Label Alte Liebe Wenn Mützen glücklich machen

Sarah
Sarah | Foto (Ausschnnitt): © Nadja Ruby und Elisa Steltner

Passioniert häkelnde Seniorinnen beglücken modebewusste Studenten, hippe Altlantik-Surfer und andere junge Menschen mit ihren Wollmützen und werden dafür von einer Welle der Wertschätzung überflutet. Alte Liebe – ein Label das Social Entrepreneurship und Kreativität in einem generationenübergreifenden Projekt verbindet.

Selbermachen ist en vogue: Dem Kleid von der Stange, der tausendfach geklonten und in teils undurchsichtigen bis unvertretbaren Prozessen der Fremdfertigung hergestellten Anziehsache wird Widerstand entgegengebracht. Ein Widerstand, den man auch als Protest der Individualisten gegen die Vereinnahmung der Masse und ihres Diktats interpretieren kann, oder als Gegenstück zu globalisierten Modewelten, die sich mit ihren Marken – diesen modernen „totemistischen Tierchen“ – rund um den Globus finden und kaufen lassen.

Alte Liebe Alte Liebe | © Foto: Faye Hintke Dem „Selbermachen“ und dem „Selbstgemachten“ kommt neuerdings ein ganz besonderer Stellenwert zu, das zeigen nicht zuletzt die zahlreichen Websites, auf denen man diese neuen Zeugen des Eigenen und des Kreativen, des „mit Lieben gefertigten“ und Besonderen erwerben kann. Da wirbt das Portal Dawanda – „Onlinemarktplatz für Einzigartiges“ – mit „daWandaistisichen Produkten“: mit einzigartigen Unikaten, hergestellt von Individuen. Und auf einer Homepage namens stoffn kann man sich seine Stoffmuster höchst persönlich zusammenstellen. Auch die genauere Betrachtung einschlägiger Livestyle-Kataloge, wie Impressionen, ergibt, dass hier Dinge angeboten werden, die den Hauch des Individuellen, der Gebrauchsspur und des schäbigen Schicks tragen. Menschen – so scheint es – wollen Spuren hinterlassen auf der Erde, ihre ureigensten Fingerabdrücke, ihre Erfahrungen und Ideen. Objekte und Mode, die mit diesen Spuren ausgerüstet sind, erscheinen heute einer Handvoll Menschen plötzlich als wertvoller und ersterbenswerter als die Illusion der perfekten aber anonymen Konsumware.

Omas Häkelmütze für Outdoorfreaks

Logo von Alte Liebe Logo von Alte Liebe | © Nadja Ruby und Elisa Steltner Wenn die Berliner Modemacherin Susanne Wagner – alias Frau Wagner – ihre individualistisch gestalteten Recycling-Kleider mit den Nachnamen der Damen versieht, für die sie genäht wurden, dann kann man den Trend erkennen, der heute – bahnbrechender denn je – die nach echtem Kontakt und Liebe ausgehungerten Herzen wieder zurückführt zu etwas längst Vergessenem: Zu dem einen und einzigartigen Kleidungsstück, das Muttern oder Großmuttern für mich – und das soll heißen für keinen anderen – genäht oder gestrickt hat. Eben dieser Trend kulminiert heute ausgerechnet in einem Objekt, das wir von früher her kennen: die haltlos altbackene und peinlich auf den Klorollen in Omas Stube drapierte Häkelmütze!

Alte Liebe Alte Liebe | © Foto: Anne Walther Ihr Comeback und ihre Rehabilitation feiert sie als Kopfbedeckung von Surfern, die damit ihre Ohren vor dem Wind schützen, als Mütze für Outdoorfreaks und als Hut für individualistische, sportliche junge Leute. In dem Projekt der beiden Designstudentinnen aus Kassel, Nadja Ruby und Elisa Steltner, aber verbinden sich rund um die Häkelmütze eine Vielzahl weiterer Aspekte zu dem dichten Gewebe des Labels Alte Liebe: Dabei trifft modernes Design auf traditionelles Handwerk, soziales Engagement verbündet sich mit kreativem Jungunternehmertum, Mütze und Mode, Jung und Alt sind hier liebevoll umgarnt von einem feinen Faden persönlicher Beziehungen.

Social Design und Entrepreneurship

Häkelgruppe Häkelgruppe | Foto (Ausschnnitt): © Nadja Ruby und Elisa Steltner Ausschlaggebend für das Gelingen des Projekts war sowohl die innovative Idee der Initiatorinnen als auch die Passion der alten Damen für die Handarbeit. Als Nadja Ruby und Elisa Steltner im Jahr 2010 ihre Geschäftsidee mit den Häkelmützen im Seniorenheim präsentierten, trafen sie auf hochbetagte, erfahrene und häkelfreudige Damen, die bereit waren sich auf das Experiment einzulassen. Regelmäßig finden sich seitdem die Einwohnerinnen des Heims zum Häkelkreis zusammen, in dem nach den Vorgaben und mit den Materialien der Studentinnen bunte Häkelmützen aus Merinowolle gefertigt werden. Das bindet die Seniorinnen in ein soziales Netzwerk ein, das die Kontaktfreude fördert und gegen die übliche Vereinsamung der Heimsituation hilft, berichten die Studentinnen, denen es bei ihrem Projekt explizit um die Kombination von engagiertem Social Design und Entrepreneurship geht.

Mehr als ein Kaffeekränzchen

Christina Leippold Christina Leippold | © Nadja Ruby und Elisa Steltner „Alte-Liebe-Produkte werden von erfahrenen Seniorinnen mit viel Hingabe in traditioneller Handarbeit hergestellt. Die Erfahrung eines ganzen Lebens ist durch ihre Finger in das Produkt geflossen und macht es besonders hochwertig und exklusiv, zu einem Unikat.“ Vertrieben werden die Mützen im eigenen Onlineshop, in den Skater- und Surferläden der Atlantikküste auf Lanzarote und in Kassel bei Events, bei denen die Damen selbst ihre Produkte präsentieren. Eine persönliche Beziehung zwischen den meist jungen Mützenträgern und den Seniorinnen entsteht durch die Art des Vertriebs, denn jede Mütze wird von ihrer Produzentin liebevoll in eine Kiste gelegt, mit ihrem Namen und einer Postkarte versehen, die es dem glücklichen Träger erlaubt in Kontakt mit seiner „alten Dame“ zu treten – die dadurch Wertschätzung und Feedback erhält. Junge Surfer unterhalten sich auf diese Weise mit den „Großmüttern“, die sich plötzlich als Teil der Welt dort draußen und einer mobilen jungen Generation fühlen können. Der Erlös fließt in das Projekt zurück und was übrig bleibt wird für Events mit den Seniorinnen genutzt – nicht für Kaffeekränzchen und Alten-Treffen, sondern für Jazzfrühschoppen, Konzerte und gemeinsame Weihnachtsmarktbesuche mit den Initiatorinnen, die im übrigen selbst begeistert sind von der Arbeit mit den alten Damen, die sie als lustig, locker und sehr herzlich empfinden.

Dankes-Postkarte Dankes-Postkarte | © Nadja Ruby und Elisa Steltner Ein interessanter Schritt auf dem Weg zu den Verknüpfungen zwischen Menschen und Dingen, zwischen Jungen und Alten und ihren Orten: Altersheimen und Universitäten, Stränden oder Bars zwischen Großmüttern und Enkeln und zwischen Arbeit, Kreativität, Geld und Liebe.