Erik Spiekermann über Typografie „Schrift muss ein bisschen fusseln“

Erik Spiekermann
Erik Spiekermann | Foto: Max Zerrahn

Der Berliner Kommunikations- und Schriftgestalter Erik Spiekermann hat wie kein anderer die visuelle Kultur Deutschlands geprägt. Im August 2014 erschien eine visuelle Biografie von Johannes Erler.

Herr Spiekermann, können Sie das Buch genießen oder haben Sie auch gedacht: „Oh, das hätte ich jetzt aber anders gemacht?“.

Ich kann andere schon machen lassen, ich will sie nicht gleichschalten. Nur eine Vorgabe habe ich gemacht: Diese Schrift müsst ihr verwenden für das ganze Buch!

Welche Schrift ist das?

Sie heißt „Real“ – was ja „echt“ oder auch „königlich“ heißt. Die gibt’s bisher nur im und mit dem Buch.

Ihre erfolgreichsten Schriften oder Schriftfamilien waren die FF Meta, die das New Yorker Museum of Modern Art in die Architektur- und Design-Collection aufgenommen hat, und die ITC Officina, die explizit für die heutige Bürokorrespondenz entworfen war. Welche Eigenschaften muss eine Schrift mitbringen, damit sie am Monitor gut lesbar ist?

Da gibt es mehrere Kriterien. Zum einen das Historische: Wir lesen, was wir gewohnt sind. In Deutschland sind das zwei Schriften: Die serifenlose Grotesk und die Antiqua. Eine Schrift muss in den Kulturraum passen und ich muss ihr auch ansehen, ob es ein längerer oder ein kürzerer Text wird. Dann kommen die physischen Kriterien dazu: Der Kontrast darf nicht zu stark sein. Tiefschwarze Schrift auf glänzendem Papier oder auf dem Bildschirm ist scheußlich! Wir können inzwischen ganz präzise Schriften machen, weil die Pixel so klein geworden sind. Dann sind die so wie Nylon. Aber das möchte ich nicht an der Haut haben, da möchte ich lieber Baumwolle. Das fusselt zwar, ist aber angenehmer. Schrift muss auch ein bisschen fusseln, die muss angenehm weich sein. Wie beim Buchdruck, da wurde der Buchstabe eben ins Papier eingepresst wobei eine eigene Unschärfe entstand. Die Unschärfe, die runden Ecken, machen sie schön und angenehm.

Sie haben auch viele Gestalter ausgebildet. Für einige sind Sie der Typografie-Papst Deutschlands. Waren Sie manchmal auch Typografie-Missionar?
 

  • Foto aus „Hallo, ich bin Erik“ © Gestalten 2014
    Foto aus „Hallo, ich bin Erik“
  • Foto aus „Hallo, ich bin Erik“ © Gestalten 2014
    Foto aus „Hallo, ich bin Erik“
  • Foto aus „Hallo, ich bin Erik“ © Gestalten 2014
    Foto aus „Hallo, ich bin Erik“
  • Foto aus „Hallo, ich bin Erik“ © Gestalten 2014
    Foto aus „Hallo, ich bin Erik“
  • Foto aus „Hallo, ich bin Erik“ © Gestalten 2014
    Foto aus „Hallo, ich bin Erik“
  • Cover „Hallo, ich bin Erik“ © Gestalten 2014
    Cover „Hallo, ich bin Erik“
  • Galerie P98a Foto: Erik Spiekermann
    Galerie P98a
  • Galerie P98a Foto: Erik Spiekermann
    Galerie P98a
  • Galerie P98a Foto: Erik Spiekermann
    Galerie P98a
Ja klar! Praktischer Missionar, weil in den letzten 30 Jahren so ungefähr 600 Leute durch mein Büro gegangen sind. Und nebenher habe ich auch noch an der Hochschule unterrichtet. Meine Mission ist es, Inhalt angemessen darzustellen. Als Gestalter muss ich dem Publikum einen Text näherbringen. Das gilt auch für den Bildschirm. Auch online gibt es nicht nur kurze Texte, sondern ebenso den langen Text und da erwarten die Leute eine andere Gestaltung. Weil keiner weiß, wie groß der Bildschirm ist – ob ich ihn in der Tasche habe oder auf dem Schreibtisch – muss sich die Schrift also anpassen. Man kann wieder mit allen Gestaltungselementen arbeiten, wie wir sie von Büchern und Zeitschriften seit Jahrhunderten kennen. Bisher hat das Web nur die schlechten Gewohnheiten aus der Wissenschaft übernommen: Viel Informationen in eine Seite zu schmeißen ohne Gestaltung. In dieser Hinsicht war das Internet ein Rückschritt. Die traditionellen Regeln der Gestaltung von Inhalten muss ich auch am Bildschirm befolgen – aber hin und wieder brechen.

Sie arbeiten ja seit langem international: Gibt es Ihrer Meinung nach immer noch „typisch deutsche Schriftgestaltung“ – oder: Kann man einer Schrift ansehen, woher sie kommt?

Ich erkenne die Schrift-Entwerfer, die wiederum in ihrer Tradition stehen. Die Briten sind eben etwas konservativer, die Franzosen etwas barocker und die Deutschen sind immer noch sehr reduziert, ebenso die Schweizer. Das sind eben Ingenieure, da ist alles sehr fein und sehr sauber. Die Holländer haben eine sehr waagerechte, horizontale Betonung – ein flaches Land ohne Berge. Aber ich erkenne eher die Handschrift eines Gestalters, der seine Herkunft nicht verleugnen kann. Meine Schriften sehen sich alle selber auch sehr ähnlich.

Als Gründer beziehungsweise Mitbegründer von FontShop, MetaDesign und Edenspiekermann sind Sie selbst Unternehmer. Was ist Ihr Geheimnis zum Erfolg?

Ich bin von Haus aus fürchterlich faul und entscheide deswegen immer ganz schnell und intuitiv. Offensichtlich habe ich für manche Sachen ein Händchen. Ich habe mich aber mit Leuten umgeben, die sich irgendwo gut auskennen und habe ihnen vertraut. Dabei bin ich relativ selten auf die Nase gefallen. Und dann bin ich immer rumgelaufen und hab den Leuten über die Schulter geschaut, sie gelobt oder korrigiert – managing by walking around sagen die Amerikaner dazu.
 

Sie haben während Ihrer Karriere als Kommunikationsdesigner und Typograf viele Umbrüche miterlebt und mitgestaltet: vom Bleisatz über den Foto- und Computersatz zum Desktop-Publishing bis hin zum Arbeiten mit digitaler Text- und Bildverarbeitung. Nachdem Sie in der Zukunft angekommen sind, leisten Sie sich nun den Luxus, zu den Anfängen zum Handwerk zurückzukehren. Was hat es mit Ihrer Galerie P98a auf sich?

Ich hatte schon als Student eine Druckerei, das Handwerkliche hat mich immer begeistert. Vor ein paar Jahren habe ich mir wieder Maschinen gekauft und plötzlich brauchte ich einen Raum. Außerdem habe ich die letzen Jahre gemerkt, dass die Bildschirmarbeit uns entfremdet. Und ich denke, dass den jungen Leuten die Beschränkung fehlt. Ich selbst hatte damals sechs Schriften, drei Tage, und x D-Mark zur Verfügung und damit musste ich fertig werden. Eine Farbe war schon teuer und vier Farben zu verwenden war unmöglich. Also habe ich mich auf Schwarz-Weiß beschränkt. Das war eigentlich einfach. Aber am Computer kann ich heute alles machen und endlos die Pixel hin- und herschieben. Die Beschränkung, die aus dem Material kommt, hat auch was Befreiendes! Sie ist nützlich, weil sie uns lehrt, auf die Inhalte zu achten und fertig zu werden. Schließlich muss man danach noch aufräumen. Und dazu kommt dieser magische Moment, wenn man das weiße Blatt auf das speckige Metallbett legt und es durch die Maschine dreht und dann kommt etwas ganz Präzises, schwarz auf weiß, heraus, was man dann in der Hand hat. Diese sinnliche Erfahrung fehlt uns heute. Ich halte sie für ein Grundbedürfnis des Menschen. Denn wenn wir nur noch als Interface zwischen mehreren Maschinen existieren, ist das keine menschliche Existenz mehr!
 

Erik Spiekermann ist Autor, Informationsdesigner und Schriftgestalter. Er ist Honorarprofessor an der Universität der Künste in Bremen und Ehrendoktor des Art Center Pasadena (Kalifornien/USA). 2011 erhielt er den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland für sein Lebenswerk. Er schuf unter anderem die „DB Type“ der Deutschen Bahn, das Orientierungs-System der Berliner Verkehrsbetriebe und entwickelte die Corporate Designs von Volkswagen und Audi. Einige seiner Schrift-Entwürfe, darunter FF Meta und ITC Officina, werden bereits als moderne Klassiker gehandelt.

Hallo ich bin Erik – Erik Spiekermann: Schriftgestalter, Designer, Unternehmer von Johannes Erler. Gestalten-Verlag 2014, 320 Seiten, 45,00 Euro