Christoph Böninger „Die Idee, frei entwerfen zu können“

Mit seinem Label Auerberg hat sich der Münchner Designer und Manager Christoph Böninger einen Traum erfüllt. Er legt Möbel und Accessoires international renommierter Gestalter auf, die jenseits von Marketing-Logiken liegen. Das Firmenmotto: Radikal subjektiv.

Bücherbank, Design: Christoph Böninger Bücherbank, Design: Christoph Böninger | Foto: © Thomas Koller Herr Böninger, als Diplomarbeit haben Sie Anfang der 1980er-Jahre den weltweit ersten Laptop entworfen. Macht es Sie stolz, ein Pionier der Computerwelt zu sein?

Stolz ist zu viel gesagt. Aber ich bekam so die Chance, nach meinem Studium für Schlagheck & Schultes im Silicon Valley zu arbeiten. Diese spannende Aufbruchphase der Computerentwicklung in Amerika zu erleben, war ein Riesenprivileg.

Sie waren Geschäftsführer von Designaffairs und als solcher Vertreter eines stark von Marketing bestimmten Designs. Mit Auerberg haben Sie 2011 ein Designlabel jenseits aller Marketingstrategien gegründet. Gibt Ihnen das vor allem auch ein Gefühl von persönlicher Freiheit?

Ich habe mir ja immer schon die Freiheit rausgenommen, nebenher für Firmen wir Classicon zu entwerfen.

Trotzdem wäre Auerberg ohne 20 Jahre Designaffairs, sprich Siemens, gar nicht vorstellbar. Insofern hat die Gründung natürlich etwas Autobiografisches. Design ist ja immer orientiert am Nutzen. Die Frage ist, was ist der Zweck. Für ein großes Unternehmen ist der Zweck letztlich immer die Verkaufsförderung. 2005/2006 hatten wir mit Designaffairs extrem gute Jahre. Im Nachhinein muss ich sagen, wir haben fast ein bisschen unsere Seele verkauft. Wir hatten eine Designmaschine aufgebaut und Prozesse so optimiert, dass wir Handys quasi wie die Bäcker aus dem Ofen holten.

Auerberg ist also deshalb nach Vorbild des Autorenverlags aufgebaut?

Den konkreten Ausschlag gab 2008 meine „Bücherkarre“. Der Produzent, für den ich sie entworfen hatte, bekam aus wirtschaftlichen Gründen kalte Füße und zog sich zurück. Daraufhin habe ich einen Weg gesucht, in einem Netzwerk und ohne Gemeinkosten zu arbeiten. Ich habe dann Freunde und Weggefährten aus der Designszene angesprochen und alle waren begeistert. Jedem war klar: Hier geht es nicht ums Geld, sondern um die Idee, frei entwerfen zu können.

Hinter Auerberg stehen namhafte Designer wie Herbert Schultes, Tobias Grau oder Alfredo Häberli. Arbeiten Sie auch mit Nachwuchsdesignern?

Ich bekomme viele Anfragen. Meine erste Frage ist dann immer: Was ist deine Geschichte, um was geht es dir? Einige junge Designer wie Gerry Kellermann haben wir sehr erfolgreich aufgelegt.

Wird das Design nur online vertrieben?

Ja, über unsere Website. Der Anfangsbuchstabe „A“ des nach meinem oberbayerischen Domizil benannten Labels tut das Seine, ein unschätzbarer Vorteil in Suchmaschinen (lacht). Es gibt aber inzwischen auch Händler, die unseren Ansatz verstehen und uns vertreiben.

Die Bandbreite der Kollektion reicht von Tobias Graus Tabletttischen über Ihren Soester Hocker bis hin zu Aktivkohle, die Wasser filtert. Was ist Ihr Konzept?

Die Projekte müssen in kleinen Stückzahlen zu fertigen sein, weil wir nicht in Werkzeuge investieren können. Und es sollen authentische Materialien wie Glas, Blech oder Holz sein mit natürlichen Oberflächen. Ein weiteres wichtiges Kriterium, das sich aus der Logistik ergeben hat, ist die Größe. Es gibt gewisse maximale Maße für die Kartons, die sogenannten Bandmaße. Und wir wollen nicht elitär sein und deshalb auch nicht zu teuer. Ansonsten sind wir frei.

Was sucht das Blasrohr „Bouffadou“, ein archaischer Vorläufer des Blasebalgs, in der Kollektion?

Es gibt Produkte, die sind bewusst gestaltet. Und es gibt einige Readymades wie zum Beispiel die Bouffadous aus Frankreich, tolle Sachen, warum sollte man denen keine Chance geben?

Radikal subjektiv ist das Motto von Auerberg. Welche Geschichte steckt hinter Ihrer Bücherbank?

Wenn bei schlechtem Wetter im Biergarten die Bänke gestapelt werden, dann stehen die Beine raus. So ist es zu diesem kleinen kinematischen Objekt gekommen. Weil es schwer zu versenden ist, bieten wir auch den Bausatz an. Im Zuge der DYI-Bewegung kommt er gut an.

Wer entscheidet, ob ein Entwurf realisiert wird?

Am Ende des Tages ich. Aber ich erarbeite vieles mit den Designern gemeinsam. Das Besondere an der Gruppe ist, dass es fast keine Eitelkeiten gibt. Das heißt, eine Idee kann hin und her gespielt werden, wir arbeiten alle auf Augenhöhe miteinander.

Gibt es einen Bestseller?

Mehrere. Die Tische von Tobias Grau, die Karaffen von Herbert Schultes, meine Bücherkarre oder die Drahtkörbe. Auch die Bouffadous laufen wie geschnitten Brot. Aber wir hatten auch sensationelle Flops.

Wo sehen Sie Auerberg in der Zukunft?

Ich möchte noch mehr Experimente wagen. Momentan arbeite ich daran, die Drahtkörbe, die kulturhistorisch wohl aus Italien stammen und dann ihren Weg nach Afrika fanden, von Glasbläsern im Bayerischen Wald „ausblasen“ zu lassen. Diese Technik kommt ursprünglich aus Murano und hier schließt sich der Kreis: Ein italienisches Design überlebt in Afrika, findet seinen Weg zurück nach Europa und wird in Bayern mit einer alten italienischen Glasbläsertechnik zu einem neuen Objekt überführt. Ein spannendes Projekt. Ähnlich wie mein Soester Hocker, da haben damals alle gesagt: „Den hat er nur gemacht, weil er nicht wusste, dass es nicht geht.“ Es reizt mich, sich fast dilettierend in etwas hineinzubegeben und festzustellen, es geht ja doch.