Jil Sander Norddeutsche Ikone des Purismus und „Queen of less“

Jil Sander Collection Spring/Summer 2014
Jil Sander Collection Spring/Summer 2014 | Foto (Montage): © Jil Sander

Klar und skulptural: Keine Modedesignerin steht so für deutsche Designtradition und lässige Eleganz wie Jil Sander.

Als Jil Sander Anfang der 1990er-Jahre international für ihre minimalistischen Damenkollektionen gefeiert wurde, war sie bereits eine gestandene Designerin von 40 Jahren mit einer klaren Vorstellung von Frauenmode. Genauso klar war auch ihr Design: schnörkellos, aus hochwertigen Stoffen, dabei exzellent geschnitten und verarbeitet.

Jil Sander Collection Spring/Summer 2014 Jil Sander Collection Spring/Summer 2014 | © Jil Sander hat immer Mode für erwachsene Frauen gemacht, auch wenn in allen ihren Kollektionen bis heute etwas Zartes mitschwingt. Die Designerin war keines der – meist männlichen – Modewunderkinder, die bereits mit 22 Furore in Paris machen. Sander hat es sich seit den 1970er-Jahren zur Aufgabe gemacht, das Pure und Minimale zurück in die Mode zu bringen, also genau das, was spätestens im Rausch der 1980er-Jahre mit seinen Thierry Mugler und Christian Lacroix-Exzessen verlorengegangen schien.

Die deutscheste aller Modedesignerinnen

International gesehen macht Jil Sander, die ein Studium als Textilingenieurin absolviert hat, sehr deutsche Mode, seit 1997 auch für Männer. Kompromisslose, messerscharfe Schnitte kombiniert sie mit einer am Bauhaus orientierten Formensprache. Zusammen mit ihrem stark androgynen City-Look wurde das zu ihrem Markenzeichen. Die Professorin für Modetheorie der Kunsthochschule Weißensee in Berlin, Antonella Giannone, fasst es so zusammen: „Jil Sander macht keine explizit weibliche, sondern eine moderne, an männlichen Vorbildern wie dem Hosenanzug orientierte Mode. Ihre Philosophie deckt sich viel mehr mit der Strenge der japanischen und belgischen Designer als mit dem dekorativeren südeuropäischen Modeverständnis. Sie macht klassische mitteleuropäische Mode, die sehr gut von arbeitenden Frauen in der Stadt getragen werden kann.“

Hamburger Stil ─ teuer und gut

Jil Sander Collection Spring/Summer 2014 Bildergalerie: Jil Sander Jil Sander Collection Spring/Summer 2014 | ©
Aus deutscher Sicht könnte man noch präzisieren: Jil Sander macht norddeutsche Mode. Aufgewachsen in der Hansestadt Hamburg ist sie das beste Beispiel für das dort gepflegte Understatement. Gerade in dieser alten Handelsmetropole ist es immer wichtig gewesen gut und teuer angezogen zu sein – nur sehen sollte man es nicht unbedingt sofort.

Die schlichten Stücke sollten gerne ein paar Saisons überdauern, und nicht wegen modischem Chi-chi schon nach einer Saison untragbar werden. Diese protestantische Einstellung hat Jil Sander als Stil perfektioniert wie kaum eine zweite Modemacherin, und diese Grundeinstellung war auch die Basis ihres Erfolges. Der kam zunächst national. Schon lange vor ihrem großen internationalen Durchbruch hatte sich bis in kleinere deutsche Städte herumgesprochen, dass ein schwarzer Jil-Sander-Rollkragen-Pullover oder eine schlichte weiße Hemdbluse ein Stück Modekultur für die Ewigkeit sein können.

Gesicht ihrer eigenen Marke

Jil Sander Collection Spring/Summer 2014 Jil Sander Collection Spring/Summer 2014 | © Zu dieser Erkenntnis hat sicher auch beigetragen, dass die eigentlich sehr öffentlichkeitsscheue Jil Sander Werbung für ihre eigene Parfüm- und Kosmetik-Linie machte. Sie war also immer auch das strenge, schöne Gesicht ihrer eigenen Marke. Mit diesen stilisierten Kampagnen hat sie als eine der ersten Designer überhaupt das persönliche Image einer Modemarke geprägt.

Als ihr Unternehmen verkauft wurde – zunächst 1999 an den Prada-Konzern, dann über Umwege 2006 an einen japanischen Modekonzern – verließ sie dieses zweimal und kehrte zuletzt 2012 bis 2013 als Chefdesignerin zurück.

In ihrer Abwesenheit hatte der Belgier Raf Simons, heute Chefdesigner bei Dior, der Jil-Sander-Linie etwas gegeben, das ihrer Mode gefehlt haben könnte: Streetstyle.

Modern ja, Subkultur nein

Jil Sander Collection Spring/Summer 2014 Jil Sander Collection Spring/Summer 2014 | © Jil Sander stand immer für äußerst modernen Luxus, Understatement und Qualität, jedoch nicht für Subkultur. Simons mit seinen Anleihen aus der Punk- und Gothic–Kultur brachte genau diese in den cleanen, geometrischen Chic von Sander ein – zur Freude von Presse und Modekritik. Ein Höhepunkt dieser Zeit war sicher die Zusammenarbeit des Labels mit der Schauspielerin Tilda Swinton, die ihren Höhepunkt in dem Film I Am Love fand.

Jil Sander selbst hatte in der Zwischenzeit mehrere, ebenfalls in der Designkritik gefeierte Kollektionen für die japanische Modekette Uniqlo kreiert, bevor sie 2012 Jahr zu ihrer eigenen Marke zurückkehrte. Mit der folgenden Kollektion überzeugte sie auch hier wieder die Kritiker, die ihr einerseits Respekt für ihr nach wie vor großes handwerkliches Können zollten, aber auch überrascht von ihrer Frische waren.

Ihren endgültigen Abschied begründete die Designerin 2013, mit 70 Jahren, knapp und unaufgeregt, wie es ihre Art ist – mit „privaten und persönlichen Gründen“. Ein von ihr ausgewähltes Designerteam soll die Kollektionen der Marke Jil Sander zunächst weiterentwickeln. Es ist zu hoffen, dass die Nachfolger würdevoll mit dem Vermächtnis der Hanseatin umgehen. Ein wenig Straßenkultur dürfen sie vielleicht trotzdem unter die edlen Kaschmirmäntel schmuggeln.