Porzellanmanufaktur Nymphenburg Weißes Gold

Massemühle, Porzellan Manufaktur Nymphenburg
Massemühle, Porzellan Manufaktur Nymphenburg | Foto (Ausschnnitt): Porzellan Manufaktur Nymphenburg

Nymphenburg gilt als letzte große Reinstmanufaktur für Porzellan weltweit. Ein Ort wie aus der Zeit gefallen. Um so bemerkenswerter, dass das feine Porzellan, das dort entsteht, den Geist der Avantgarde atmet.

Draußen zwitschern die Vögel, man hört das Rauschen eines Bachs. Über einfache Riemen treibt er die Mühle und Drehscheiben der Porzellanmanufaktur an. Sie wurde 1747 von Kurfürst Max III. gegründet und ist seit 1761 im nördlichen Rondell von Schloss Nymphenburg in München beheimatet. Wer die altehrwürdigen Werkstätten über die mit bunt bemalten Keramik-Majoliken geschmückte Parkanlage betritt, fühlt sich in eine andere Zeit versetzt.

Malerei, Porzellan Manufaktur Nymphenburg Malerei, Porzellan Manufaktur Nymphenburg | © Porzellan Manufaktur Nymphenburg Jede Figurine, jede Vase, die in der Porzellanmanufaktur Nymphenburg entsteht, nimmt ihren Anfang bei Zeus, dem Massemüller Dieter Zeus. Er walkt die Porzellanmasse aus Kaolin, Feldspat und Quarz so lange durch, bis sie geschmeidig ist. Dann ruht die Masse erst einmal zwei Jahre, bis sie weiter verarbeitet werden kann. „Manu factum” – von Hand gemacht – wird hier noch wörtlich verstanden: Nicht nur die Porzellanmasse wird selbst erzeugt, auch die Farben entstehen im hauseigenen Labor. Gedreht und gegossen wird von Hand, jedes Ornament einzeln appliziert. Schablonen sucht man in Nymphenburg vergebens: Mit äußerster Konzentration und Fingerspitzengefühl bringen Porzellanmaler unterschiedlichste Dekore auf die Glasur des glattgebrannten Porzellans auf. An einem Teller des Rokoko-Service Cumberland, dessen Motiv als das aufwendigste Blumendekor der Welt gilt, arbeitet ein Maler bis zu drei Wochen.

Bevor eines der Unikate die Manufaktur verlässt, wird es mit dem Wittelsbacher Rautenschild und den persönlichen Zeichen des Drehers, des Formers und des Malers markiert.

Über Jahrhunderte erhaltene Handwerkstraditionen

Olaf Nicolai, Tee Set CULA Olaf Nicolai, Tee Set CULA | © Porzellan Manufaktur Nymphenburg Umso experimentierfreudiger und avantgardistischer ist man in Nymphenburg dagegen in puncto Entwurf. Von Anfang an verstand man es, mit großen Namen zu punkten. Schon in der Rokokozeit verhalf vor allem der Bildhauer Franz Anton Bustelli mit seinen kunstvollen wie frivolen Figuren der Manufaktur zur Blüte. Heute sind es renommierte Künstler wie Kiki Smith, Tobias Rehberger und Olaf Nicolai oder Designer wie Ted Muehling, Konstantin Grcic und Hella Jongerius, die das Design des Hauses weiterentwickeln.

Konstantin Grcic, Pfefferstreuer Konstantin Grcic, Pfefferstreuer | © Porzellan Manufaktur Nymphenburg Hella Jongerius wählte acht Tierfiguren aus dem Archiv der Manufaktur und platzierte sie in einfache weiße Schalen. Die klassische Bemalung von Fuchs oder Nilpferd komplementierte die Niederländerin dann jeweils mit einem weiteren Dekor aus dem reichen Musterrepertoire des Hauses. Ein reizvoller Kontrast. Gewohnt puristisch ging der Münchner Industriedesigner Konstantin Grcic vor. Ihn faszinierten Formen, die eher am Rande der Firmengeschichte eine Rolle spielen, Isolatoren von Strommasten etwa, die er zu schlichten Salz- und Pfefferstreuern verwandelte. Auch der Schweizer Patrik Muff, bekannt für seinen Punkschmuck, ließ sich von historischen Nymphenburg-Entwürfen wie Franz Ignaz Günthers Totenkopf von circa 1756 inspirieren und entwarf die von sakraler Symbolik geprägte Schmucklinie Essentials.

Die Auswahl der zeitgenössischen Gestalter gehört zur Marketingstrategie des Hauses. Sorgsam wird abgewogen, mit wem man arbeiten will. Bei der Suche beraten sogenannte Ambassadors, ein Netzwerk von führenden Köpfen der Kunstszene. Der innovative Input hat noch einen weiteren Nutzen: Über die renommierten Aushängeschilder finden jüngere Käufer Zugang zu den Klassikern.

Ted Muehling, Monogramm Edition Ted Muehling, Monogramm Edition | © Porzellan Manufaktur Nymphenburg Längst sind es sind nicht mehr nur Traditionalisten und Sammler, die das historische Design präferieren, selbst in ansonsten puristisch eingerichteten Berliner Lofts wird heute von prächtigen Cumberland-Tellern gespeist.

Anspruch, Traditionsbewusstsein und Gespür für die Moderne

Christian Lacroix, Julia, Commedia Couture Edition Christian Lacroix, Julia, Commedia Couture Edition | © Porzellan Manufaktur Nymphenburg Das seit 2011 unter der Leitung von Prinz Luitpold von Bayern stehende Unternehmen floriert. Neue Märkte werden erschlossen, allen voran China, wo die alten Handwerkstechniken verloren zu gehen drohen und man die Opulenz der Nymphenburg-Dekore schätzt. Trotzdem wird mit Bedacht expandiert, denn die Manufaktur mit derzeit 80 Mitarbeitern will ihre Philosophie der handwerklichen Kultur bewahren. Drei Jahre dauert die hauseigene Lehre in einem der Handwerksberufe. Fünfmal so lang, bis der Nachwuchs die Fertigkeit besitzt, eines der Meisterwerke zu schaffen.

Um ihre Vorreiterrolle als Porzellanavantgarde zu beweisen und zu zeigen, dass das weiße Gold auch im 21. Jahrhundert nichts von seiner Faszination verloren hat, ließ die Manufaktur Franz Anton Bustellis Commedia-dell’arte-Figuren aus dem 17. Jahrhundert neu einkleiden. Dem Ensemble, das bis heute als das eleganteste in der gesamten Porzellangeschichte gilt, wurden kostbare neue Roben von Modeschöpfern wie Vivienne Westwood, Christian Lacroix und Elie Saab gewissermaßen auf den Leib geschneidert.