Ingo Maurer im Gespräch Der Erleuchter

Ingo Maurer
Ingo Maurer | Foto (Ausschnitt): Artcurial

Gutes Licht macht glücklich, sagt der Altmeister des Lampenbaus, Ingo Maurer. Goethe.de traf den Lichtpoeten in seinem Münchner Atelier und sprach mit ihm über neue Projekte, die Zukunft seines Unternehmens und die Höhepunkte eines langen Designerlebens.

Bulb, Ingo Maurer, 1966 Bulb, Ingo Maurer, 1966 | Foto: Ingo Maurer GmbH Glückwunsch, Herr Maurer! 1984, vor 40 Jahren, wurde aus der 1966 gegründeten Firma Design M die Ingo Maurer GmbH. Wie kam es zu dem Namenswechsel?

Vielen Dank. Unsere Firma ist in den ersten Jahren sehr schnell gewachsen, hat mehr Menschen ernährt und musste darum auf solidere Füße gestellt werden. Außerdem gab es in dieser Zeit eine große Schwemme von Firmen, die Design im Namen trugen. Das war wirklich inflationär.

Anfangs haben Sie auch andere Produkte entworfen, zum Beispiel Kleiderbügel oder Kerzenleuchter. Wie sind Sie auf Licht gekommen?

YaYaHo, Ingo Maurer und Team, 1984 YaYaHo, Ingo Maurer und Team, 1984 | © Ich habe mich damals sehr viel mit Licht und Form beschäftigt und dabei meine Liebe zur Glühbirne entdeckt. Die Lampe in Form einer Glühlampe, das war eine ganz spontane Idee, mein erster großer Erfolg Bulb von 1966, der dann schon 1969 in die permanente Sammlung des Museum of Modern Art in New York aufgenommen wurde. Durch die jahrelange Arbeit mit Licht habe ich immer mehr gelernt, auch sehr auf die Qualität des Lichts zu achten.

Können Sie Ihre Designhaltung in einem Satz beschreiben?

Porca Miseria!, Ingo Maurer, 1994 Porca Miseria!, Ingo Maurer, 1994 | Foto: Tom Vack Das ist sehr schwierig, ich analysiere auch ungern meine Arbeit, aber vielleicht so: Design soll für die Menschen da sein, mein Licht soll eine angenehme Atmosphäre in ihrer Wohnung schaffen. Wenn ich den Betrachtern meiner Lampen ein Lächeln aufs Gesicht zaubern kann, bin auch ich glücklich und habe mein Ziel erreicht.

Sie waren von Beginn an Entwerfer und Produzent in einem, sind Sie auch ein genialer Geschäftsmann?

Nein (lacht), das glaube ich nicht. Aber ich arbeite ja nicht allein, seit Jahrzehnten managen meine Frau Jenny und andere Mitarbeiter die geschäftlichen Aspekte und fordern mich auf, Ausgaben noch mal zu reflektieren, bevor ich mich endgültig dafür oder dagegen entscheide.

Was war die wichtigste berufliche Entscheidung in Ihrem Leben?

Als wir Anfang der 1980er-Jahre begannen, das Niedervoltsystem YaYaHo zu entwickeln, stand die Existenz unserer Firma auf dem Spiel. Da wir von den Banken keinen Kredit für die verrückte neue Idee bekamen, mussten wir alles aus eigener Tasche vorstrecken. Aber wir konnten durchhalten und hatten mit YaYaHo großen Erfolg – sowohl auf der gestalterischen Ebene, als auch geschäftlich.

Ungutes Licht macht unglücklich, haben Sie mal gesagt. Kann man daraus den Umkehrschluss ziehen, dass gutes Licht glücklich macht?

Ja, absolut. Wir merken doch selbst, wie gut es tut, wenn im Sommer die Sonne lange scheint, wie wir aufatmen und neue Energie tanken. So ist es auch mit gutem Wohnlicht.
 
  • My New Flame, Moritz Waldemeyer, Ingo Maurer und Team, 2012 © Ingo Maurer
    My New Flame, Moritz Waldemeyer, Ingo Maurer und Team, 2012
  • Porca Miseria!, Ingo Maurer, 1994 Foto: Tom Vack
    Porca Miseria!, Ingo Maurer, 1994
  • U-Bahnhof „Westfriedhof“, München, 1998 Foto: Markus Tollhopf
    U-Bahnhof „Westfriedhof“, München, 1998
  • Knot 2, Ingo Maurer und Team, 2013 Foto: Tom Vack
    Knot 2, Ingo Maurer und Team, 2013
Sie waren einer der größten Gegner der Abschaffung der Glühbirne. Haben Sie den Verlust inzwischen verwunden?

Ehrlich gesagt, nein. Wir haben mittlerweile zwar qualitativ viel bessere „Ersatzlampen“ als zu Beginn des Verbots, aber das warme Leuchten eines Glühdrahts bekommt keine hin.

Wo gibt es momentan im Lichtdesign neue Ansätze?

Zurzeit passiert wahnsinnig viel mit LED, aber auch OLED. Unsere neue mit Moritz Waldemeyer gemeinsam entwickelte LED-Kerze My New Flame gibt zum Beispiel das leichte Flackern einer Flamme realistisch und faszinierend wieder. Die Dioden werden immer kleiner und lichtintensiver – und ganz interessant ist auch die Entwicklung im Bereich des flächigen Lichts. Wir arbeiten da an vorderster Front mit und werden auch 2014 wieder einige Neuheiten vorstellen.

„My New Flame“ gehört zu Ihren poetischen, leisen Entwürfen, andere wie „Porca Miseria!“ haben den Hang zum Dramatischen … Was inspiriert Sie?

Porca Miseria! beispielsweise war meine Antwort auf eine super coole Edelstahlküche eines Kunden. Als ich diese Küche sah, war mir sofort klar, dass es hier einen großen Knall geben musste, um diese sterile Atmosphäre aufzubrechen.

In meinen Kopf kamen dann sofort Bilder aus dem Film Zabriskie Point von Michelangelo Antonioni, wo eine explodierende Villa aus verschiedenen Blickwinkeln und in starker Zeitlupe gezeigt wird.

U-Bahnhof „Münchner Freiheit“, 2009 U-Bahnhof „Münchner Freiheit“, 2009 | Foto: Tom Vack In den letzten Jahren befassen Sie sich viel mit Projekten im öffentlichen Raum wie beispielsweise U-Bahnhöfen ...

Ich finde es sehr reizvoll, einen Beitrag für das Zusammenleben von Menschen zu leisten. Gerade auf U-Bahnhöfen treffen sich täglich mehrere Tausend Menschen auf dem Weg zur Arbeit, nach Hause oder in die Freizeit. Diese öffentlichen Plätze brauchen eine Handschrift und ein Gesicht. Ich möchte, dass sich die Passanten an diesem Ort wohlfühlen und gerne ein paar Minuten verweilen.

Es macht nicht den Anschein, dass Sie sich zur Ruhe setzen wollen.

Broken Egg, Installation/Pavillon für Inhotim, Brasilien (in Planung) Broken Egg, Installation/Pavillon für Inhotim, Brasilien (in Planung) | Foto: Tom Vack Ich arbeite jetzt seit 1965 in dieser Firma und über die Zeit ist sie zu meinem Lebensinhalt geworden. Obwohl ich manchmal wirklich gerne alles hinschmeißen möchte, weil ich das Gefühl habe, es wird mir alles zu viel, denke ich dann doch immer wieder an die vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die zum Großteil schon so viele Jahre bei uns sind. Ich habe mit der Gründung der Firma auch eine große Verantwortung für diese Menschen übernommen und möchte sie, so lange ich es kann, unterstützen. Danach müssen sie es ohne mich schaffen, aber ich bin sehr zuversichtlich, dass sie das schaffen werden.

Sie wurden mit Ehrungen überhäuft, 2011 erhielten Sie den Oscar des Designs, den Compasso d‘Oro. Gibt es für Sie noch unerfüllte Träume?

Ja, es gibt sie tatsächlich: Momentan arbeiten wir an einem großen Ausstellungspavillon für den Kunstpark Inhotim im brasilianischen Regenwald nahe Belo Horizonte. Wir planen ein großes begehbares Ei. Außerdem wurde ich vor etwa drei Jahren von einem Opernhaus in den USA gebeten, ein Konzept für das Bühnenbild zu einer Inszenierung von Tristan und Isolde zu entwickeln. Als das Konzept fertig war, kam die große Krise, und das Opernhaus hatte nicht mehr genug Geldgeber, um das Projekt umzusetzen. Ich hoffe, dass ich beides noch erleben werde.