Designkritik Sprechen über Schönheit ohne Gesetze und Forderungen

Birgit Bauer
Birgit Bauer | Foto (Ausschnitt): Jennifer Weber

Raum für Theorie und Kritik im deutschen Designdiskurs: 2009 hat Birgit S. Bauer, Designerin und Professorin für Designkonzeption an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, gemeinsam mit Nicole Birlenbach und Michael Okraj die Internetplattform Designkritik.dk ins Leben gerufen. Höchste Zeit für ein Gespräch mit Birgit S. Bauer über Kritik, Formgebung und Geschmack.

Frau Bauer, es gibt eine deutsche Gesellschaft für Designgeschichte und eine Deutsche Gesellschaft für Designtheorie und -forschung. Warum gibt es hierzulande keine Gesellschaft für Designkritik?

Das würde dem deutschen Bedürfnis nach Ordnung sicher zupasskommen! Aber Spaß beiseite: Designkritik ist eine so junge Disziplin, dass es noch gar keine Praxis gibt – und auch zu wenige Stimmen, die sich äußern. Da wäre eine starre Institution das Schlimmste, das passieren könnte. Dabei fragen sich viele Menschen im Ausland, warum gerade in Deutschland mit seiner so reichen Designtradition Kritik so weit hinten ansteht und es kaum kritische Publikationen, geschweige denn einen gesellschaftlichen Diskurs um Design gibt. Wir müssen in Deutschland wieder lernen, wie man über das Leben und über Schönheit ohne Gesetze und Forderungen spricht. Wir fangen gerade erst mit dem spielerischen Vergnügen an Unterschieden an – und darum geht es in der Kritik.

Botschaft an die Designer

Designkritik – Occupy Design Designkritik – Occupy Design | Foto: Birgit S. Bauer Sie sind Chefredakteurin von Designkritik.dk. Was ist Zweck und Ziel dieser Plattform?

Wir möchten den Diskurs um Design differenzierter machen und richten diese Botschaft zunächst an die eigene Branche: die Designer. Dazu mussten wir einen Raum schaffen, der unabhängig ist und frei von ökonomischen oder moralischen Interessen. Vereine, Verbände, Zeitschriften und Blogs sind oft ihrer Tradition, dem Verlag und den Anzeigenkunden verpflichtet und können sich aus ökonomischen Gründen kein tastendes Vorgehen, keine ungelösten Probleme leisten.

Designkritik.dk ist in diesem Sinn eine Plattform, die Designer zum Wagnis des Denkens und Schreibens anregen soll; einerseits durch Literaturtipps und Rezensionen, andererseits durch kritische Texte. Diese Texte kommen mittlerweile zum großen Teil direkt aus der Community, was uns sehr freut. Autoren sind junge Wissenschaftler im Design, aber auch Praktiker oder Studierende, die mit dem Schreiben und Formulieren ihrer Gedanken Neuland betreten.

Dies scheint einem Verständnis gegenüber zu stehen, das Design als Wirtschaftsstandort sieht, wie es etwa der Rat für Formgebung tut.

Der Rat hat in den letzten Jahren klare Entscheidungen darüber getroffen, welche Botschaften er vertritt – nicht zuletzt ökonomische Entscheidungen über sein eigenes Fortkommen. Mit seiner Strategie der Exklusivität bedient er seine Zielgruppe, die Industrie, was ja zunächst einmal nichts Schlechtes ist. Kann der Rat jedoch in Zukunft Unternehmen unterstützen, die sich intern und nach außen mehr mit gestalterischer Qualität befassen wollen, wenn er sich des Marketing-Jargons bedient und damit die Bedeutung von Design für die Gesellschaft als Ganzes beugt?

Der Rat sollte vielmehr dabei helfen, dass Unternehmen sich wieder trauen, unternehmerische Kultur zu entwickeln, die nicht nur der Rendite geschuldet ist.

Das alles ist nur erwähnenswert, weil es schön wäre, eine experimentierfreudige Institution zu haben, die die herkömmlichen Formate der Vermittlung zu hinterfragen in der Lage ist. Mir sind das zu viele Awards und Ausstellungen.

Vokabel aus der Steinzeit

Birgit S. Bauer, Vortrag Birgit S. Bauer, Vortrag | Foto: Peter Rudolph Inwiefern ist die Organisationsform eines Rates überhaupt noch geeignet, verbindlich über Formgebung zu urteilen? Wie sieht also die Zukunft der Kritik an Formgebung aus? Kann „guter“ Geschmack Konsumenten vor globalisiertem Kitsch retten?

Der Rat ist – wie übrigens auch viele Awards – ein Instrument der Wirtschaftsförderung in einem bestimmten Segment. Hierbei geht es kaum um ästhetische Werturteile, wie man sich das früher getraut hat, sondern um Verwertbarkeit. Eine sehr deutsche Idee. Die Kritik hat in Zukunft so viele Felder unserer Beziehungen zu Dingen und untereinander zu behandeln, dass „Formgebung“ wie eine Vokabel aus der Steinzeit scheint. Und kitschige Form ist dabei auch kein Problem mehr. Dafür gibt es zu viele schnell wechselnde kulturelle Posen.

Welche Rolle spielt Designkritik heute in den gestalterischen Fächern an deutschen Hochschulen?

„Don‘t Act. Just Think“, fordert der Philosoph Slavoj Žižek angesichts des grassierenden kapitalistischen Aktionismus, der mit „Makerkultur“ und Kreativitätsbefehl zu großem Teil sogar aus dem Design kommt. Kritik in den Hochschulen ist insofern noch ausbaufähig, als man das Denken oft impulshaft in eine mystisch-praxisferne Theorie verbannt hat und Design als eine fiebrig betriebsame Disziplin begreift. Auch deshalb überlassen Designer leider gerne anderen die Sprecherposition. Dabei ist Kritik ja die Kunst der Unterscheidung und kein rein akademischer Wettbewerb. Das kann richtig Spaß machen, wenn man die Vielfalt der Herangehensweisen als Gewinn begreift. Momentan vollzieht sich glücklicherweise ein Generations- und Technologiewechsel, durch den sich zeigt, dass immer mehr Studierende gut mit dieser Komplexität umgehen können.
 

Die Ausstellung „Böse Dinge. Eine Enzyklopädie des Ungeschmacks“ wurde 2009 erstmals im Museum der Dinge in Berlin gezeigt und ist seitdem auf Wanderschaft.

Vom 19. Februar bis 6. Juli 2014 wird sie in Wien im Hofmobiliendepot zu sehen sein.