Weltkulturen-Labor „Trading Style“ – das Museum als Handelsposten

 Atelier, Misha Hollenbach and Shauna Toohey, P.A.M., Weltkulturen Labor Atelier
Atelier, Misha Hollenbach and Shauna Toohey, P.A.M., Weltkulturen Labor Atelier | Foto (Ausschnitt): Wolfgang Günzel, 2012

Frischer Wind weht durchs Weltkulturen-Museum und mischt Masken und Mokassins, Fellbekleidung und gehäkelte Rucksäcke, Schwarzwälder Bollenhüte, Brautkopfschmuck und Federhalsketten neu. All diese anachronistischen Objekte aus Gold und Blech, aus Bast, Baumwolle, Bambus oder Fischhaut, sind in der Ausstellung „Trading Style“ in neuem Zusammenhang zu bestaunen.

Unter der künstlerischen Leitung von Teimaz Shahverdi zeigt das Frankfurter Museum bis zum 27. Oktober 2013 mehr als 500 historische Objekte, Fotografien und Filme – doch diesmal wird man vergeblich nach einer klassischen ethnografischen Einordnung und Erklärung suchen. Die Vermittler der Artefakte sind junge Modemacher. Vier internationale Modelabels sind der Einladung des Museums nach Frankfurt gefolgt, Depots und Archive zu durchstöbern; alle hatten bereits mit globalen Trends und Traditionen experimentiert und waren offen für diese ungewöhnliche Erfahrung, die hier auf sie wartete.

Internationale Labels im Weltkulturen-Labor

Assemblage. POSSIBLY WITCHDOCTORS, Former Cape Province, 1930 and Cassette Playa, Carni Cannibal Palace, Foto: Alis Pelleschi, 2012/13 Assemblage. POSSIBLY WITCHDOCTORS, Former Cape Province, 1930 and Cassette Playa, Carni Cannibal Palace, Foto: Alis Pelleschi, 2012/13 | © Für Tauschaktionen dieser Art hat Clémentine Deliss, seit 2010 Direktorin des Museums, das Weltkulturen-Labor ins Leben gerufen. Es besteht aus Wohnungen, Ateliers, die auf Wunsch der Gäste individuell mit Nähmaschinen oder Batikutensilien ausgestattet werden, und Büroräumen, die mit moderner Technik ausgestattet sind. Während ihrer Residenzen konnten sich die Modemacher zu jeder Tages- und Nachtzeit mit Objekten ihrer Wahl auseinandersetzen und wurden von den Kuratoren mit Informationen versorgt. Was bei dieser „Feldforschung“ im Museum herauskam, waren neue Prototypen für Stoffdesigns und Modekollektionen, Schmuck und Accessoires: „The Collection of the Collection“. Diese ist nun in der Ausstellung Trading Style zu bewundern.

Feldforscher im Museum

  • New Tendency und Studenten der HFG Offenbach, Weltkulturen-„Limited Edition“ Foto: Wolfgang Günzel
    New Tendency und Studenten der HFG Offenbach, Weltkulturen-„Limited Edition“
  • Assemblage. Frau im Totenkleid, Thailand, Foto: Hermann Schlenker, 1964/65 und P.A.M. Deep Forrest Remix, Foto: Max Doyle, 2011 ©
    Assemblage. Frau im Totenkleid, Thailand, Foto: Hermann Schlenker, 1964/65 und P.A.M. Deep Forrest Remix, Foto: Max Doyle, 2011
  • Atelier, Carri Munden, Cassette Playa, Weltkulturen-Labor Foto: Wolfgang Günzel, 2012
    Atelier, Carri Munden, Cassette Playa, Weltkulturen-Labor
  • Atelier, Buki Akib, Weltkulturen-Labor, 2012 ©
    Atelier, Buki Akib, Weltkulturen-Labor, 2012
Als erste Laborbesucher kam das Label A Kind of Guise aus München angereist. Yasar Ceviker und Susi Streich mit ihrem Team begeisterten sich vor allem für die traditionellen Muster und Farben mexikanischer Textilien und Objekte. Auch Einflüsse von indonesischen und melanesischen Artefakten – Seifenverpackungen, Theatermasken und Strickkostümen, die in Neuguinea einem Namensgebungsritual dienen – übersetzten sie in Prototypen ihrer Kleidungsstücke. Im Anschluss an die Residenz entstand eine unprätentiöse und legere Sommerkollektion mit ausgewaschenen Farbtönen und zeitgemäßen, schlichten Schnitten.

Initiationen

Das Luxuslabel für Frauen- und Männermode Cassette Playa ist bekannt für Kultgrafik und Digitaldruck. Die junge Londoner Designerin Carri Munden ließ sich von Initiationsriten, Tätowierungen und ornamentalen Skarifizierungen aus Melanesien und aus dem brasilianischen Amazonastiefland in Bann ziehen. Im Labor erforschte sie mit den Designs die Konstruktion von Identitäten und ließ sich von den Bildern und Objekten inspirieren – aber auch von den Menschen, die diese Objekte tragen.

In ihren Entwürfen verband sie diese Merkmale mit dem individuellen Stil der Straße, wo ebenso „Stammeszugehörigkeiten“ durch Stile und Kleidung kommuniziert werden.

Tribal Streetfashion

Buki Akib, Kuti Hose, FELA A/W 2011 Buki Akib, Kuti Hose, FELA A/W 2011 | Foto: Milly Kellner, 2011 Besondere Attraktion übten die Masken und Geisterwesen Ozeaniens auf das Lifestyle-Label P.A.M. aus, hinter dem das Paar Misha „Perks“ Hollenbach und Shauna „Mini“ Toohey aus Australien steht. Auch sie hoben in ihren Arbeiten den Zusammenhang von indigener tribaler Kultur und Straßen-Subkultur hervor und übersetzten ihn in eine Serie von Drucken und Collagen: ein Remix aus alten Mustern und moderner Straßenkultur im „global tribe“-Stil.

Synästhetische Designs

Für die nigerianische Designerin Buki Akib ist vor allem Musik eine besondere Quelle der Inspiration. Im Weltmuseum Labor übertrug sie die Klänge von Gongs, Fingerklavieren und Trommeln in neue Stoffmuster und akustischen Schmuck, der als Rasseln und Klappern auf dem Körper getragen wird. „Bei dieser Kollektion ging es um das Gefühl, ich folgte meinem Bauchgefühl mit den Sounds die aus diesem Instrument kamen. Ich strickte filigrane, einfädige Stoffe um die spirituelle Verbindung zu zeigen, die ich fühlte. Ich ließ meine Weber in Lagos die gewagten Prints in die Aso-oke-Manier übertragen, welche die Klänge der Wassertrommel imitieren“, schildert Akib im Magazin Essential Homme ihre kreative Erfahrung. Ihre Mode lässt traditionelle nigerianische Strick- und Webarten mit innovativen Formen verschmelzen. So entstehen extravagante, kontrastreiche Stücke. Kräftige Farben und kollidierende, teilweise dreidimensionale Muster und Texturen kennzeichnen ihren zukunftsgerichteten, kosmopolitischen Stil.

Magischer Schmuck

Saskia Diez, Magic Ear. Eine neue Schmuckedition, die sich als Dialog mit Objekten von der Ausstellung „TRADING STYLE – Weltmode im Dialog“ versteht. Saskia Diez, Magic Ear. Eine neue Schmuckedition, die sich als Dialog mit Objekten von der Ausstellung „TRADING STYLE – Weltmode im Dialog“ versteht. | © Während die Ausstellung läuft, sprudelt auch die Inspirationsquelle: Im Februar 2013 entstand eine erste Weltkulturen-Limited Edition, Stofftaschen des Labels New Tendency und den Studenten der Hochschule für Gestaltung Offenbach. Auch Saskia Diez‘ neue Schmuckedition versteht sich als Dialog mit den Objekten von Trading Style. Ihre Arbeit betont vor allem die schützende Funktion und magische Bedeutung von Schmuck. Clémentine Deliss holt Künstler, Designer, Modemacher und Architekten ins Museum und macht diese zu den neuen Vermittlern der Sammlungsobjekte. Historische, ethnografische Objekte, Fotos und Filme werden mit modernen Arbeitsweisen in Kontakt gebracht und aktualisieren diese: Die Objekte aus fernen Welten erstrahlen in neuem Glanz im neuen Dialog zwischen vergangenen und zukünftigen Modewelten. Und die Frage, was Mode über unsere Gesellschaft aussagt, wie sich Stile verbreiten und Identitäten herstellen, wird nonchalant, fast nebenher, durch die Ergebnisse der Designer beantwortet.
 

Bildband zur Ausstellung: Clémentine Deliss (Hrsg.), Teimaz Shahverdi (Hrsg.): Trading Style, 264 Seiten, 204 Abbildungen, Deutsch und Englisch, Kerber-Verlag, Bielefeld.