Deutsche Kreationen Gibt es deutsche Mode – und wenn ja, wie viele?

Deutsche Mode ist Jil Sander – dieser Eindruck herrschte lange in der internationalen Modewelt vor, wenn es um deutsche Kreationen ging.

Augustin/Teboul, Showinstallation Herbst/Winter 2014/2015 Augustin/Teboul, Showinstallation Herbst/Winter 2014/2015 | © Augustin/Teboul Der andere große deutsche Designer, der Hamburger Karl Lagerfeld, ist so sehr mit Chanel verbunden, dass sein hanseatischer Hintergrund wirklich nur ein Hintergrund ist, und der Potsdamer Wolfgang Joop ist ein Designer mit vielen Talenten, aber kein Künstler, der international die stilistische Richtung für eine ganze Saison vorgeben könnte, wie die Kollegen in Paris und Mailand – und wie es dem Label Jil Sander in guten Zeiten gelungen ist.

Deutscher Purismus – das war gestern

Der Purismus von Jil Sander stand wohl so stark wie kaum eine andere Richtung für das Deutsche in der Mode. Zurzeit lösen sich viele Designer genau davon, werden spielerischer, wie das Berliner Label Achtland, und lassen sich mehr von anderen Kulturen beeinflussen – entweder weil sie selbst aus dem Ausland kommen oder weil sie im Ausland studiert haben – oder beides, wie das in der Modewelt gefeierte deutsch-französische Duo Augustin/Teboul mit Arbeitserfahrung in London und Paris.

Auch Modebloggerinnen wie Kathrin Bierling und Barbara Markert von Modepilot sehen gerade im Bereich Zuwanderung und Internationalisierung eine wichtige Veränderung: „Die deutsche Mode ist vielfältiger geworden. Deutschland ist ein Immigrationsland, und so fließen immer mehr ausländische Kulturen mit ein. Nehmen wir nur Designer, wie den Deutsch-Kroaten Damir Doma oder den Deutsch-Polen Dawid Tomaszweski, die heute die deutsche Mode bereichern.“

Chance durch Zuwanderung und Internationalität

Michalsky Kollektion Sommer 2014 Michalsky Kollektion Sommer 2014 | © Michael Michalsky Genau das dürfte auch die Chance für deutsche oder in Deutschland arbeitende Designer sein, um sich wieder im internationalen Vergleich zu behaupten. Berlin, das es nicht nur im Nachtleben geschafft hat, sich gegen andere Städte zu behaupten, spielt auch in der jungen Mode mit und kann da natürlich besonders mit seiner Einwanderungskultur punkten.

Achtland, Kollektion Frühling/Sommer 2014 Achtland, Kollektion Frühling/Sommer 2014 | © Achtland Dafür spricht auch, dass sich Expertinnen, wie die neue Professorin für Modetheorie an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, Antonella Giannone, für Berlin als Forschungsort entschieden haben. Sie sieht, wie sich auf den Straßen der Hauptstadt gerade eine neue, urbane Art der Mode entwickelt: „In letzter Zeit wird gerade hier die Beziehung zwischen Stadt und Mode neu definiert, etwa durch die Entwicklung Berlins zu einer jungen, unkonventionellen und experimentellen Modestadt, die Kreative aus der ganzen Welt anzieht.“ Und Michael Michalsky, ein Designer, der in Berlin sehr präsent ist, sagt es so: „Wir knüpfen gerade an eine lange, erfolgreiche Tradition an. Es gab eine Zeit, da gingen deutsche Modedesigner ins Ausland, um Erfolg und Anerkennung zu finden. Das ist zum Glück vorbei. Berlin ist zurück auf der Karte der internationalen Modezentren.“

Das stimmt einerseits, wenn man auf die erfolgreichen und in der Presse sehr präsenten Fashion-Shows der vergangenen Jahre blickt. Andererseits haben große deutsche Labels wie Hugo Boss und Escada seit 2013 nichts mehr in Berlin gezeigt, und – vielleicht noch beunruhigender für die junge Hauptstadtszene – die Protagonisten des Berlin-Modehypes wie Achtland verlassen im Moment die Stadt in Richtung zahlungskräftigere Orte wie London.

Die ersten der neuen Labels gehen schon wieder

  • AUGUSTIN TEBOUL, Showinstallation Herbst/Winter 2014/2015 © Augustin/Teboul
    AUGUSTIN TEBOUL, Showinstallation Herbst/Winter 2014/2015
  • Dawid Tomaszewski, Kollektion Herbst/Winter 2014/15 © Dawid Tomaszewski
    Dawid Tomaszewski, Kollektion Herbst/Winter 2014/15
  • MICHALSKY Kollektion Sommer 2014 © Michael Michalsky
    MICHALSKY Kollektion Sommer 2014
  • ACHTLAND, Kollektion Frühling/Sommer 2014 © Achtland
    ACHTLAND, Kollektion Frühling/Sommer 2014
  • Vladimir Karaleev, Kollektion Herbst/Winter 2014/15 Foto: Stefan Kraul
    Vladimir Karaleev, Kollektion Herbst/Winter 2014/15
  • KAVIAR GAUCHE, Kollektion Sommer 2014 © Kaviar Gauche
    KAVIAR GAUCHE, Kollektion Sommer 2014
Die neue deutsche Mode hat im wohlhabenden Deutschland ein seltsames Problem: Sie verkauft sich nicht so gut. Wenn deutsche Kunden Geld für Haute Couture oder Mode im oberen Preissegment ausgeben, dann für italienischen Luxus. Oder auch für Jil Sander, deren Qualitätsdogma deutsche Kunden und Einzelhändler noch immer überzeugt und die in der Düsseldorfer Designerin Dorothee Schumacher eine Mitstreiterin in Sachen urbaner, verkäuflicher Mode hat.

Ansonsten zögert der Handel bei den neuen Designern, und entzieht so auch enthusiastisch gestarteten Labels wie Augustin/Teboul die finanzielle Basis für ihre aufwendigen Kollektionen – mit dem Ergebnis, dass die beiden Designerinnen jetzt in Paris vorfühlen, wie sie dort aufgenommen werden.

„Nur sehr langsam spielen sich der deutsche Einzelhandel und die Modemarken aufeinander ein”, merkt die Modejournalistin Jennifer Wiebking an, und Labels wie Vladimir Karaleev oder eben Achtland haben mehr Kunden im Ausland als in Deutschland.

Kaviar Gauche, Kollektion Sommer 2014 Kaviar Gauche, Kollektion Sommer 2014 | © Kaviar Gauche Berlin und die deutsche Mode gelten zwar international wieder als en vogue, und ihr Stil, wie der des Berliner Labels Kaviar Gauche, wird auch als eigenständig wahrgenommen, wie die Modefotografin Kira Bunse bestätigt: „Es gibt natürlich deutsche Mode, aber nur wenige deutsche Labels haben es in die internationale Mode-Elite geschafft. Die Frage ist: Wie viele und welche neuen deutschen Modelabels werden sich in Zukunft in der internationalen Modewelt etablieren?“

Für die deutsche Mode und ihre unterschiedlichen, teilweise durchaus international wettbewerbsfähigen jungen Labels scheint es noch ein langer Weg bis ganz nach oben ins Modebusiness zu sein.