Ulmer Hochschule für Gestaltung Zurück in der Zukunft

Während das Bauhaus der 1920er-Jahre als Kaderschmiede des Funktionalismus und einer jungen Generation von neuen Gestaltern bis heute viele Menschen fasziniert, steht die Wirkungsgeschichte der bedeutsamen Hochschule für Gestaltung (HfG) in Ulm bislang weniger im Fokus. Das soll sich ändern.

HfG-Gebäude 1955 HfG-Gebäude 1955 | Foto (Ausschnitt): Sisi von Schweinitz © HfG-Archiv Ulm Mit dem Umzug des Archivs der HfG Ulm in seine angestammten Räumlichkeiten auf dem Ulmer Kuhberg sind beste Voraussetzungen dafür geschaffen, dieses einzigartige Design- und Architektur-Experimentallabor der jungen Bundesrepublik Deutschland fast 60 Jahre nach der Gründung einem breiten Publikum bekannt zu machen. Die HfG Ulm existierte 15 Jahre lang, rund 640 Studierende durchliefen hier ihr Studium zum Gestalter – doch ähnlich wie das Bauhaus war sie mehr als nur eine reine Ausbildungsstätte für Produktgestaltung, Visuelle Kommunikation, Bauen, Information und Film. Die HfG Ulm wurde 1953 auf Initiative von Inge Scholl, Otl Aicher und Max Bill als eine private Bildungseinrichtung gegründet, Träger war die 1950 gegründete Geschwister-Scholl-Stiftung.

Ausbildung zu einer besseren Gesellschaft

Zapfsäulen 1964/65, Entwurf: Werner Zemp, Peter Hofmeister, Franco Clivio, Horst Emundts, Verena Loibl, Edith Ross Zapfsäulen 1964/65, Entwurf: Werner Zemp, Peter Hofmeister, Franco Clivio, Horst Emundts, Verena Loibl, Edith Ross | Foto: unbekannt © HfG-Archiv Ulm Die moralische Verpflichtung, Lehren aus den Erfahrungen des Faschismus und Nationalsozialismus zu ziehen und junge Menschen zum Streben nach einer besseren Gesellschaft zu bewegen, wurde zum Grundstein der Hochschulgründung.

Ulmer Hocker 1955, Entwurf: Max Bill, Hans Gugelot, Paul Hildinger Ulmer Hocker 1955, Entwurf: Max Bill, Hans Gugelot, Paul Hildinger | Foto: Ernst Fesseler © HfG-Archiv Ulm Solidarität und Unterstützung fand die Gründungsidee nicht nur bei der kulturellen Elite im Nachkriegsdeutschland, sondern auch bei den amerikanischen Besatzern. Persönlichkeiten wie John J. McCloy als Hoher Kommissar der USA für Deutschland und Shepard Stone als sein Berater und Leiter des Büros für öffentliche Angelegenheiten im Militärischen Sicherheitsrat zählten zu den Förderern der frühen Stunde, später kamen die Stadt Ulm, das Land und der Bund dazu. Die HfG Ulm hatte nicht den Status einer wissenschaftlichen Hochschule, obwohl man hier sehr wohl Forschung und Entwicklung betrieb, und auch der Dünkel einer Kunstakademie haftete ihr nicht an.

Teamgeist und Internationalität

Kleintransporter 1963/64, Design: Kerstin Bartlmae, Peter Kövari, Michael Penck Kleintransporter 1963/64, Design: Kerstin Bartlmae, Peter Kövari, Michael Penck | Foto: Wolfgang Siol © HfG-Archiv Ulm Johannes Itten im Unterricht 1955 Johannes Itten im Unterricht 1955 | Foto: Sisi von Schweinitz © HfG-Archiv Ulm Das sogenannte Ulmer Konzept oder Ulmer Modell verfolgte in seiner Grundidee das politische wie auch pädagogische Ziel, Gestaltung als ein gesamtgesellschaftliches und nicht nur als ästhetisches oder ökonomisches Phänomen zu betrachten. Teamarbeit und eine internationale Zusammensetzung der Studentenschaft waren wichtig. Voraussetzung für das Studium war nicht zwingend die Hochschulreife, sondern eine handwerkliche Lehre oder praktische Vorbildung. Das Programm hatte Otl Aicher geprägt, und es wurde gemeinsam mit Max Bill und von langjährigen Dozenten wie Tomás Maldonaldo, Hans Gugelot, Walter Zeischegg und Herbert Ohl fortgeschrieben und weiterentwickelt. Insgesamt 282 Dozenten wirkten an der HfG Ulm, darunter nicht nur Designer, sondern auch die ehemaligen Bauhäusler Helene Nonné-Schmidt, Johannes Itten, Walter Peterhans, Josef Albers und auch Friedrich Vordemberge-Gildewart, Richard Buckminster Fuller, Werner Sombart, Norbert Wiener und Hans Magnus Enzensberger.

Nachhaltige Projekte

Bushaltestelle 1967/68, Design: Karl Gröbli, Jean-Claude Ludi, Richard Schaerer, Hubert-Michael Weiss Bushaltestelle 1967/68, Design: Karl Gröbli, Jean-Claude Ludi, Richard Schaerer, Hubert-Michael Weiss | Foto: Hartwig Koppermann © HfG-Archiv Ulm Die Erfolgsgeschichte dieser Hochschule manifestiert sich nicht nur in den zahlreichen Preisen, mit denen sie für Gestaltung, Industrie- und Produktform ausgezeichnet wurde, oder in der internationalen exzellenten Dozentenschaft.

Stapelgeschirr TC 100 1959, Entwurf: Hans (Nick) Roericht Stapelgeschirr TC 100 1959, Entwurf: Hans (Nick) Roericht | Foto: Wolfgang Siol © HfG-Archiv Ulm Außergewöhnlich waren auch die Ergebnisse der Werk- und Entwicklungsgemeinschaften, in denen neue methodische Voraussetzungen den Bodensatz für Projekte bildeten, die ressourcensparend, weil rohstoffarm waren, haltbar und scharf durchdacht, nachhaltig und ökologisch, bevor es diese Bewegung überhaupt gab. Die Abteilungen der HfG und ihre Methodik waren ihrer Zeit voraus und „machten den Designer zum anerkannten Beruf“, so Manfred Sack 1987 in der deutschen Wochenzeitung Die Zeit. 1968 musste die HfG Ulm schließen, die politische wie auch die finanzielle Unterstützung für das außergewöhnliche Hochschulexperiment fehlte. Umso erfreulicher ist, dass ihre Geschichte nicht dem Vergessen preisgegeben ist.

Reichhaltige Materialien und Dokumente

HfG-Archiv 2011 HfG-Archiv 2011 | Foto: Linde Böhm © HfG-Archiv Ulm Das Archiv der HfG Ulm kann nun wieder seine gesammelten und von der ehemaligen Geschwister-Scholl-Stiftung als unbefristetes Depositum überlassenen Materialien, Dokumente, Arbeiten und Fotografien von Schülern und Dozenten in den angestammten Räumen auf dem Kuhberg in Ulm präsentieren, genau da, wo alles seinen Ursprung hatte. Die vom ehemaligen Bauhäusler Max Bill entworfene Architektur ist dabei ein bereits von außen ablesbares und damit sicherlich wichtigstes Exponat. Grundlage für die neue und einmalige Sicht auf das Schaffen der HfG wurde 2009 der Entschluss der Stadt Ulm, das Angebot der Stiftung HfG-Ulm – ehemals Geschwister-Scholl-Stiftung – als Eigentümerin des Gebäudekomplexes am Ulmer Hochsträß anzunehmen und die rund 1.900 Quadratmeter zukünftig als Depot-, Büro- und Ausstellungsfläche zu mieten. Etwa 6.500 Grafiken, 350 Modelle, 30.000 Schriftdokumente, 11.000 Fotografien und nicht zuletzt die Bibliothek der ehemaligen Hochschule mit rund 6.000 Bänden zählen zum Bestand und werden für die Forschung, aber auch für interessierte Besucher aufbewahrt und zur Verfügung gestellt. Ausstellungen zum Beispiel über das ganzheitliche Schaffen von Otl Aicher für die olympischen Spiele 1972 in München, aber auch begleitende Veranstaltungsprogramme, Filmabende und Vortragsreihen runden das Programm um die Präsentation des reichen Materialfundus und der vielen Schenkungen der ehemaligen Studenten und Lehrer ab.
 

Unter dem Titel Hochschule für Gestaltung Ulm: Von der Stunde Null bis 1968 zeigt das HfG-Archiv eine Dauerausstellung zur Geschichte der HfG.