Tina Roeder Diskrete Grandezza

Credenza Nude Facade, 2010
Credenza Nude Facade, 2010 | © Studio Tina Roeder

Die Designerin Tina Roeder zergliedert gewöhnliche Dinge bis auf ihr Gerüst und legt somit ihr Wesen frei. In einem subjektiven Aneignungsprozess rekonstruiert sie diese, indem sie die Ergebnisse ihrer Untersuchung in Material und Form überträgt.

Das Metalltor quietscht, als es ins Schloss fällt. Aus einem der hinteren Backsteinbauten des ehemaligen Obdachlosenasyls dringen scheppernde Geräusche. In dem alten Schlafsaal ist eine Metallbauwerkstatt untergebracht, die auf die Produktion von Prototypen spezialisiert ist. Und auf Unikate. Eines steht zum Abtransport bereit: eine knapp zweieinhalb Meter lange Anrichte – oder Credenza, wie die Designerin Tina Roeder sie nennt.

Strukturen und Sichtweisen

Tina Roeder Tina Roeder | © Markus Jans Auf den ersten Blick wirkt die Front des Möbelstücks wie eine Tuschezeichnung auf einem Reißbrett. Doch bei näherer Betrachtung fallen sofort die filigranen Aussparungen auf, die in die Oberfläche aus Aluminium gefräst wurden. Dabei bilden einzelne Streben in stellenweise undurchdringbaren Überlagerungen wieder solide Flächen, die wie in einem Kaleidoskop eine kristalline Symmetrie ergeben.

„Mich faszinieren Strukturen und Architektur und wie wir diese wahrnehmen,“ sagt Tina Roeder. „Wenn wir zum Beispiel durch die Straßen gehen, sehen wir die Gebäude nie im 90-Grad-Winkel, sondern mit jedem Schritt aus immer neuen Perspektiven. Darauf beziehe ich mich in meiner Credenza-Reihe Building Structures: auf architektonische und inhärent auch auf gesellschaftliche Strukturen.“

Credenza Custom Cabinet, 2014 Credenza Custom Cabinet, 2014 | © Studio Tina Roeder Die am Londoner Saint Martins College und an der Design Academy in Eindhoven ausgebildete Wahlberlinerin gehört zu einer jungen Designer-Generation, die sich an der Schnittstelle zur Kunst bewegt. Mit Bezug zur Design- und Architekturgeschichte arbeitet sie an Ensembles von Möbel-Typologien, wie die Credenza-Werkreihe exemplarisch zeigt. Hier sind Referenzen zur architektonischen Moderne und zum Art déco erkennbar. Ebenso zeigen ihre Arbeiten Parallelen zur Konzeptkunst Marcel Duchamps und zum Minimalismus Donald Judds.

Archetypische Materialien

Credenza Structures Facades, 2008 Credenza Structures Facades, 2008 | © Studio Tina Roeder Für ihre Credenza-Reihe Building Structures, die sie seit ihrer Studiogründung 2007 immer weiter entwickelt, hat sie Architekturen entkernt, um daraus neue Strukturen, Perspektiven und Texturen zu bilden. Sie hat sich dabei mit archetypischen Materialien aus der Möbeldesign- und Architekturgeschichte auseinandergesetzt und bisher fünf komplexe Anrichten geschaffen, die vornehmlich aus Monomaterialien wie Graupappe, Glas, Stahl mit Leder sowie Aluminium bestehen und aus über 5.000 Einzelteilen handwerklich gefertigt sind.

Lederregal à La Recherche, 2012 Lederregal à La Recherche, 2012 | © Studio Tina Roeder Parallel zu den Credenzas arbeitet Tina Roeder an der Entwicklung von Lederregalen, die in derselben Weise funktionieren. Bis dato hat sie zwei Regalobjekte mit den Titeln à La Recherche und Blue Leather Shelf geschaffen. Das sind Stahlgerüste, die in penibler Handarbeit mit Leder ummantelt werden – in natürlicher Analogie zum menschlichen Skelett mit Haut. Tina Roeder entsagt einer an Masse orientierten Produktionsweise. Die Designerin veredelt die Stücke mit hochwertigen Materialien und durch den Zeitaufwand, mit dem sie die Objekte in mühevoller, kleinteiliger Manier zusammensetzt.

Konzeptkunst

Monoblocks White Billion Chairs, 2002/2009 Monoblocks White Billion Chairs, 2002/2009 | © Studio Tina Roeder Diese Arbeitsweise geht auf ein Schlüsselerlebnis zurück, das sie 2002 im ersten Studienjahr an der Design Academy in Eindhoven hatte und das sie bis heute prägt. Ihr Professor, der niederländische Designer Jurgen Bey, stellte schelmisch die Aufgabe, etwas scheinbar Hässliches in etwas scheinbar Schönes zu verwandeln. Im Vorgarten ihres Nachbarn fand Tina Roeder ein für sie passendes Objekt: einen Monoblock, ebenjener archetypische, anonyme Plastikstuhl, der als Inbegriff der Massenproduktion gilt.

„Um die Schönheit der demokratischen Idee des Stuhls freizulegen, wollte ich ihm ein neues Leben, eine neue Wertschätzung und Betrachtungsweise geben“, erklärt sie. Sie raute die Oberfläche des glatten Kunststoffstuhls matt auf und perforierte ihn mit Tausenden von streichholzkopfgroßen Löchern, um ihn durch das Wegnehmen von Material leichter und unaufdringlicher erscheinen zu lassen. Das gab ihm eine porzellanartige Oberfläche und durch die Perforationen Feinheit und Zerbrechlichkeit. Wie in der Natur wirkt zunächst alles perfekt, und doch sind es die kaum wahrnehmbaren Unregelmäßigkeiten, welche die Gleichmäßigkeit beleben und ihr Schönheit verleihen – ganz im Gegensatz zur industriellen Massenfertigung, in der ein Guss dem vorhergehenden gleicht.

Tischserie: Drawer Side Tables, 2008 Tischserie: Drawer Side Tables, 2008 | © Studio Tina Roeder Die Entmaterialisierung des Gegenstands und die Einbeziehung des Betrachters lässt Tina Roeder seit jeher nicht mehr los. Wie in der Konzeptkunst steht die Idee im Vordergrund ihrer Entwürfe. „Mich interessiert nicht primär die Form, das Material oder die Technik, sondern die Idee oder Geschichte, die dahinter steckt und die Gestalt eines Objekts mitbestimmt“, sagt sie. „Ich lege Archetypen oder Typologien frei, um unsere Wahrnehmung der Dinge wieder zu schärfen und unsere gewohnten Strukturen und Sichtweisen im Kontext zu hinterfragen. Und um damit eine Genauigkeit im Ausdruck zu erreichen.“