Werner Aisslinger Zwischen Retrofuturismus und hochmodernen Recyclingkonzepten

Werner Aisslinger
Werner Aisslinger | © Mirjam Fruscella & Daniele Manduzio

Von futuristischen Wohnwürfeln über Küchen als Gewächshäuser bis zu wachsenden Stühlen: Werner Aisslinger ist ein Pionier in Form und Material. Der Berliner gilt als einer der erfindungsreichsten deutschen Designer mit internationalem Renommee.

Auf einer grünen Wiese im Westen von Berlin, direkt an einem See, steht ein weißer Kubus. Mit seinen abgerundeten Ecken und seinen Zugängen, die an eine Flugzeugtreppe erinnern, sieht er aus wie eine fliegende Untertasse – ein Bau von etwa sechs Metern Länge, der auf hohen Stelzen steht. Beim Näherkommen offenbart sich das Objekt hinter großen Fensterscheiben, beschattet von horizontalen Holzlamellen, als mobile Wohneinheit für Stadtnomaden.

„Loftcube“, 2013 „Loftcube“, 2013 | © Mirjam Fruscella & Daniele Manduzio Diese Wohnvision setzte Werner Aisslinger erstmals 2003 in die Realität um. Während des ersten Berliner Designfestivals konnte der futuristische Loftcube auf dem Dach eines ehemaligen Eierkühlhauses im Osten der Stadt als Prototyp besichtigt werden. Zehn Jahre später konnte man ihn wieder während des Designfestivals begutachten – diesmal war er nicht auf dem Flachdach eines Fabrikgebäudes gelandet, sondern im Garten des Ausstellungshauses am Waldsee.

Haus der Zukunft

„ADD“, Flöttotto, 2013 „ADD“, Flöttotto, 2013 | © Das Haus am Waldsee bot mit Werner Aisslingers erster Werkschau einen Einblick in die Projekte und Visionen des deutschen Designers. Und wie der Titel Home of the Future schon erahnen ließ, drehen sie sich um die Zukunft und um die Frage, wie diese sinnvoll und verantwortungsbewusst gestaltet werden kann. Nicht ohne Grund zählt der 1964 im bayerischen Nördlingen geborene Aisslinger zu den visionärsten Gestaltern Deutschlands und hat zahlreiche internationale Preise gewonnen.

„Kitchen Farming“, Home of the Future, Haus am Waldsee, 2013 „Kitchen Farming“, Home of the Future, Haus am Waldsee, 2013 | © Mirjam Fruscella & Daniele Manduzio In der alten Villa interpretierte Werner Aisslinger die einzelnen Funktionsbereiche eines Wohnhauses. So ist die Küche von morgen ein gewächshausartiges Biotop, in dem nicht nur gekocht, sondern auch angebaut wird. Das Herzstück bildet ein Aquarium: Die darin lebenden Fische spenden Dünger für die angeschlossenen Gemüsebeete. Daneben wachsen essbare Pilze auf altem Kaffeesatz. Auch im Bad spielen Pflanzen und innovative Materialien eine wichtige Rolle: Hier nutzte Werner Aisslinger ein von Nebelkäfern aus der Wüste inspiriertes Hightech-Textil, das Dampf absorbieren kann.

Neues und Ungewöhnliches

Werner Aisslinger hat schon oft Mut zu Neuem und Ungewöhnlichem bewiesen. Dabei gehört er zu den Designern, die in die Technologisierung von neuen Werkstoffen eingreifen und sie in die Welt des Produktdesigns einführen. Er arbeitet oft in Eigeninitiative, experimentiert viel und entwickelt so einen Großteil seiner Ideen. In Zusammenarbeit mit dem Chemiekonzern BASF schuf er den heute von dem italienischen Möbelhersteller Moroso produzierten Hemp Chair.
„Hemp Chair“, Moroso, 2012 „Hemp Chair“, Moroso, 2012 | © Alessandro Paderni Der Stuhl wird in einem Arbeitsgang aus einem Verbundwerkstoff aus Hanf und Malvengewächs hergestellt und bietet eine Alternative zum Kunststoff.Durch die Zugabe eines wasserbasierten Acrylharzes wird er besonders belastbar. Beim Aushärten entstehen, anders als bei herkömmlichen Harzen, keine giftigen Substanzen, sondern lediglich Wasser. Die auf Langfasern basierende Technologie wird schon vielseitig in der Autoindustrie angewendet, in der Möbelbranche ist sie jedoch noch nicht angekommen.

„Chair Farm“, 2012 „Chair Farm“, 2012 | © Ein weiteres Projekt, das viel Aufmerksamkeit erregte, ist die Chair Farm, für die Aisslinger ein natürlich vorhandenes Material wählte: die Pflanze. Diese wächst direkt in ein Stuhlgerüst hinein, das fertige Sitzmöbel muss nur noch geerntet werden. Gewächse wie Bambus, der täglich bis zu 30 Zentimeter wächst und schnell verholzt, würden sich nach Aussage des Designers besonders gut eignen, um als Möbel auf Plantagen gezüchtet zu werden.

Urbaner Urwald

Natur war auch das Leitthema eines Großprojektes in Berlin: die Innengestaltung eines neuen Hotels im Bikini-Haus, einem denkmalgeschützten Gebäude aus den 1950er-Jahren am Zoologischen Garten.

„Michelberger Hotel“, 2009 „Michelberger Hotel“, 2009 | © Es ist nicht sein erstes Hotelprojekt in der deutschen Hauptstadt. Werner Aisslinger hat bereits in Berlin-Friedrichshain das Michelberger Hotel entworfen, „eine Collage“, wie er sagt, „und keine saubere, designte Welt“. Das Motto des Hotels im Bikini-Haus lautet „Urban Jungle“.

„Bikini Island“, Moroso, 2013 „Bikini Island“, Moroso, 2013 | © Dieser Dschungel habe jedoch keinesfalls etwas mit einem plakativen Disneyland-Stil und ausgestopften Tigerköpfen und Zebrafellen zu tun. Aisslinger ging es vielmehr darum, eine Geschichte zu entwickeln, die subtiler funktioniert und den Gast in einen unbekannten, vielleicht sogar etwas verlebten Ort versetzt – durch Pflanzen. Bewachsene Betonstrukturen, von Bäumen inspirierte Fahrstühle und ein Restaurant in einer Art Gewächshaus sollen eine Urwaldatmosphäre in die Stadt transportieren. Seit Februar 2014 darf das Hotel gedüngt, gegossen und vor allem bewohnt werden.