Barbara Vinken im Interview „Mode als gesellschaftlicher Seismograf“

Die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken sprach mit Goethe.de über Crossdressing, den Verlust des Modischen und unhöfliche Mode.

Porträt Barbara Vinken Porträt Barbara Vinken | © Barbara Vinken Frau Vinken, was interessiert Sie als Literaturwissenschaftlerin besonders an der Mode, was verbindet Literatur und Mode?

Ein besonders gelungenes Kleid kann man so lesen wie ein Gedicht; beides kann dieselbe Interpretationsneugier anstacheln.

Sie rücken dem so flüchtigen, vergänglichen Phänomen der Mode mit dem Instrumentarium der Geschlechterforschung und mit Begriffen wie Crossdressing, Travestie und Inszenierung zu Leibe. Was enthüllen uns diese Begriffe?

Sieht man ein bisschen genauer hin, fällt auf, dass die Mode weder flüchtig noch beliebig ist, sondern System hat. Systematisch durchkreuzt sie die von ihr selbst aufgestellten Codes. Dieses witzige Spiel mit Codes heißt Mode. Hat die Mode, grob gesprochen, bis zur französischen Revolution die Stände streng geteilt, so trennt sie danach die Geschlechter.

Ausstellungsansicht „Reflecting Fashion – Kunst und Mode seit der Moderne“, mumok, Wien 15.6.–23.9.2012 Ausstellungsansicht „Reflecting Fashion – Kunst und Mode seit der Moderne“, mumok, Wien 15.6.–23.9.2012 | Foto: Lisa Rastl, © mumok/VBK Wien, 2012 So verschieden in Bezug auf die Zurschaustellung ihrer Geschlechtlichkeit wie im bürgerlichen Zeitalter war Kleidung nie. Die Mode der Moderne besteht nun vorwiegend in der Übertragung von Männermode in Frauenmode. Ihr Motor ist das Crossdressing. Diese Entwicklung ist mit dem Smoking von Yves Saint Laurent in den Siebzigerjahren des vorangegangenen Jahrhunderts abgeschlossen.

Fällt Männern die Aneignung weiblicher Kleidung und Codes schwerer als umgekehrt? Warum?

Revolutions- und Empiremode: Maximilian Franz von Österreich, seine Schwester Marie Antoinette und deren Ehemann König Ludwig XVI. von Frankreich, Josef Hauzinger (1728–1786), Kunsthistorisches Museum, Wien. Revolutions- und Empiremode: Maximilian Franz von Österreich, seine Schwester Marie Antoinette und deren Ehemann König Ludwig XVI. von Frankreich, Josef Hauzinger (1728–1786), Kunsthistorisches Museum, Wien. | © Ja, Frauen ziehen sich Männerkleider an, Männer fast nie Frauenkleider. Der schottische Kilt ist kein weiblicher Rock, sondern kommt aus dem Militär. Die Hose, das männliche Kleidungsstück par excellence, dessen Tragen den Frauen unter Napoleon per Gesetz verboten wurde, gehört heute hingegen genau wie der Anzug ganz selbstverständlich zur weiblichen Garderobe. Einen Mann im Etuikleid oder im schwingenden Rock habe ich dagegen nur als Crossdresser gesehen. Die weibliche Mode wird „modern“, indem sie sich jedes männliche Detail Stück für Stück aneignet.

Umgekehrt trifft das natürlich nicht zu. Die Dandys und ihre Nachfahren sind die einzigen, die sich zwar nicht wie Frauen anzogen, aber wie sie allen Wert der Welt in ihre Kleider legten.

Ist Mode doch kein reines Oberflächenphänomen?

„Wer die Mode zu lesen versteht“, hat der Philosoph Walter Benjamin einmal gesagt, „kann lesen, was kommt“. Für gute Leser ist die Mode vielleicht der gesellschaftliche Seismograf schlechthin. Es sollte allerdings schon etwas subtiler sein als nach dem Motto: Wenn die Kurse krachen, werden die Röcke kürzer und die Lippen röter.

Ausstellung „Le smoking – Smoking für Frauen“, ausgestellt während bei einer Vernissage von Yves Saint Laurent: „Die Retrospektive“ im Denver Art Museum Ausstellung „Le smoking – Smoking für Frauen“, ausgestellt während bei einer Vernissage von Yves Saint Laurent: „Die Retrospektive“ im Denver Art Museum | © Hat die Mode die Demokratisierung vorangetrieben oder umgekehrt?

Ausstellungplakat „Reflecting Fashion – Kunst und Mode seit der Moderne“, mumok, Wien 15.6.–23.9.2012 Ausstellungplakat „Reflecting Fashion – Kunst und Mode seit der Moderne“, mumok, Wien 15.6.–23.9.2012 | © mumok/VBK Wien, 2012 Es scheint, dass eine Gesellschaft umso demokratischer ist, je weniger sie die Kleidung ritualisiert. Während, überspitzt gesagt, die einzige Aufgabe der Könige darin bestand, sich ständig beim Umziehen vor aller Augen zu zeigen, verwenden die Leute heute fast gar keine Zeit mehr auf das Anziehen. Am Hof war etwa das morgendliche Anziehen ein zentraler öffentlicher Moment. Man zog sich mindestens dreimal am Tag aufwendig um. Heute hingegen will jeder den Anschein erwecken, nicht „angezogen“ zu sein. Leider soll es nicht nur im absoluten Raffinement und Understatement so aussehen, als verschwendeten die Menschen auf die Kleider, die sie tragen, keinen Gedanken. Fast aggressiv führen sie uns vor Augen, dass sie wirklich keinerlei Aufmerksamkeit darauf verwandt haben, was sie da so anziehen. Das ist für den Beobachter des Straßenlebens ja eine alltägliche, ziemlich frustrierende Erfahrung.

Ausstellung „Le smoking – Smoking für Frauen“, ausgestellt während einer Vernissage von Yves Saint Laurent: „Die Retrospektive“ im Denver Art Museum Ausstellung „Le smoking – Smoking für Frauen“, ausgestellt während einer Vernissage von Yves Saint Laurent: „Die Retrospektive“ im Denver Art Museum | © Wer sich nicht mehr daran erinnert, dass sich auch die Großbourgeoisie selbstverständlich mindestens einmal am Tag umzog – und zwar nicht um auszugehen, sondern selbstverständlich zum Diner – kann das noch einmal bei Tolstoi oder Proust nachlesen. Heutzutage dagegen weiß kaum jemand mehr, was der Unterschied zwischen einem Cocktailkleid und Abendgarderobe ist. Man kann von morgens früh bis spät abends dasselbe tragen; Kleider werden angepriesen, die mit wenigen Accessoires von einer Bürokleidung in Abendgarderobe zu verwandeln sind.

Der Soziologe Georg Simmel beschrieb die Mode als soziales Phänomen, in dem sich die Macht der Erscheinungen, also des Oberflächlichen zeigt. Er behauptet, dass Frauen im Allgemeinen der Mode stärker anhängen als die Männer, und führt dies auf die Schwäche ihrer soziologischen Position zurück, denn Schwäche vermeidet Individualisierung, die Distinktion. Stimmt das heute noch?

Die Mode, das ostentativ Modische, scheint fast ein Phänomen von Randgruppen geworden zu sein – durchaus in Simmels Sinne der Kompensation. In Chicago etwa ziehen sich eigentlich nur die Schwarzen aufwendig, dramatisch, geschmückt, raffiniert an. Alle anderen zeigen, dass sie es nicht nötig haben, auf so etwas Oberflächliches wie Kleidung auch nur einen Gedanken zu verschwenden: Die inneren Werte allein verdienen unsere ganze Aufmerksamkeit – eigenartig unhöflich und bizarr narzisstisch gestört.

Wie beurteilen Sie die aktuelle deutsche Mode im Bezug auf die Geschlechterinszenierungen?

Porträt Barbara Vinken Porträt Barbara Vinken | © Barbara Vinken Wirklich öde. Nehmen wir nur mal das französische Magazin Madame Figaro, wo führende Damen aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Kultur öffentlich ihre Abkehr vom Hosenanzug inszenieren und sich im Kleid fotografieren lassen. Zuerst einmal gibt es in Deutschland in diesen herausgehobenen Positionen gar nicht so viele Frauen, dass uns dies als völlige Selbstverständlichkeit erschiene. Und zweitens könnten sie es sich schlicht nicht leisten, modische Weiblichkeit so öffentlich zu inszenieren, ohne sich sofort den Vorwurf der Inkompetenz zuzuziehen: entweder kompetent oder betont modisch weiblich.

Was tragen Sie selbst am liebsten?

Schwarzes Kaschmir zum Arbeiten und sonst Alaïa.
 

Barbara Vinken ist Professorin für Romanistik in München. Neben ihrer Tätigkeit als Literaturwissenschaftlerin, mit Veröffentlichungen über Kleist oder Flaubert, hat sich Vinken immer wieder mit dem Phänomen der Mode als Zeichen- und Kommunikationssystem auseinandergesetzt. Ihr neues Buch Angezogen. Das Geheimnis der Mode erscheint 2013 im Klett-Cotta Verlag.