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Venedig Biennale 2018
Psychogramm des Mauerstreifens

Innenansicht des Deutschen Pavillons auf der Architekturbiennale 2018.
Innenansicht des Deutschen Pavillons auf der Architekturbiennale 2018. | Foto (Zuschnitt): © Jan Bitter

„Unbuilding Walls“ nennt sich die Ausstellung des Deutschen Pavillons auf der Biennale 2018 in Venedig. Sie zeigt anhand der deutschen Mauergeschichte, was passiert, wenn Grenzen fallen.

Von Saskia Eversloh

Alle zwei Jahre findet in Venedig die Architekturbiennale statt. Der Deutsche Pavillon wird 2018 vom Berliner Architekturbüro Graft und der früheren DDR-Bürgerrechtlerin Marianne Birthler kuratiert. Unter dem Motto Unbuilding Walls setzt sich die Ausstellung mit der Teilung Deutschlands und der Mauergeschichte auseinander – ein Thema, dass insbesondere mit der persönlichen Lebensgeschichte von Kuratorin Birthler verknüpft ist. Elf Jahre lang arbeitete sie die DDR-Geschichte als Bundesbeauftragte für die Unterlagen der Staatsicherheitsbehörde auf. Thomas Willemeit gehört zum Architektenteam von Graft und gibt Einblicke in die Ausstellung.

Die Kuratoren des Deutschen Pavillons (v.l.n.r): Lars Krückeberg, Thomas Willemeit, Marianne Birthler und Wolfram Putz. Die Kuratoren des Deutschen Pavillons (v.l.n.r): Lars Krückeberg, Thomas Willemeit, Marianne Birthler und Wolfram Putz. | Foto (Zuschnitt): © Pablo Castagnola Im Vorfeld der Biennale wurde die Gestaltung des Deutschen Pavillons mit Spannung erwartet. Worum geht es in der Ausstellung? 

In der Ausstellung zeigen wir 28 Projekte aus der ehemaligen BRD, DDR, Ost- und West-Berlin. Es sind aber auch Grenzen und Mauern weltweit und andere Orte dabei, wie der Iron Curtain Trail, eine EU-geförderte Erlebnisradstrecke entlang des einstigen Eisernen Vorhangs. Es ist eine Aufarbeitung dessen, was entlang des ehemaligen Todesstreifens passiert ist. Die Ausstellung zeigt gesellschaftliche  Konzepte, die es gab, um die Stadt und das Land wieder miteinander zu vernähen und mit dieser Wunde umzugehen.

Wie muss man sich den Ausstellungsraum vorstellen?

Es gibt eine Rauminszenierung, die der Ausstellung einen phänomenologischen Effekt verleiht: Man tritt durch die Tür des Pavillons – und direkt steht man vor einer Mauer, die sich ins Unendliche spiegelt. Sobald die Besucher sich auf die Mauer zubewegen, stellen sie fest, dass es keine unüberwindbare Wand ist, sondern sich viele Mauerstücke im Raum verteilen. Dies ist unsere Metapher: Von einem Standpunkt aus sieht man die Grenze – aber Grenzen können sich öffnen, wenn man seinen Blickwinkel, seinen Standpunkt ändert.

Sie haben die Ausstellung gemeinsam mit Ihren Graft-Gründungspartnern Lars Krückeberg und Wolfram Putz, aber auch mit der Politikerin Marianne Birthler gestaltet. Wie ist es zu diesem Zusammenschluss gekommen?

Ich kenne Marianne schon seit zehn Jahren, weil wir im selben Haus wohnen. In den vergangenen Jahren haben wir intensiv über einige Grundstücke entlang des Mauerstreifens diskutiert – so kam überhaupt erst die Idee für die Ausstellung auf. Dann kam dieses Jahr noch hinzu, dass die Mauer so lange offen ist, wie sie überhaupt stand: 28 Jahre. Unser Ausstellungsthema, das sich um Grenzen oder Mauern dreht, kreist auch im übertragenen Sinne um Mauern in den Köpfen. Marianne hat sich in ihrer Funktion als Leiterin der Stasi-Unterlagenbehörde damit auseinandergesetzt, wie man gesellschaftliche Transparenz schafft und Grenzen im Kopf abbaut. Ohne sie hätten wir das Ganze nicht machen können.

Heißt, die persönlichen Erfahrungen von Marianne Birthler spielten eine große Rolle bei der Konzeption?

Uns war es wichtig, das, was Marianne als Kind erlebt hat – wie die Mauer 1961 gebaut wurde, damals war sie 13 Jahre alt – in die Ausstellung einfließen zu lassen. Diese Erfahrung des noch offenen Berlins vor dem Mauerbau war für uns essenziell. Ebenso wie ihre Berichte aus der Zeit der Maueröffnung. Sie war ja politisch aktiv und als Rednerin bei den Demonstrationen auf dem Alexanderplatz dabei. Sie hat das alles von Innen miterlebt – auch die Gründung des wiedervereinten Bundestages und die gemeinsame Regierungsbildung.

Sie sprechen vom Todesstreifen als einer offenen Wunde. Welchen Beitrag kann die Architektur beim Heilen leisten?

Wenn man schaut, was in den letzten 28 Jahren passiert ist, stellt man fest, dass jeder Ort mit seiner architektonisch-stadträumlichen Qualität für eine bestimmte Haltung zur Überwindung der Teilung steht: In der Berliner Innenstadt wurde die Zimmerstraße zwischen den U-Bahnhaltestellen Stadtmitte und Kochstraße von der Mauer inmitten durchgeschnitten. In den 1990er-Jahren wurde sie genauso wieder errichtet, wie vor der Kriegszerstörung. Hier war das Konzept, die Mauer aus der Erinnerung zu tilgen. Während es am anderen Ende von Berlin, in der Bernauer Straße, die Gedenkstätte Berliner Mauer gibt, die zunächst durch bürgerschaftliches Engagement und dann auch durch starke Unterstützung der Politik entstanden ist. Noch ein anderes Beispiel sind dann Räume, in denen architektonisch erst einmal lange Zeit gar nichts passiert ist, wie an der East Side Gallery, wo die Mauer farbenfroh bemalt wurde und man gefeiert hat, dass diese Zeit überwunden ist – und wo heute noch Grabenkämpfe um die Bebauung des Uferstreifens stattfinden. 

Das sind sehr unterschiedliche Arten, die Leere des Mauerstreifens zu gestalten, und Geschichte entweder sichtbar oder unsichtbar zu machen. Woran liegt das?

Es gab kein Konzept, keinen Masterplan. Wir sind als Land nicht angetreten und haben gesagt: Was machen wir mit dem Mauerstreifen? Es ist irgendwie passiert. In der Ausstellung interessieren uns die verschiedenen Sehnsüchte und emotionalen Triebkräfte, die dazu geführt haben. Es ist in gewisser Weise ein Psychogramm des gesellschaftlichen Prozesses, den wir versuchen in der räumlichen Kette des Mauerstreifens zu finden.

Das Deutschlandbüro von GRAFT liegt in Berlin Mitte. Wie wichtig ist den Menschen das Thema Wiedervereinigung heute und wo sehen Sie noch Mauern in den Köpfen? 

Es ist eine höchst individuelle Frage, wie sich eine gemeinsame Identität bildet. Für manche ist es noch ein drängendes Thema, für andere spielt es nicht so eine große Rolle. Manche Menschen im Westteil der Stadt sagen, dass sie eigentlich gar keinen Grund haben, „in den Osten“ zu fahren. Das ist gar nicht mit Ablehnung verbunden, sondern damit, dass das in ihrer eigenen Lebensrealität keine große Rolle spielt. Das ist natürlich völlig anders für jemanden, der im Ostteil gelebt hat und dessen Lebensumstände und Lebensumfeld sich dramatisch verändert haben. Der erlebt hat, dass der gesamte Freundeskreis sich auflöst und in alle Winde zerstreut, weil plötzlich die Grenzen offen sind.

Die Ausstellung auf der Biennale soll ein internationales Publikum ansprechen. Wie vermitteln Sie diese Themen für Menschen aus aller Welt?

Der Prozess des Zusammenwachsens in Deutschland ist international von größtem Interesse.Die Orte, die an die Teilung erinnern – der Mauerpark, der Checkpoint Charly, die Erinnerungsstätte Bernauer Straße oder die East Side Gallery – das sind die Ziele der Menschen, die aus der ganzen Welt nach Berlin kommen. Sie beschäftigt vor allem die Frage: Wie konnte dieses Land die Teilung überwinden und wie geht man heute damit um? Damit verbunden ist die Sehnsucht, auch andere Grenzen in dieser Welt zu überwinden. Das zeigen wir auch auf der Biennale: Nachdem die Besucher ihren Standpunkt gewechselt und die Mauer überwunden haben, sehen sieneben den Architekturbeispielen auch die Videoinstallation „Wall of Opinions“. Darin berichten Menschen, die heute noch mit Mauern leben müssen von ihren Erfahrungen – und beantworten die Frage: Was wäre, wenn die Mauer fällt? Dafür haben wir ein Journalistenteam zu sechs Grenzen geschickt, die heute noch ein Volk oder Land teilen. Eine sehr aktuelle Frage, auch für Europa, denn wir haben eine EU-Außengrenze, die immer mehr befestigt wird.

 

  • Außenaufnahme des Deutschen Pavillons auf der Architektur-Biennale in Venedig. Foto (Zuschnitt): © Jan Bitter
    Außenaufnahme des Deutschen Pavillons auf der Architektur-Biennale in Venedig.
  • Eine optische Täuschung empfängt die Besucher unmittelbar nach Betreten des Pavillons: Die Wand, vor der sie sich wähnen, besteht aus Dutzenden Versatzstücken. Foto (Zuschnitt): © Jan Bitter
    Eine optische Täuschung empfängt die Besucher unmittelbar nach Betreten des Pavillons: Die Wand, vor der sie sich wähnen, besteht aus Dutzenden Versatzstücken.
  • Es gibt keine durchgehende Wand, sondern nur einzelne Stelen. Foto (Zuschnitt): © Jan Bitter
    Es gibt keine durchgehende Wand, sondern nur einzelne Stelen.
  • Ausstellung über die deutsche Mauergeschichte. Foto (Zuschnitt): © Jan Bitter
    Ausstellung über die deutsche Mauergeschichte.
  • In der Videoinstallation „Wall of Opinions“ kommen Menschen zu Wort, die heute noch mit Mauern leben müssen. Foto (Zuschnitt): © Jan Bitter
    In der Videoinstallation „Wall of Opinions“ kommen Menschen zu Wort, die heute noch mit Mauern leben müssen.


 

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