Goldschmiedekunst Denken mit den Händen

Jiro Kamata, BI Brosche 2014
Jiro Kamata, BI Brosche 2014 | Foto und © (Ausschnitt): Jiro Kamata

Zeitgenössischer Schmuck zeichnet sich oft durch eine radikale Umdeutung des Materials aus. Wenn aus Wertlosem Wertvolles entsteht, steckt meistens ein unkonventioneller Geist dahinter. Dass viele dieser Kreativen eine klassische Goldschmiedeausbildung absolviert haben, liegt da nicht gerade auf der Hand. Oder doch?

Annamaria Leiste ist keine gelernte Goldschmiedin und damit eine Ausnahme in der Schmuckklasse von Otto Künzli. Die gebürtige Mailänderin studiert in ihrem letzten Jahr an der Akademie der Bildenden Künste in München und gehört dort zu den wenigen Quereinsteigern. Grundkenntnisse in der Goldschmiedekunst, die als Voraussetzung für das Studium dienen, hat Leiste unter anderem in einem Praktikum bei Heinz Siebauer in München erworben. Mit diesem Wissen fertigt sie heute die Deckelchen, die ihre Glasampullen mit den Tierknochen verschließen. Zwar habe sie sich immer unsicher gefühlt im Vergleich zu denen, die schon Erfahrung hatten, erzählt sie. Aber dafür habe sie Ideen, auf die sie mit einer klassischen Ausbildung möglicherweise nicht gekommen wäre: „Vielleicht gehe ich Umwege, aber ich versuche, trotzdem Lösungen zu finden.“ Diese Umwege sind es sicherlich, die sie Dinge entdecken lassen, deren Schmuckpotenzial ihnen andere absprechen würden – Igelnadeln, Gewölle von Eulen, Fischschuppen. Daraus entsteht Schmuck, der seine eigene Bedeutung hinterfragt. Denn er lässt Materialien kostbar werden, die normalerweise im Müll landen oder verrotten würden.

Material intuitiv erforschen

Barbara Schrobenhauser, „Die Zeit auf meiner Seite“ Barbara Schrobenhauser, „Die Zeit auf meiner Seite“ | Foto und ©: Mirei Takeuchi Auch Barbara Schrobenhauser experimentiert mit einem Material, dessen Schmucktauglichkeit nicht auf der Hand liegt: Papier. Für die im bayerischen Allgäu in Neugablonz ausgebildete Goldschmiedin ist Papier nicht so weit von Metall entfernt. Die Fasern eigen sich ebenfalls bestens für das vielfältige Bearbeiten. Während ihres Studiums in der Schmuckklasse war sie Hilfskraft in der Papierwerkstatt und kennt den Werkstoff. Die Pigmente, die sie in das nasse Papier einrührt, und die wochenlange Trocknung lassen die Oberfläche glatt und geädert aussehen – wie Stein. Die Broschen wiegen nur ein paar Gramm, wirken aber, als würden sie durch ihr Gewicht jedes Revers ruinieren. Die 36-Jährige arbeitet intuitiv: „Es ist wie denken mit den Händen.“ Bevor sie 2007 an die Akademie ging, hatte Schrobenhauser schon aufgehört, sich mit Gold zu beschäftigen. Als Gesellin saß sie acht Stunden am Tag an der Werkbank, der Druck war hoch, da habe sie jegliches Gefühl für das Material verloren. Von Vorteil war die Ausbildung dennoch, da sie ihr die Angst vor unbekannten Werkstoffen nahm. Neuerdings, sagt die Künstlerin, hatte sie auch wieder Ideen für Metall, will sie aber in Aluminium und Bronze umsetzen.

Schmuck muss tragbar sein

Barbara Decker, Flower Anhänger Prasiolith – Silber Barbara Decker, Flower Anhänger Prasiolith – Silber | Foto und ©: Ulrike Böhm Nicht mit Gold zu arbeiten, kann sich Barbara Decker hingegen nicht mehr vorstellen. Schon als Jugendliche war sie so fasziniert davon, dass sie einen Goldschmiedekurs an der Volkshochschule besuchte. Während ihrer Lehre in einem konservativen Handwerksbetrieb war Kreativität allerdings nicht gefragt. Deshalb konzentrierte sie sich während ihrer Meisterausbildung auf Gestaltung. Ein Studium bei Künzli kam für die heute 40-Jährige nicht in Frage: „Ich wollte das Handwerk lernen, das leistet die Akademie nicht.“ Seit zehn Jahren führt sie mit drei anderen Goldschmiedinnen einen Laden, die „Tragbar“, in München. Anders als ihre Kolleginnen bietet Decker eine „One-Woman-Show“: Sie fertigt alles selbst und produziert nur ausnahmsweise in Serie. Ihr Design möchte sie nicht einer Nachfrage anpassen müssen, lieber gibt sie einzelne Aufgaben ab, lässt beispielsweise Steine von einem Fasser einsetzen. Denen, die sich ohne handwerklichen Hintergrund aufs Design beschränken, begegnet Decker mit Skepsis, „da kommen Sachen raus, die toll aussehen, aber nicht funktional sind“. Und Schmuck muss für sie in erster Linie eines sein: tragbar.

Metall beherrschen

  • Annamaria Leiste, „Traumgekrönt“ Foto und ©: Mirei Takeuchi
    Annamaria Leiste, „Traumgekrönt“
  • Annamaria Leiste, „Colors Cry” Foto und ©: Mirei Takeuchi
    Annamaria Leiste, „Colors Cry”
  • Annamaria Leiste, „Once upon a treehouse“ Foto und ©: Mirei Takeuchi
    Annamaria Leiste, „Once upon a treehouse“
  • Barbara Decker, Flower Anhänger Prasiolith – Silber Foto und ©: Ulrike Böhm
    Barbara Decker, Flower Anhänger Prasiolith – Silber
  • Barbara Schrobenhauser, „Embers“, Kette 2014 Foto und ©: Mirei Takeuchi
    Barbara Schrobenhauser, „Embers“, Kette 2014
  • Jiro Kamata, Arboresque Brosche 2012 Foto und ©: Gesa Simons
    Jiro Kamata, Arboresque Brosche 2012
Das sieht Jiro Kamata genauso, doch fertigt Künzlis Assistent auch Stücke, die nur situativ zum Einsatz kommen. Seine Kette aus Kameralinsen wiegt ein Kilo, und trotzdem gibt es Leute, die sie kaufen, um sie sich stundenweise um den Hals zu legen. Der in Japan ausgebildete Goldschmied kam über die Gestaltungshochschule in Pforzheim zu Künzli und machte 2006 sein Diplom. Inzwischen arbeiten nur noch wenige in der Klasse mit Gold oder Silber, berichtet er: „Schmuck muss heute nicht mehr aus Metall sein, aber für mich ist es immer noch sehr wichtig.“ Metall kann man beherrschen, wenn man weiß, wie, erläutert der 37-Jährige, „es passt zu meinem Charakter“. Seinen Broschen und Ohrringen sieht man die Präzision des Goldschmieds an. Dass die meisten Studenten in Künzlis Klasse gelernte Handwerker sind, ist in seinen Augen ein Vorteil. „In zehn, zwanzig Jahren steht man sonst vor einem Problem“, prophezeit Kamata, zum Beispiel wenn man gravieren will und nicht weiß, wie. Dann muss der Experte ran, das kostet Zeit und Geld. Nicht ohne Grund heiße die Schmuckklasse offiziell gar nicht Schmuckklasse. Den Namen haben sie sich an der Schule selbst gegeben und alle verwenden ihn heute. Tatsächlich heißt die Klasse: Goldschmiedekunst.