, Berlin 1959, Blumenberg 1962. Die jüngsten Biografien, voluminöser und weniger hagiographisch - enthalten zum Beispiel die sorgfältige und vorsichtige Rekonstruktion von der Geschichte der Ideen von Rolf Hosfeld 2009, von dem Verlauf der politischen Militanz, und erzählen mit der englischen Ironie von Francis Wheen im Jahre 2012; oder aus der Perspektive des europäischen Historikers des 19. Jahrhunderts, Jonathan Sperbers, der 2013 aufkommenden Lesarten über die Situation der assimilierten Juden versammelt, der nationalen Konflikte um die monarchischen Regime und bestehenden Imperien und über die Nutzung des erst kürzlich geöffneten Archivs der Korrespondenz zwischen Marx und Engels.

Auf der anderen Seite ist, wie ich sagte, das, was wir das Werk von Marx und Engels nennen, die verbreiteten veröffentlichten Bände, nur ein Teil des schriftlichen Vermächtnisses, das er hinterließ: Die geplante Auflage des Gesamtwerkes auf Deutsch sieht 130 Bände vor, von denen man gerade 50 veröffentlicht hat. Dabei gibt es schon die Schwierigkeit der Abgrenzung über das „Werk“ an sich, da natürlich nicht alles Material Bücher, Artikel, Essays und Korrespondenz sind; vieles sind Aufzeichnungen über Lektüren und Kommentare, Skizzen und Notizen. Es waren Zeiten, in denen das Forschen, Dokumentieren, Übertragen und Kontaktieren nur das Papier und das Schreiben von Hand als Träger hatten; die Schreibmaschine wurde erst um 1870 eingeführt, und es sollte Eleanor, die Tochter von Marx sein, die diese benutzte. Das heißt, jene Papiere und Schriften, die für eine bestimmte Arbeit und Zeitpunkt der Redaktion eine Funktion gehabt haben könnten und vielleicht mit der Zeit verlegt oder akkumuliert worden sind, so wie diese Kisten, die wir aus bestimmten Gründen nicht weggeworfen haben, und deren vergessenes Überleben wir immer wieder verschoben haben. Die akribische Dokumentation der Materialien eines Autors oder Künstlers kann durch ihre ausgeprägte Obsession faszinierend sein, aber in gewisser Weise auch an Naivität und Willkürlichkeit grenzen.

Für diejenigen, die sich auf die dokumentarische Suche in unserer globalen digitalen Welt aufmachen wollen, ist seit einigen Jahren im Internet ein Archiv Marx/Engels https://www.marxists.org/archive/marx/ zu finden, welches aus Beiträgen verschiedenster Quellen, Sprachen und Materialien rund um den Marxismus besteht. Man findet dort jede Art von Dokumenten, Ausgaben und Übersetzungen, Bilder, Fotografien und Links. Es ist eine Abenteuerreise durch das marxistische Labyrinth, wie eine erstaunliche Babel-Bibliothek oder ein Traum von Borges.
3.Bei seiner Teilnahme anlässlich der 150 Jahre Veröffentlichung des „Kapitals“ hat vor Kurzem der Argentinier Horacio Racus seine Rede mit einer Anekdote aus einer Biographie über Marx begonnen, der wenige Tage, bevor er die letzte Version seines Manuskripts an die Druckerei schickte, Engels bat, Das unbekannte Meisterwerk von Balzac zu lesen, das die Geschichte eines großen Malers erzählt, der sich viele Jahre der künstlerischen Arbeit gewidmet hat, die die Kunst revolutionieren sollte. Nach zehn Jahren schließlich gibt er auf, indem er sein Werk zerstört und sich dann das Leben nimmt. Diesen kuriosen literarischen Wunsch von Marx parodierend, bemerkt Tarcus:

Laut Aussage seines Schwiegersohns Paul Lafargue war Marx „nie zufrieden mit dem, was er tat“. Und Lafargues Aussage ist für uns von besonderem Interesse, weil es uns zwei entgegengesetzte Seiten des Kapitals zeigt: Zum Einen ist es das Werk, das Marx weltweit die hohen Weihen verleiht und welches schon zu Lebzeiten des Autors Neuauflagen und Übersetzungen erlebt. Aber die Weihung von Marx und die frühe Sakralisierung des Kapitals stehen im Kontrast zu dem anderen Bild, das Lafargue uns bietet, und das seine Korrespondenz bestätigt: Die eines handwerklichen Autors, immer unzufrieden mit den Ergebnissen von mehr als zwei Jahrzehnten Arbeit, die er in aufeinanderfolgenden Entwürfen schreibt und dann verwirft, um wieder von Neuem zu beginnen, und der immer wieder die Abgabe der versprochenen Originale an seine Herausgeber verschiebt. Trotz dieses Gefühls verbrannte Marx sie glücklicherweise nicht, und nach verschiedenen Schicksalsschlägen gingen seine Manuskripte an die Deutsche Sozialdemokratische Partei und schließlich, mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus, wurden sie im Institut für Sozialgeschichte von Amsterdam untergebracht.

Und weiter wird er aufzeigen:

Unser Verständnis von Marx‘ Meisterwerk wird durch die aufeinanderfolgende Veröffentlichung mehrerer Manuskripte vermittelt: Band 2 des Kapital wurde 1885 von Engels veröffentlicht, und Band 3 im Jahre1894; Theorien des Mehrwerts wurde von Karl Kautsky zwischen 1905-1910 herausgegeben; die Manuskripte von 1844 und die Deutsche Ideologie wurden 1932 bekannt gemacht; das unveröffentlichte Kapitel VI des Kapitals, 1933, und die so genannten Grundrisse, zwischen 1939 und 1941. Es besteht kein Zweifel, dass ohne die posthume Veröffentlichung dieser Manuskripte unsere Kenntnisse von Marx arm und bruchstückhaft wären. Es muss jedoch betont werden, dass die Arbeit seiner Redakteure - so qualifiziert Persönlichkeiten wie Engels, Kautsky oder David Riazánov auch waren -, sich niemals auf die Frage der technischen oder intellektuellen Kompetenzen beschränkten, sondern sich vor allem auf die Frage der Autorität bezogen. Zum Zeitpunkt des Vertriebes eines neuen Werkes, drehte sich die Grundsatzfrage um welche Person (Engels, Kautsky usw.) oder welche Institution (die SPD, das Marx-Engels-Lenin-Institut in Moskau usw.) ausreichend Autorität hätte, um das zustande zu bringen, was Marx so sehr abgelehnt hatte, nämlich die Fragmente zusammenzufügen, die der Autor selbst nicht in ein Ganzes integriert hatte, um seine verdächtigen Punkte oder unvollendeten Sätze zu vervollständigen.

Dies sind einige der Schwierigkeiten in Bezug auf den Begriff des Werkes selbst und die Abenteuer, die die Auflagen seiner Bücher immer noch durchmachen. Aber die Kunststücke und unwegsamen Wege seiner Übersetzungen sind auch wie ein Roman. Im Falle des Spanisch ist es „eine transatlantische Sage, die von Revolutionen, Kriegen, Diktaturen und Exilien“ durchzogen wird, wie Tarcus nochmals aufzeigt:

Allein im Jahr 1887 erschien eine, wenn auch nicht vollständige Ausgabe des ersten Bandes in spanischer Sprache. Seitdem und bis heute zählen wir zwölf Übersetzer des Kapitals ins Spanische: sechs Spanier (Pablo Correa und Zafrilla, Juan Manuel Figueroa und seine Kollegen, Vicente Romano und Manuel Sacristán, sowie zwei weitere Exilanten in Mexiko: Manuel Pedroso und Wenceslao Roces), vier Argentinier (Juan B. Justo, Juan E. Hausner, Floreal Mazía und Raúl Sciarreta), ein Uruguayer (Pedro Scaron) und ein Chilene (Cristián Fazio). Es ist unmöglich, die spanische von der lateinamerikanischen Verbreitung zu trennen. Die erste direkte Übersetzung aus dem Deuschen des ersten Bandes des „Kapitals“ wurde von dem Argentinier Justo angefertigt, aber in Madrid von einem spanischen Sozialisten (García Quejido) herausgegeben. Die spanischen Übersetzungen von Manuel Pedroso und Wenceslao Roces erreichten erst mit dem Exil der Republikaner in Mexiko die massive Verbreitung in der spanischsprachigen Welt. Und die Veröffentlichung der Übersetzung von Pedro Scaron wurde 1975 in Buenos Aires begonnen, aber wegen des Militärputsches im März 1976 erst in Madrid beendet. Wie man sehen kann, handelt es sich anstelle einer spanischen oder lateinamerikanischen Geschichte in erster Linie um eine transatlantische Geschichte.4.Wenn wir den Faden zu Marx wieder aufnehmen wollen, finden wir ein riesiges Labyrinth voller Geschichten über sein Leben, seine Familie, Freunde und Feinde; von Büchern, Manuskripten und Notizen, die die Übersetzung oder den Sinn seiner Arbeit bestreiten; Parteien, Gruppen und Tendenzen, die in seinem Namen die Autorität für seine Sache an sich reißen. Während des 20. Jahrhunderts war sein Name ein wahres Schlachtfeld. Mit dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus und dem Ende des Kalten Krieges schien es, dass Marx und seine gesamte Gesellschaft nun endlich begraben werden konnten.

Tatsächlich war es eine Zeit, in der ausgelöst durch die Krise der Modernität diskutiert wurde, in der Kultur und Politik, über das Ende der großen Darstellungen in Philosophie, Politik und Geschichte, die sich auf die Revolution, Vernunft und Freiheit als die universellen Prinzipien der Menschheit konzentrierten. Es seien Zeiten der Postmoderne und des Neoliberalismus, der neuen komplexen vernetzten Gesellschaften, des massiven Exodus, der die immensen urbanen Metropolen der Welt bilden, des Aufstiegs der Telekommunikationsimperien und der transnationalen Konzerne, der Macht der Finanzwirtschaft mit ihren technokratischen Berechnungen - und der Unsicherheiten, die dadurch sozial erzeugt werden. Es ist keine Landschaft der Welt von Marx, oder zumindest scheint es weit entfernt von den Erfahrungen seiner Zeit zu sein, aber es gibt so etwas wie eine Rückkehr, fast so wie einen Notstand, Marx nochmals zu lesen, zu studieren und ihn wiederzuentdecken. Vielleicht ist es eine Neuerfindung oder ein Neu-Schaffen eines unzeitgemäßen Marx für die Zeiten, die wir noch erleben.

Dieser Übergang zu den verschiedenen Veränderungen, die wir erleben, macht das vorherige Jahrhundert kaum wieder erkennbar, ganz zu schweigen von dem Jahrhundert davor. Auf diese Weise ist der Umgang mit 1800 so, als ob man sich zum Altertum der Moderne lehnt, von dem nur noch wenige Überreste, Ruinen und trostlose Fragmente übrig geblieben sind. Und das 19. Jahrhundert ist die Zeit, von der wir hartnäckig entschlossen sind, zu vergessen, zu löschen, weil es von Kriegen, Völkermorden, Verschwinden, Massenwanderungen, dem Hass der Ideologien und Rassismus geprägt sein würde.

Wahrscheinlich ist es nicht nur ein Gefühl der Distanz, sondern vor allem das Fremde, von „diesem etwas“, das wir nicht finden. Weder Affinitäten noch Kontinuitäten oder Kompatibilitäten in der Vergangenheit, oder wollen wir nur irgendwie vor ihrer Erinnerung und den Überresten ihrer Präsenz immun bleiben. Selbst wenn wir vorgeben, die jüngste Vergangenheit zu kennen, ist es in gewisser Weise eine Vergangenheit, die er geschmiedet hat, um die Zeit, in der wir leben, zu ermöglichen. Interessanterweise haben wir das neue Jahrhundert begonnen, indem wir das vorherige Jahrhundert abschütteln wollten. Das 20. Jahrhundert endete in vielen Aspekten vor seinem Datum, weshalb viele es „das kurze Jahrhundert“ nennen, obwohl es für andere das „lange zwanzigste Jahrhundert“ war. In vielerlei Hinsicht war es in diesem Jahrhundert das Ziel, die gesamte Vergangenheit zu beenden und zu überwinden, so wie es Marx in dem Kommunistischen Manifest festhielt:

„Alle stagnierenden und verschimmelten Beziehungen mit ihrer Umwerbung von Überzeugungen und Ideen, die seit Jahrhunderten verehrt werden, sind gebrochen; die neuen werden alt, bevor sie verknöchert werden. Alles Stationäre und Stagnierende verschwindet; alles Heilige wird geschändet, und die Menschen sind endlich dazu gezwungen, ihre Existenzbedingungen und ihre gegenseitigen Beziehungen in Ruhe zu betrachten.“

Diese Kraft und dieser Antrieb wurden Modernität genannt: Fortschritt, Wachstum, Entwicklung. Das wurde mit sehr unterschiedlichen ideologischen Zeichen beschrieben und interpretiert, so wie es auch mit sehr verschiedenen Mechanismen Technologien und Disziplinen eingesetzt und umgesetzt wurde.

Heute haben wir das Gefühl seines Endes, Mauern sind zusammengebrochen, Grenzen wurden verschoben, die Welt wurde reduziert, wir bewegen uns schnell und kommunizieren augenblicklich. Irgendwie sind wir jenseits dieser Modernität, haben vielleicht nur den Glauben an das Moderne oder an die Modernität aufgehoben, so als ob „es nie wirklich so geschehen wäre wie behauptet wurde“, das heißt, das die Ereignisse nicht diesen Narrativen entsprechen und sie andere Erzählungen andere Versionen erfordern, so wie es Bruno Latour beschreibt.

Also sind wir von der Postmoderne durchdrungen und ihr ausgesetzt. Wie man sie verstehen will, spielt keine Rolle, denn die Moderne hat als Gewissheit, Glauben und Idee keinen Platz oder Bedeutung. Es ist ein zerbrochener Kompass und eine gebrochene Zeit, „eine Zeit, die ausser Kontrolle geraten ist“, wie es Hamlet ausspricht.

Daher ist die größte Schwierigkeit nicht notwendigerweise das 19. oder das 20. Jahrhundert mit Marx und seinen Ableitungen, sondern unsere gegenwärtige Zeit, insbesondere die Schwierigkeit, unsere Zeit zu denken, uns die Zeit in Gestalten zu denken, uns die Zeit vorzustellen, uns eine neue Zeit zu schaffen. Ich bin mir nicht sicher oder glaube auch nicht, dass Marx, wenn wir ihn nochmals lesen, uns aus dieser turbulenten und seltsamen Zeit, in der wir leben, herausholen kann, aber ich könnte doch bestätigen, dass wir ohne Marx und seine Lektüre keine Waffen der Kritik hätten, um Handlungen und die notwendigen Bedeutungen zu schmieden, um die aktuellen Herausforderungen zu sichten und uns ihnen zu stellen.

So wie Sandro Mezzadra in seinem Buch Die Küche von Marx betont: „Sartre sagte Ende der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts, dass der Marxismus der ‘unüberwindbare Horizont unserer Zeit’ sei. Aber das ist nicht mehr so. Jetzt ist es notwendig, Marx außerhalb des Marxismus noch einmal zu lesen, ihn in die Materialität einer darüber hinausgehenden Geschichte dieser letzten einzutauchen, ihn mit den theoretischen Entwicklungen in Dialog zu bringen, was der Marxismus nicht konnte, ihn buchstäblich in seinem Inneren „zurückzuhalten“, seine Texte durch die Problematik und die zeitgenössischen Kämpfe zu hinterfragen.“

Und Isabella Stengers schreibt auch in einer Reflexion über die sozialen Bewegungen: „Wir sprechen uns als die Erben von Marx aus. Und wir tun es nicht nur ‘unter uns’, sondern in Gegenwart derer, mit denen es nun eine Frage des Zusammenlebens ist: Diejenigen Gruppen im Kampfe wie die Feministinnen, die die Ordnung der Prioritäten verweigern, welche im Namen des Klassenkampfes vorgeschlagen wurden; so wie die radikalen Ökologen, die gegen die Assimilation der Natur als Einheit der geschätzten Ressourcen ankämpfen müssen; so wie die Bauern, die vom Geschmack des Produktivismus genug haben; wie die indigenen Völker, die sich mit dem einstimmigen Urteil auseinandersetzen müssen, die ihre Praktiken mit einem einfachen Aberglauben abtun, u.s.w.“

Es gibt eine Rückkehr zu Marx, aber es ist eine Rückkehr, die wie ein Gegengedächtnis funktioniert, gegen den Strom, wie es Walter Benjamin vorschlug, um die Perspektiven der Unterdrückten, Vertriebenen und Vergessenen zu aktivieren. Wenn man von einer Rückkehr zu Marx sprechen kann, ist es zweifellos eine Rückkehr im Sinne einer Erfindung, Schöpfung und Macht. In demselben Sinne der Politik als Prozess und kollektive Handlungen, die sich erneuern, Streite ausfechten und verhandeln, um ständig den Sinn der Gleichheit und Justiz auszuhandeln. Ein politischer Marx, der politisch denken wollte, jenseits dieser Autorität, sei es der Philosoph oder der Wissenschaftler des dialektischen Materialismus, den sie so dogmatisierten und predigten und am Ende haben sie nur die Desertifikation des politischen und kulturellen Feldes der sozialen Bewegungen erreicht.

Er ist ein Marx, der in Paradoxen denkt und mit Ironie schreibt, zum Beispiel im 18. Brumaire von Luis Bonaparte:

„Die Revolution des 19. Jahrhunderts kann ihre Poesie nicht aus der Vergangenheit, sondern nur aus der Zukunft holen. Sie kann ihre eigene Aufgabe nicht beginnen, bevor sie sich aller abergläubischen Verehrung der Vergangenheit entledigt. Die vorherigen Revolutionen mussten zurück in die Erinnerungen der Universalgeschichte gehen, um über ihren eigenen Inhalt bestürzt zu werden. Die Revolution des 19. Jahrhunderts muss die Toten ihre Toten begraben lassen, um sich ihrer eigenen Inhalte bewusst zu werden. Dort überflutete die Phrase den Inhalt; hier überläuft der Inhalt die Phrase.“

Dieser politische Marx, dieser „Handwerksautor, der immer mit den Ergebnissen seiner Arbeit unzufrieden ist, der aufeinanderfolgende Entwürfe macht und sie dann verwirft, um von Neuem zu beginnen“. Das ist die Rückkehr eines gegenwärtigen Marx.
  Übersetzung: Claudia Kuruner