Christoph Finkel Zwischen Steilwand und Motorsäge

Christoph Finkel bei der Formex Designmesse, Stockholm August 2012
Christoph Finkel bei der Formex Designmesse, Stockholm August 2012 | Foto (Ausschnitt): Daniel Frisk

„Ich erfinde meine Objekte nicht – ich antworte auf die Strukturen des Baumstamms“. Christoph Finkel ist Holzbildhauer. Lange gehörte er zur Spitzenszene deutscher Kletterathleten – heute lebt und arbeitet der Künstler in seinem Heimatdorf Bad Hindelang im Allgäu.

Was Klettern mit Kunst zu tun hat? „Da gibt es Parallelen”, sagt Christoph Finkel. „Für beides brauchst du tiefen Respekt für die Natur – und beides hat mit Freiheit zu tun. Am Berg ist es die Verantwortung der freien, eigenen Entscheidung, im andern Fall die künstlerische Freiheit. Und in beiden Disziplinen gehst du ans Limit natürlicher Vorgaben: Beim Klettern folge ich dem Verlauf der Felslinien, um neue Routen zu finden. Auch beim Drechseln von Holz muss ich mich Strukturen und Gegebenheiten anpassen – das macht es spannend. Dabei entwickelst du dein eigenes Potenzial. Und für beides braucht man Leidenschaft, Kreativität – und scheitern kann man in der Route ebenso wie an einer Holzarbeit“.

Vom „Holzlädle“ zum Objekt

Finkel 12/2012 Holz: Bergahorn, 11,5 x 21,5 cm Finkel 12/2012 Holz: Bergahorn, 11,5 x 21,5 cm | Foto: Daniel Frisk Dass der Werkstoff Holz in Finkels heutigem Leben eine buchstäblich tragende Rolle spielt, merken Besucher seines Showrooms schnell: Dieser liegt hinter den Mauern eines uralten Fachwerkbaus mitten im kleinen Ort Bad Hindelang. Tür an Tür grenzt das bekannte „Holzlädele“ seines Vaters Rudolf Finkel an, Wagner und Werkzeugmacher in dritter Generation, der seine Werkstatt im Keller des Hauses betreibt. Während der Vater hier traditionelle Schlitten, Rodel sowie präzis gearbeitete und formschöne Alltagsdinge – Spielzeug, Besteck, Brettchen – fertigt, muten die Werke des Sohnes exotischer an.

Christophs künstlerisch geprägte Schalen, Vasen und Skulpturen sind bildlich gesprochen aus anderem Holz geschnitzt: Seine ästhetisch-sinnlichen Gebilde wirken wie von fernöstlicher Zen-Ästhetik behaucht. Auch skandinavische Stileinflüsse glaubt man zu sehen. Mit ihrer zeitlosen, organischen Formensprache schlagen die Objekte eine Brücke zwischen Tradition und Moderne. Inzwischen verkauft Christoph Finkel seine Objekte in Galerien und Showrooms auf der ganzen Welt, in Chicago und Miami, in Schweden und Südkorea. Eiche, Bergahorn oder Birne sind ihm dabei die liebsten Holzsorten. Die handverlesenen Stücke findet er auf Streifzügen durch den heimischen Bergwald und schleppt sie eigenhändig ins Tal.

An der Spitze der Kletterszene

Formex Designmesse, Stockholm August 2012 Formex Designmesse, Stockholm August 2012 | Foto: Daniel Frisk Als Kind hütete Christoph, der 1971 geboren wurde, das Vieh auf den Almen. Noch immer lebt er nach den Jahreszeiten und der Natur: An den Wintertagen sucht er die heimischen Steilflanken nach Lawinenkegeln und diese nach geknickten Stämmen ab, wartet dann bis zum Frühjahr, um das Holz zu bergen. „Die Stämme sind bis zu 300 Jahre lang gewachsen, da hat man Respekt“, sagt er. Im Sommer verarbeitet er das Holz, „das verlangt viel Aufmerksamkeit und Konzentration“. Die Ausdauer dazu hat er ebenfalls: Von Kind an in den Bergen unterwegs, kraxelte er bald an die Spitze der Kletterszene. Als Top-Athlet gewann er Anfang der 1990er-Jahre mehrere Preise, wurde Weltcup-Sieger im Sportklettern, arbeitete später als Bundestrainer der deutschen Nationalmannschaft und beim Deutschen Alpenverein. Nach dem deutschen Meistertitel im Bouldern beendete er 2000 das Wettkämpfen – die Ziele waren erreicht, das Leistungsdenken abgeschlossen. Klettern tut er nur noch privat.

Der Charakter jedes Baumstamms

  • Finkel 14/2008, Birke, 36,5 x 25,5 cm ©
    Finkel 14/2008, Birke, 36,5 x 25,5 cm
  • Finkel 11/2011, Birne, Size: 37 x 21,5 cm ©
    Finkel 11/2011, Birne, Size: 37 x 21,5 cm
  • Finkel 32/2011, Eiche, 41,5 x 20,5 cm ©
    Finkel 32/2011, Eiche, 41,5 x 20,5 cm
  • Finkel 43/2011, Pflaume, 25 x 20 cm ©
    Finkel 43/2011, Pflaume, 25 x 20 cm
  • Finkel 12/2012 Bergahorn, 11,5 x 21,5 cm ©
    Finkel 12/2012 Bergahorn, 11,5 x 21,5 cm
  • Finkel 14/2013, Apfel, 16,5 x 10,5 cm ©
    Finkel 14/2013, Apfel, 16,5 x 10,5 cm
Umso mehr geht er in seiner Passion als Künstler auf: 1992 ging er an die Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg, studierte figürliches Arbeiten nach Aktmodellen, war damit in seinem Element – und ganz nebenbei in Nähe beliebter Kletter-Hot-Spots im Frankenjura. „Erst auf der Kunstakademie habe ich das Sehen gelernt“, eben diese Art des Hinschauens zeichnet Finkel aus. Sie wird deutlich, wenn er von den Qualitäten der hölzernen Fundstücke schwärmt: „Bergahorn hat helles, fast porzellanweißes Holz. Apfelholz dagegen eine schöne Maserung. Ich bearbeite es feucht, weil es sich beim Trocknen stark verzieht.“

Diesen Effekt des Verziehens setzt Finkel bewusst ein: Er dreht Rillen in seine Objekte, dadurch entstehen Lamellen. Beim Trocknen legen diese sich dann in Wellen um den gesamten Holzkörper. Auch die Spuren, die das Werkzeug hinterlässt, bezieht er mit ein. Mit seinen Werken fördert Finkel den Charakter eines jeden Baumstamms zu Tage.

Christoph Finkel im Bärgündeletal, Oberallgäu Christoph Finkel im Bärgündeletal, Oberallgäu | Foto: Angelica Finkel „Meistens hab ich bereits eine grobe Vorstellung der künftigen Form, wenn ich anfange, den Stamm zu filetieren. Beim Drechseln auf der Drehbank spüre ich dann Hohlräumen und Strukturen nach – je älter das Holz, umso verwachsener ist es. Dieses Vorgehen hat viel Eigendynamik und bringt Überraschungen. So entsteht eine Art von Kommunikation zwischen mir und dem Holz.“ Vom Vorbereiten des Stamms bis zum fertig getrockneten Objekt vergehen mitunter bis zu drei Monate, diesen Prozess muss Finkel penibel kontrollieren. Dass die Unikate am Ende bis zu 3.000 Euro kosten, scheint da plausibel. Ein paar handverlesene Galerien und Messen sind heute stolz darauf, seine Objekte zeigen zu dürfen, so zum Beispiel die Design-Galerie Luminaire in Chicago. Auf dem Mailänder Salone del Mobile 2012 stellte er zusammen mit der Textildesignerin Paola Lenti im Chiostro dell’Umanitaria aus – ein großer Erfolg.

Ob seine Werke nun eher Kunst oder Design sind, fragt er sich nicht. „Schubladen und Dogmen interessieren mich nicht. Es gibt entweder gute oder schlechte Arbeiten, das sind die Kriterien, auf die es ankommt“. Am liebsten wandelt er dabei zwischen den Disziplinen, zwischen den Welten.