Stephanie Müller im Gespräch
Über Lumpen, Schätze und Schmuckwunden

Amigoaffäre, Stephanie Müller
Amigoaffäre, Stephanie Müller | Foto (Ausschnitt): Klaus Dietl

Mode, Kunst, Performance, Musik, Soziologie – in den Schnittstellen dieser Bereiche entspinnt sich der kreative Spielraum von Stephanie Müller. In ihrem Laboratorium werden sowohl die gute alte Praxis verdeckter Nähte als auch Hierarchien und Herrschaftsbereiche in Mode und Gesellschaft hinterfragt. Stephanie Müller im Gespräch mit Goethe.de über Brüche, Dekonstruktionen und neue Kleider aus alten Geschichten.

Selbstporträt, Stephanie Müller Selbstporträt, Stephanie Müller | Foto: Florian Betz Frau Müller, Fundstücke, Uniformen, Bandagen – alles das verarbeiten Sie zu neuen Themen oder zu neuen Klamotten. Was bedeutet für Sie „Kleider machen“ und welche Botschaft steckt in Ihrem Konzept „Rag-Treasure“?

Diese alten Dinge, also „rag“ und „treasure“ – Lumpen und Schätze, das ergibt einen Reiz für mich. Ich mag das sehr gerne, dass diese alten Kleider nicht gleich total aufgegeben werden. Das ist wie ein Palimpsest, wie ein literarisches Motiv: Da gibt es immer schon eine Geschichte, die ist in die Materialien eingeschrieben und sie schreibt sich fort, es ist also immer etwas da, das man aufleben lassen kann. Oder ich breche damit und gebe den Dingen eine ganz neue Deutung.

Sie machen aber auch unkonventionelle Kleider, die verkauft werden. Wie gehen Sie das an?

Also, aus ökonomischer Sicht würde sich wahrscheinlich jeder, der das wirklich gelernt hat, denken, was macht denn die da eigentlich? Ich mache ausschließlich Unikate und es gibt auch nicht irgendwelche Schnittmuster vorher, weil das aus dem Bauch heraus entsteht: Ich mache was und dann schneide ich irgendwie mal anders rein und dann probiere ich das an und dann entsteht das Kleid.

Das Motto „radical crafting“ lässt darauf schließen, dass es da einen gesellschaftskritischen Ansatz in Ihrer Arbeit gibt, im Sinne von: Ich wehre mich gegen das, was mir da vorgegeben wird?

Surfsegelkleid Surfsegelkleid | Foto: Christina Sofie John Ich finde das Motto DIY, „fertig ist unsexy“, schon sehr spannend, obwohl „Do it yourself“ in letzter Zeit ja eher zu so einer Art Baukasten-Philosophie verkommen ist. Da wird mir eine Anleitung vorgegeben und innerhalb dieser Maßeinheit darf ich dann kreativ sein. Das interessiert mich persönlich gar nicht. „Do it yourself“ hat für mich mehr mit „Machen“, mit Kommunikation zu tun. Da geht es um Austausch von Wissen, von Gedanken und darum, sich ohne Expertise in Felder zu wagen, wo vielleicht die klassische Ausbildung fehlt oder auch Hierarchien mir Grenzen setzen würden.

Da geht es um Emanzipation, sich da hineinzuwagen, auch wenn dir jeder andere sagen würde: „Das hast du doch gar nicht gelernt?“ Oder: „Das macht man doch eigentlich so und so, das hat man doch immer schon so gemacht, da steht’s ja auch so …“ Aus diesen Schranken auszubrechen, das sind glaube ich die Momente, wo viel Neues entstehen kann.

Wie sehen Sie die Bezüge zwischen Gesellschaft und Mode?

Mode ist ein Industriezweig. Egal aus welcher gesellschaftlichen Schicht, jeder macht da irgendwie mit. Andererseits weiß jeder, dass da irgendwie blöd produziert wird und das wollen wir ja alle nicht, aber richtig Einblick hat dann doch keiner, weil es schon so verzweigt ist. Wenn mich so etwas interessiert und wenn mich Feminismus interessiert, dann komme ich gar nicht daran vorbei, Mode und Gesellschaft als etwas Wechselseitiges zu verstehen und dann reizt es mich nachzuforschen: Was steckt dahinter? Wo sind die Ausbeutungsmechanismen, wer ist davon betroffen, wer ist überhaupt beteiligt am Modediskurs.

ThreadTherapy ThreadTherapy | Foto: Florian Betz Stephanie Müller Stephanie Müller | Foto: Klaus Dietl Mit Projekten wie the Fabric oder den Workshops, die ich gebe, ist mir daran gelegen, etwas Spielerisches zu vermitteln: „Hei, da ist etwas, da kann ich mitmachen, das wird mir jetzt nicht vorgesetzt, sondern da gibt’s noch was zu tun.“ Ich mag’s, wenn’s fortgeschrieben werden kann.

Neben Mode, Workshops und Kunstprojekten wie „the Fabric“ haben Sie auch Objektserien gemacht: „Kreuzbandriss am Stück“ oder „Anleitung zur Selbstgeißelung“ …

Ja also, der Kreuzbandriss am Stück oder dieses Hirnband von der Socke oder die Handschuhpastete vom Hals oder ein Hüftsteak vom Schlüpfer, das sind kleine Objekte, die ich verpacke, als wären sie wirklich Frischfleisch aus der Fleischtheke, die aber textil sind und genäht. Sie brandmarken nicht die Körperstelle, die eigentlich gebrochen ist oder die eine Fehlfunktion hat, sondern zieren sie wie ein überdimensionales Schmuckstück.

Die Objekte sind Teil der Kollektion Blutgrätsche, die hatte ich angefangen mit diesem Fußballthema im Hintergrund. Mich hat da diese Lust am Leistungsprinzip interessiert und ich habe gedacht: „Was motiviert Leute eigentlich dazu, andere abstrampeln zu sehen, und das wie eine kollektive Katharsis für sich selber zu nutzen, so als würden sie das alles selber erbringen, diese Leistung, wenn sie da mitfiebern?“

Ragtreasure, Blue Collar Worker Ragtreasure, Blue Collar Worker | Foto: Marco Merten Diese Objekte sind Bruchstellen, die eher die Fehlfunktionen im Getriebe zeigen, offene Wunden und Brüche – Sportverletzungen waren dabei der Antrieb. Das Interessante für mich war eigentlich, den Fehler oder den Leistungsausfall als das Begehrenswerte hinzustellen, in einer Gesellschaft, in der alle mehr oder weniger im Hamsterrad laufen.

Was ziehen Sie selbst am liebsten an?

Ich mag es gern, wenn die Silhouetten so ein bisschen verschwimmen, dieses leichte Schlabbern, das finde ich cool, wenn das Gender-Bild ein bisschen aufgebrochen wird. Vielleicht dann aber wieder durchbrochen durch die Frisur oder die Schminke.

Es geht Ihnen überhaupt um Brüche?

Ja schon, so eine leichte Kante darf drin sein.