Nora Gres Statements aus Stoff

Nora Gres näht Bilder. „Textile artworks“ nennt die studierte Designerin die aufwendigen Stoffcollagen. Mit ihren plastischen Illustrationen, Stadtporträts oder Runway-Outfits hat die Münchnerin eine ganz eigene künstlerische Disziplin geschaffen.

Nora Gres, Paris First Front Row Nora Gres, Paris First Front Row | © Nora Gres Die Lady schaut etwas missmutig aus dem üppigen Pelzkragen, obwohl ihr Lippenstift den Ockerton des Nagellacks perfekt aufgreift und das Strickmuster des Chaneltäschchens mit dem ihrer Pudelmütze harmoniert. Dahinter schimmern elegant gleißende Hänge eines Satingebirges wie Firn in der Sonne, während eine nostalgische Textil-Gondel durch die Szenerie zuckelt. Originell, detailverliebt und treffend fängt die Stoff-Komposition das Flair des Skiortes Chamonix ein – oder zumindest eine mondäne Lesart davon. Eine andere Collage zeigt Szenen frisch vom Laufsteg. Haltung und Posing der Models, Attitüde, Look – alles stimmt an den textilen Gemälden. Die Outfits sind Original-Entwürfen großer Designer nachempfunden – aber was heißt eigentlich nachempfunden? Die Figuren scheinen akribisch bis in die Faser hinein nachgestellt.

Mode als Mikro-Kosmos

Nora Gres, Harriet Nora Gres, Harriet | © Nora Gres Seit 2012 zeigt Nora Gres ihre erstaunlichen Werke im neuen Atelier im Münchner Kunsthaus Maximilian, neben Kollegen wie Banksy, Andy Warhol, Keith Haring oder Roy Lichtenstein. Ihre Bilder sind eine Hommage an die Modewelt mit ihren Catwalks, Starmodels, Stil-Ikonen und „Fashionistas“ – und darüber hinaus genau beobachtete Milieustudien. Ein Mikrokosmos kontrastreicher Materialien und verblüffender Details, in dem die Brille von Vogue-Kreativchef André Leon Talley eine ebenso große Rolle spielt wie die Mimik von Fashion-Tycoon Anna Wintour. Gres wechselt dabei zwischen plakativen Flächen und plastisch-dreidimensionalen Partien. Überraschend ebenso der Einsatz von Materialien und deren Umdeutung: Aus einer Blackberry-Tastatur wird da mal eben die Fensterfront eines Wolkenkratzers. Und wenn sich das gesuchte Muster für einen Kostümärmel nicht findet, strickt sie es – en miniature – eben selbst, und wenn’s die ganze Nacht dauert.

Kunst für Konsumverweigerer

Nora Gres, No picture Nora Gres, No picture | © Nora Gres Auch textile Städteporträts und Stadtpläne gehören zum Repertoire, dazu Illustrationen und Kunstobjekte wie ein tragbares Zelt namens IndepenTent oder ein Exponat namens Use Less: eine „unpraktische“ weil henkellose Shoppingbag für Konsumverweigerer. „2002 habe ich im Auftrag einer Frauenzeitschrift erstmals textile Illustrationen erstellt. Und dann einfach weitergemacht“, erzählt sie. Bis dahin entwickelte Gres, die Kommunikations-, Illustrations- und Modedesign an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg studierte, als Art-Directorin Mode- und Frauenmagazine, arbeitete als Kostümassistentin und Stylistin für Theater-, Werbefilm- und Fotoproduktionen im In- und Ausland, auch für namhafte Werbeagenturen. „Schon als Kind war ich von Materialien und Farbklängen fasziniert. Das Nähen gibt mir die Freiheit, zu machen, was ich will und meinen Ideen nachzuhängen“, sagt Gres.

Inspirationen von unterwegs

Nora Gres, Mind the Gap Nora Gres, Mind the Gap | © Nora Gres Ihre Ideen kommen an. Das zeigt ein Blick auf die Website: Die Arbeiten und Illustrationen – jede ein Unikat – wurden in Zeitungen und Magazinen wie Stern, Allegra, Süddeutsche Zeitung und Zeit veröffentlicht, zudem in Ausstellungen präsentiert. 2007 kündigte Gres den Job, um ausschließlich Textilkunst zu machen. Wo sie Inspiration findet? „Überall! Ich reise viel, beobachte gern Leute, die sich individuell oder sogar skurril kleiden. Diese Momentaufnahmen entstehen im Vorbeigehen“. Ginge es um rein dekorative Effekte, wäre der Reiz der Collagen schnell dahin. Doch ihre Werke verweisen oft auf tiefere Bedeutungen, stellen einen Kontext her, beobachten und hinterfragen gezeigte Situationen.

Bilder im Kopf

Da gibt es zum Beispiel die Reißverschluss-Serie Zip Cities, deren Motive nach Gusto aneinander gezippt werden können, was immer neue Sinnzusammenhänge herstellt. „Die Geschichten entstehen auch im Kopf der Betrachter, nicht nur an der Wand“, sagt sie. Ein Motiv zeigt eine Straßenszene aus Brooklyn, die Figur eines orthodoxen Juden und dazu den Graffiti-Spruch: „Sorry! The lifestyle you ordered is currently out of stock.“ (Entschuldigung! Der Lebensstil, den Sie bestellt haben, ist gerade nicht verfügbar.)

Nora Gres, Urban_Tweed Nora Gres, Urban_Tweed | © Nora Gres Dass es Lebensstile weitab modischer Tendenzen gibt, ist die Botschaft. Drei Tage arbeitet sie an einem solchen Motiv, das man übrigens auch kaufen kann. Am Anfang stehen jeweils Vorlagen oder Skizzen, die sie auf Stoff überträgt. Einen Tag, eine Woche oder auch mehrere – so lange näht, strickt und drapiert Gres an einem Werk.

Die Hüllen des Ich

Nora Gres, Looking at Nora Gres, Looking at | © Nora Gres Für DIS-covered thematisiert sie eines der Ur-Themen der Mode: die Nacktheit. Einer entblößten Frau mit bedeckten Augen stellt sie eine Muslima mit Sehschlitz-Niquab gegenüber. Der Kontrast offenbart den krassen Kulturunterschied zwischen Orient und Okzident: „In unserer Welt zeigt man alles bis auf die Augen, die Anonymität wird durch Sonnenbrillen oder den schwarzen Balken gewahrt. Im Osten dagegen verhüllt man den Körper – nur die Augen bleiben frei“, erklärt Gres. Eine politische Botschaft? „Ich bin eher erzählerisch als politisch, will eher darstellen, als bewerten“, entgegnet sie, „ich kombiniere einzelne Momentaufnahmen, die interagieren und eine neue Geschichte erzählen“.

Aktuell wird sie immer wieder nach einem persönlichen Foto gefragt. Klar, dass sie dafür nicht ins Studio geht. Ihr nächstes Werk ist ein genähtes Selbstporträt aus Stoff.