Dirndl der afrikanischen Art Afrika und Bayern in kreativen Aneignungsprozessen

Eveline Stösser
Eveline Stösser | Foto (Ausschnitt): © Sabeth Stickforth

Tradition will neu erfunden werden, in Bayern und anderswo. Das Dirndl feiert seinen Siegeszug nicht nur in regionalen bayerisch-österreichischen Variationen, sondern im Cross-over mit moderner Hoch-Fashion und afrikanischen Waxprint-Stoffen – Oktoberfest global.

D’Urban Dirndl, Sommer 2013 D’Urban Dirndl, Sommer 2013 | Foto: © Claudia Riedel Wenn es in München ernst wird und zum Nationalrausch Oktoberfest kommt, dann werfen sich nicht nur die Ortsansässigen in Tracht, sondern auch die Besucher aus aller Welt, um in einer Art Camouflage das „richtige Wiesn-Gefühl“ zu erleben. Da treibt die Dirndltradition bunte Blüten: vom Bayernkitsch bis zur Haute-Couture. Doch zwei Modelabels aus München und Berlin wagten sich daran, die traditionellen Schnitte mit afrikanischen Ideen aufzufrischen.

Städtische afrikanische Dirndl

D’Urban Dirndl, Sommer 2013 D’Urban Dirndl, Sommer 2013 | Foto ©: Claudia Riedel Nicht anbiedernd, sondern mit urbaner Selbstverständlichkeit und Eleganz kommen die Schürzenkleider der Kostümbildnerin Eveline Stösser daher. Der Name ihres Labels D’Urban Dirndl lässt die südafrikanische Stadt Durban, das Dirndl und Urbanität zusammenklingen, und das drücken auch ihre Kleider aus. Während ihrer vielen Afrikareisen hat die Berlinerin festgestellt, dass europäische und afrikanische Mode auf die unterschiedlichste Weise miteinander verknüpft sind und die afrikanische Frauenmode deutliche Anleihen aus der Mode der Kolonialzeit nimmt.

NOH NEE – Dirndl à l’Africaine, Sommer 2013 NOH NEE – Dirndl à l’Africaine, Sommer 2013 | Foto ©: Patricia Ostburg Das brachte sie auf die Idee, zwei Modeerscheinungen derselben Epoche und aus zwei unterschiedlichen Kontinenten zu verbinden: alpenländischer Schnitt und afrikanischer Stoff. Heraus kam D’Urban Dirndl, handgefertigt und in limitierter Auflage – das Label, mit dem Eveline Stösser den deutschen Dirndlmarkt aufmischt.

„Der Waxprint strahlt eine besondere Lebensfreude aus, er ist aus reiner Baumwolle, also auch im heißen Bierzelt angenehm zu tragen”, erklärt Stösser. Und dann benennt sie noch einen wichtigen Faktor, der den Trachten-Hype der letzten Jahre auf dem Oktoberfest erklären könnte: Der Dirndlschnitt betont die Weiblichkeit der Trägerin: Dekolleté, schmale Taille und weiter Rock werden in der aktuellen Mode nur noch selten verwendet. „Es scheint bei den Frauen ein großes Bedürfnis zu bestehen, neben der modernen, bequemen und praktischen Mode auch wieder auf eine so unverfängliche und selbstverständliche Art die Weiblichkeit zu betonen– wenigstens ab und an“, sagt Stösser und lacht.

Geschenk Gottes

NOH NEE – Dirndl à l’Africaine, Sommer 2013 NOH NEE – Dirndl à l’Africaine, Sommer 2013 | Foto ©: Patricia Ostburg Die sprühende Fusion aus afrikanischen Waxprints und bajuwarischen Schnitten ist auch Geschäftsidee des aus Kamerun stammenden und in München heimisch gewordenen Schwesternpaars Rahmée Wetterich und Marie Darouiche. Mit ihrem Label Noh Nee – Dirndl á l’Africaine kombinieren sie die Musterfülle und farbige Ausdruckskraft der afrikanischen Tücher mit dem typischen Dirndl-Schnitt der 1950er-Jahre. Der so entstehende „Colourmix“ ist mehr als nur bunt, „er steht vielmehr für den kreativen Austausch der Weltkulturen, ohne dabei die eigenen Wurzeln zu verleugnen. Die Menschen werden sich kennenlernen, Neues kreieren und ihre Traditionen in neuem Licht sehen“, betont Rahmée Wetterich. Auf Suaheli bedeutet Noh Nee „Geschenk Gottes“, und jedes Dirndl von Noh Nee ist natürlich ein Unikat.

Zeitgemäß und weltoffen

NOH NEE – Dirndl à l’Africaine, Sommer 2013 NOH NEE – Dirndl à l’Africaine, Sommer 2013 | Foto ©: Patricia Ostburg Gefertigt werden die Kleider aus hochwertigen afrikanischen Stoffen – modern, interkulturell und weltoffen. Die Accessoires sind exotisch verspielt: Statt Brezel- oder Lebkuchenoptik zieren Pailletten und Kaurischnecken die Mieder. Die Schürzen von Noh Nee werden zum Teil in einem sozialen Projekt zur Unterstützung von Frauen in Benin geschneidert. Eines Tages, so träumen die Schwestern, sollte ein komplettes Dirndl von afrikanischen Frauen geschneidert werden – aber dazu braucht es noch mehr Anleitung durch Marie. Auch die Auswahl der Stoffe ist handverlesen, passend zum Geschmack und zum Hauttyp der Deutschen, die Resonanz entsprechen positiv – nicht nur in München.

Kreative Aneignungsprozesse

NOH NEE – Dirndl à l’Africaine, Sommer 2013 NOH NEE – Dirndl à l’Africaine, Sommer 2013 | Foto ©: Patricia Ostburg Die Mischung der Traditionen offenbart die Tradition des Mixes mit ihren vielschichtigen kreativen Aneignungsprozessen, denn die afrikanischen Waxprint-Stoffe kommen aus den Niederlanden, wo sie auch noch heute für den afrikanischen Markt produziert werden. Ursprünglich aber stammt der besondere Look aus der Batik-Tradition der niederländischen Kolonie Java, dem heutigen Indonesien. Maschinell hergestellt erreichten die Stoffe von Holland aus die Westküste Afrikas, wo sie sich wiederum an den regionalen afrikanischen Geschmack anpassten. Die extravaganten Designs entstehen nicht nur aus lokalen afrikanischen Traditionen oder islamischen geometrischen Mustern, sondern nehmen ihre Anleihen aus dem Alltag, aus der Musik und nicht zuletzt aus der ironischen Pop Art. Sie werden heute von Designern innerhalb und außerhalb Afrikas verwendet.

NOH NEE – Dirndl à l’Africaine, Sommer 2013 NOH NEE – Dirndl à l’Africaine, Sommer 2013 | Foto ©: Patricia Ostburg Ob D’Urban Dirndl oder Noh Nee – die afrikanisch-bajuwarischen Modefusionen der Designerinnen sind nicht nur ein Renner auf dem Oktoberfest, die stilvollen Dirndl der afrikanischen Art taugen auch für den Alltag. Denn ohne Schürze oder Bluse, als beschwingtes Sommerkleid mit einem eleganten Gürtel, können sie auch gut außerhalb des Wiesn-Rausches getragen werden.