David Hanauer Das Konzept ist das Konzept

David Hanauer, The Living Structure
David Hanauer, The Living Structure | © David Hanauer

Sein Studium an der Hochschule für Gestaltung (HfG) Karlsruhe hat David Hanauer noch gar nicht abgeschlossen, doch schon jetzt macht der 30-Jährige international von sich reden. Mit seinen konzeptionellen Entwürfen untersucht er nicht nur das Wesen, sondern auch die Wahrnehmung der Dinge.

David Hanauer David Hanauer | Foto: Franziska Beyer Unter den Designschulen in Deutschland gilt die HfG Karlsruhe als ein Hort der Freiheit, wo man sich gegen vereinheitlichende Bachelor- und Master-Abschlüsse sperrt, wo die Grenzen zwischen den Disziplinen selbstverständlich offen sind, wo das sogar Programm ist. „Man hat die Freiheit, das zu tun, was man will“, sagt David Hanauer, einer derjenigen, die dieses Ausbildungskonzept konsequent ausleben. „Das ist gut, wenn man weiß, was man will und was nicht.“ Er selbst zum Beispiel hat sich entschieden, erst gar nicht mit 3D-Software zu arbeiten, auch wenn das ansonsten längst Standard ist. Der 30-Jährige, der 2013 an der HfG Karlsruhe seinen Diplomabschluss in Produktdesign machen will, entwickelt seine Projekte nicht aus dem jeweiligen Material heraus, wie viele andere Designer es heute gerne tun. Er leitet die Form seiner Produkte nicht von neuen Herstellungstechniken ab, und er verändert auch nicht traditionelle Typologien auf eine Weise, dass neue Formen entstehen. Für ihn zählt einzig und allein die Idee.

„Die Idee steht am Anfang“, sagt Hanauer. Und sie bestimmt am Ende auch das fertige Produkt, weil er versucht, im Designprozess keine Kompromisse zu machen. So war es schon bei seinem zweiten Studienprojekt: einem Kerzenständer, der sich bewegt, wenn die Kerze brennt.

David Hanauer, Kerzenständer Superflux_1 David Hanauer, Kerzenständer Superflux_1 | © Man steckt die Kerze schräg in die zur Seite geneigte Silikonform, zündet sie an. Wachs tropft auf den Boden. Irgendwann verlagert sich das Gewicht, die Schwerkraft wirkt – und das flexible Material richtet sich langsam auf. Ewig habe er herumexperimentiert, um den Silikon-Hohlkörper in die richtige Form zu bringen, sagt Hanauer; eine als Standfuß eingelegte Metallplatte sorgte schließlich für die nötige Stabilität.

WorldWide Carpets

David Hanauer, WorldWide Carpets, Installation David Hanauer, WorldWide Carpets, Installation | © Mit solchen konzeptionellen Entwürfen hat Hanauer schon einiges Aufsehen erregt, Blogs und Designmagazine berichten immer wieder über seine neuen Projekte. Am meisten Aufmerksamkeit haben ihm bisher die „WorldWide Carpets“ eingebracht, die er anfangs mit Google Earth generierte – bis Google ihn irgendwann aufforderte, eine vorbereitete Unterlassungserklärung abzugeben. Er machte Screenshots von Satellitenaufnahmen amerikanischer Städte, setzte diese Bildausschnitte neu zusammen und ließ sie von einer Werbedruck-Firma auf Polyester-Flor drucken. Die Symmetrien, die sich durch Spiegelungen ergeben, die wiederholten Motive und Muster knüpfen auf den ersten Blick an die Tradition der Perserteppiche an, und doch hat Hanauer seine Teppiche gleichzeitig ins Jetzt gewendet. Für ihn sind sie auch eine zeitgenössische Form der Fotografie. „Screenshots sind nichts anderes als Fotos“, sagt Hanauer. „Ich muss nicht mit der Kamera auf der Straße herumlaufen.“ Die ungewohnte Vogelperspektive auf den Teppichen erkennen viele, die sie betreten, aber erst, wenn sie genau hinsehen.

Modulstrukturen

David Hanauer, The Living Structure David Hanauer, The Living Structure | © Ein anderes Projekt von Hanauer, „The Living Structure“, wird oft gleich als Kunstinstallation wahrgenommen. Das geometrische Gerüst aus Vierkantholz lässt sich an die Wand montieren oder auf den Boden stellen und kann so den Raum definieren. Tatsächlich erinnert es an Installationen der Minimal Art, etwa von Donald Judd, genauso aber auch an die utopischen Ideen des Designs der Sechziger- und Siebzigerjahre, als man grundsätzliche Überlegungen anstellte: Wie verhalten sich Subjekt (der Mensch) und Objekt (das Möbel) zueinander im Raum? Lässt sich die Welt aus einheitlichen Modulen zusammensetzen? Ähnliche Ideen stecken in Hanauers „Living Structure“, einer Struktur außerhalb bestehender Möbel-Typologien, die keine bestimmte Funktion vorgibt. „Bevor man sie nutzt, muss man sich Gedanken machen, wie“, sagt Hanauer, „man muss sie durch seinen Gebrauch definieren“. Eine schwarze Metallplatte, die man auf das Gerüst legen kann, hilft dabei. Und Hanauer hat extra ein Video produziert, das zeigt, wie man die „Living Structure“ benutzen könnte: als Garderobe, als Mini-Büro, als DJ-Set oder Esstisch.

„Objet trouvé“

David Hanauer, Redblack David Hanauer, Redblack | © Für solche Entwürfe einen Käufer zu finden, ist nicht so einfach. Bisher hat Hanauer nur einzeln an Privatleute verkauft, in Zukunft möchte er mit Design-Galerien, Concept Stores und Hotels zusammenarbeiten, um Editionen in größeren Stückzahlen aufzulegen. Sein Ziel ist es, auch nach dem Studienabschluss eigenständig zu bleiben, obwohl er sich manchmal die Frage stellt, „ob ich das Risiko eingehen kann, weiter konzeptionell zu arbeiten“. Das Potenzial, das in seinen bisherigen Projekten steckt, ist jedenfalls noch längst nicht ausgeschöpft. Etwa das der Deckenleuchte Redblack, für die er vier Tennisschlägertaschen aneinandergenäht hat. Ihm war aufgefallen, dass sie innen mit einer reflektierenden Thermo-Folie ausgekleidet sind, die den Schläger vor extremer Sonneneinstrahlung schützen soll – und die jetzt im Inneren eines riesigen Lampenschirms als silbern glänzender Reflektor dient; außen ergibt das Logo der Herstellerfirma ein sich wiederholendes Muster. David Hanauer hat dem Alltagsgegenstand eine neue Identität als objet trouvé verliehen. Auf der Mailänder Möbelmesse, dem weltweit wichtigsten Design-Event, hat er es 2012 bereits gezeigt.