Hanna Ernsting und die Plattform Kkaarrlls Von Nest- und Brückenbauern

Hanna Emelie Ernsting
Hanna Emelie Ernsting | Foto (Ausschnitt) und © David Hecker

Geschützter Hort des Konzipierens und Probierens oder angewandtes Training für den Berufsalltag? Anders als bei der bildenden Kunst geht es im Designstudium auch darum, die Studierenden auf ein Leben jenseits des prototypischen Unikates und diesseits eines seriell hergestellten Produktes vorzubereiten.

Die kuscheligen Gesellen aus der Tierwelt hören auf die Namen Ella, Daisy, Erni sowie Finn und erweisen sich als höchst praktisch, wenn es gilt, die Beine auf ihnen abzulegen und die Füße in ihrem weichen Bezug zu vergraben. Entworfen wurden jene heiteren „Petstools“ von der deutsch-amerikanischen Designerin Hanna Emelie Ernsting, die sich der Thematik des „Storytelling im Produktdesign“ zurzeit auch theoretisch widmet. Ihre Design-Richtlinie fasst Ernsting mit den Worten „Form Follows Mood“ (die Form folgt der Stimmung) zusammen. Nicht der Nutzer soll sich dem Produkt anpassen, sondern umgekehrt, das Objekt soll sich auf die individuellen Bedürfnisse seines Besitzers modifizieren lassen. Bereits während ihres Studiums an der HfG Karlsruhe und der ENSAD Paris hat Ernsting diesen Weg verfolgt. Mit dem Regalsystem „Slide Aside“ beispielsweise, dessen einzelne Elemente sich drehen lassen, sodass sie von verschiedenen Positionen aus zu bestücken sind.

Auch der zwei Jahre später entwickelte Raumteiler „Parawall“ gehorcht dem Prinzip der Wandelbarkeit. Wo er einen Sichtschutz bietet, eine luftige Transparenz zulässt oder durch eine Ablagefläche ergänzt wird, kann individuell entschieden werden.

  • Hanna Emelie Ernsting „Petstools – Ella“ 2013 © Hanna Ernsting
    Hanna Emelie Ernsting „Petstools – Ella“ 2013
  • Hanna Emelie Ernsting „Petstools – Daisy“ 2013 © Hanna Ernsting
    Hanna Emelie Ernsting „Petstools – Daisy“ 2013
  • Hanna Emelie Ernsting „Petstools – Fin“ 2013 © Hanna Ernsting
    Hanna Emelie Ernsting „Petstools – Fin“ 2013
  • Hanna Emelie Ernsting „Slide Aside“ 2007 © Hanna Ernsting
    Hanna Emelie Ernsting „Slide Aside“ 2007
  • Hanna Emelie Ernsting „Parawall“ 2009 © Hanna Ernsting
    Hanna Emelie Ernsting „Parawall“ 2009
  • Hanna Emelie Ernsting „Moody Couch“ 2011 © Hanna Ernsting
    Hanna Emelie Ernsting „Moody Couch“ 2011

 

Sitzmöbel für jede Laune

Mit ihrem Diplomprojekt „Moody Couch“ 2011 erlangte Ernsting schließlich öffentliche Aufmerksamkeit, den 2. Platz des D3 Contest für junge Talente des Deutschen Rates für Formgebung und jede Menge Kontakte für den Schritt in die Selbstständigkeit. Fest verbunden mit dem Korpus des Sofas, passt sich der überdimensionierte Stoffbezug jeder Laune seines Benutzers an. Er lässt sich als Decke verwenden, zu einer Lehne rollen, zu einem Polster formen, dient als Sitzunterlage und lässt sich je nach Wunsch akkurat oder nachlässig drapieren. Die textile Hülle des etwas kleineren „Moody Nest“, scheint geschaffen dafür, seinen Nutzer gleichsam zu absorbieren und Geborgenheit zu vermitteln, mit der „Moody Bag“ hingegen lassen sich einfache Kunststoffsessel oder andere Stühle zu neuen Sitzgelegenheiten aufmöbeln. Die „Petstools“, die Ernsting in ihrem Studio produziert, kann man als Weiterführung dieser Philosophie sehen.

Eine Plattform als Brücke

Ernstings Ausbildungsstätte, die HfG in Karlsruhe, bietet eine spezielle Plattform für angehende Designer: Kkaarrlls, was klingt wie ein zaghaftes Stottern, ist der durchaus selbstbewusste Auftritt von Studenten und Absolventen des Fachbereiches für Produktdesign, initiiert, ausgewählt und betreut durch Prof. Volker Albus und Stefan Legner. 2009 ist man erstmals mit einer Editionskollektion auf der Mailänder Möbelmesse in Erscheinung getreten, seither wird das Angebot um rund 15 Arbeiten pro Saison erweitert.

Yvonne Fehling / Jennie Peiz, Stuhlhockerbank 2009 edition of 5 Yvonne Fehling / Jennie Peiz, Stuhlhockerbank 2009 edition of 5 | Foto: Philip Radowitz Zur Programmatik der Lehre an der Karlsruher Ausbildung gehöre, so erklärt Stefan Legner, der als künstlerischer Assistent des Fachbereiches Kkaarrlls koordiniert, kein gefestigtes Berufsbild des Designers zu vermitteln.

Sehr früh bereits geht es in der Einzelbetreuung darum, herauszufinden, wo die speziellen Eigenarten und Qualitäten des Studierenden liegen und persönliche Arbeitsweisen zu fördern. Entsprechend vielfältig gibt sich die Palette des Hausrates von Morgen. Wenngleich die einzelnen Objekte in relativ kleinen Auflagen verkäuflich sind, verfolgt die Hochschule mit Kkaarrlls kein kommerzielles Interesse. Vielmehr geht es darum, den jungen Designer bei der Umsetzung ihrer Entwürfe mit Rat und Tat zu Seite zu stehen, ihnen für das Ergebnis eine qualitativ hochwertige Präsentationsplattform zu bieten und im Zeitraum zwischen Studium und Berufsleben Brücken zu schlagen, zur Öffentlichkeit, zu Herstellern und den Medien. Das Konzept scheint zu funktionieren, denn Kkaarrlls-Design stößt auf nationales wie internationales Interesse. So wurde die schwarze Hockerbank des Duos Fehling & Peiz im Flagshipstore eines italienischen Modelabels auf der New Yorker 5th Avenue gesichtet, die Stuhlhockerbank, das ungepolsterte Pendant mit Lehnen, möbliert das Arp Museum in Rolandseck.

Design für die Renaturalisierung von Wäldern

Philipp Scholz „Lehner“, 2008 Produktion: ECHTWALD Philipp Scholz „Lehner“, 2008 Produktion: ECHTWALD | Foto: Philip Radowitz Seit letztem Jahr sind bislang fünf Objekte der Kkaarrlls-Kollektion, unter ihnen die Mehrfachsteckdose „Lehner“ von Philipp Scholz oder der in einer anschaulichen Performance von einem Roboter gefertigten Hocker „7x stool“ von Tom Pawlofsky und Tibor Weissmahr im Angebot der Stiftung Echtwald.

Echtwald, gegründet von Nanette Hagstotz und dem Unternehmer und Kunstsammler Thomas Grässlin, setzt sich für die Renaturalisierung von Wirtschaftswäldern ein, unterstützt lokale Produktion und heimische Produkte von erlesener Qualität. Naheliegend die Kooperation mit Kkaarrlls, das gleichsam am Fuße des Schwarzwaldes ansässig ist.