Games in Deutschland Heimliche Riesen

Future Unfolding | Computergame Spaces of Play
Future Unfolding | Computergame Spaces of Play | © Spaces of Play

Die deutsche Spieleszene ist groß. Wer sie kennt, der schätzt ihre Vielseitigkeit und Kollegialität. Aber nur wenige Menschen kennen sie. Talentierte Entwickler wollen das ändern.

Die deutsche Gamesbranche wirkt klein. Ihr Marktanteil ist auch in Deutschland mickrig. Etwa 6,5 Prozent Umsatzanteil am Gesamtmarkt nennt der Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU) im aktuellen Jahresbericht. Es gibt viele Studios, doch die sind eher unbekannt. Dabei gibt es eine deutsche Spielepresse, einen Flickenteppich an Fördermaßnahmen und einen Computerspielpreis mit großer Gala.

Eine Szene für Entdecker  

Indie Arena Booth Indie Arena Booth | © Indie Arena Rätsel gibt auch das Computerspiel Future Unfolding auf. Die Spielfigur erwacht in einem bunten Wald. Klare Anweisungen fehlen. „Wir werden öfter gefragt, was man in dem Spiel macht. Wir sagen dann, dass es um Exploration geht. Du musst die ganze Karte aufdecken“, erklärt Andreas Zecher. Er ist beim Entwickler Spaces of Play verantwortlich für Business und Development. Der gebürtige Deutsche lebt und arbeitet in Stockholm. Seine Kollegen sitzen in Berlin. Eine montägliche Skype-Konferenz und laufende Chats reichen den Entwicklern, um an einem Strang zu ziehen. „Man kann die Dinge auch überdiskutieren.“, findet Zecher.
 
„Etwas völlig Neues“ wollten sie schaffen. Und doch trifft Future Unfolding einen aktuellen Trend: Immer mehr Titel stellen das Entdecken vor andere Spielmechanismen. Wer alles sehen will, der muss gut beobachten und selber Schlüsse ziehen.
 
Future Unfolding ist in der deutschen Spieleszene die Ausnahme: vielseitig gefördert, international wahrgenommen und auf Spiele-Events von Kyoto bis San Francisco ausgestellt. Aber eine Überraschung ist das Spiel nicht. Neue Talente drängen in die Branche. Viele denken international. Und sie werden immer besser ausgebildet. Kennen gelernt haben sich Spaces of Play beim Studium in Berlin.

Team spacesofplay Team spacesofplay | © Julian Dasgupta

Immer mehr Talente drängen auf den Markt

Laut BIU gibt es allein in der deutschen Hauptstadt 22 Studiengänge für Spielemacher. Medien-Metropolen wie Köln, Hamburg und München bereiten junge Menschen mit integrierten Studiengängen auf die multidisziplinären Jobs vor. 154 Studiengänge gibt es von Augsburg bis Lübeck. Das bringt viele Chancen – und viele Unsicherheiten.
 
Absolventen treffen auf eine große, unübersichtliche Branche. Die wichtigsten Studios sitzen in den USA und Kanada. Doch auch Deutschland hat Traditionsunternehmen. Crytek wurde mit brillanten Egoshootern groß und erfindet sich jetzt als Virtual-Reality-Firma neu. Daedalic hat sich zu einem der weltweit wichtigsten Namen im Adventure-Genre emporgearbeitet. Wooga zementieren Deutschlands starke Präsenz auf Handys und Tablets. Doch viele junge Entwickler suchen keine Anstellung. Sie wollen ihre eigenen Visionen entwickeln, statt ihr Hundertstel zu einer Großproduktion beizutragen.

Das Warten auf den großen Hit

Viele deutsche Studios sind klein, aber inzwischen gut vernetzt. Jana Reinhardt mit ihrem Studio Rat King ist einer der Knotenpunkte. Die umtriebige Entwicklerin aus Halle ist eine Hälfte des Studios. Sie unterstützt maßgeblich die Organisation des Netzwerks für Indies im deutschsprachigen Raum. Im Forum der Indie Arena sind über 500 Entwickler angemeldet. Doch der nationale Rahmen spiele bei der Arbeit keine große Rolle, erklärt Reinhardt. Sie beobachtet in der Szene eher einen „gefälligen internationalen Stil“. Das ergibt Sinn, der Markt ist global. Doch die eilfertige Organisation und Marktorientierung könnte auch ein Hemmschuh sein, findet sie: „Wir denken nicht verrückt genug“. Das sei vielleicht ein Grund, warum der deutschen Indie-Szene ein internationaler Hit fehle.

Rat King | © Jana Reinhardt Rat King | © Jana Reinhardt Die Talente werden aber auch zur Seriosität angehalten. Auch kleine Fördermittel gibt es nur gegen Businessplan, Marktanalyse und die Erfüllung inhaltlicher Vorgaben. Freie Experimente werden nicht finanziert. Und Spieleentwicklung ist auch im kleinen Maßstab teuer. Sechsstellige Budgets sind ganz normal.
 
Der Durchbruch für Deutschlands unabhängige Entwickler könnte in Köln gelingen, auf der Gamescom. Hier findet die weltweit größte Publikumsmesse für Computer- und Videospiele statt. Und hier steht die jährlich wachsende Indie Arena Booth. Über 90 Spiele aus 18 Ländern treten auf. Deutschland ist natürlich ein Schwerpunkt. Einer von Reinhardts Favoriten ist Shift Happens. Der kooperative Plattformer ist kein Geheimtipp mehr, sondern ein doppelter Gewinner des Deutschen Computerspielpreises. Doch bei der Galaveranstaltung offenbart sich auch das milde Desinteresse der Politik an der Wachstumsbranche. Ausgerechnet das themenfremde Bundesverkehrsministerium gehört zu den Trägern der eher spärlich dotierten Auszeichnung.

Shift Happens | © Klonk Games Shift Happens | © Klonk Games „Es gibt in Deutschland immer noch ein Anerkennungsproblem. Spieleentwickler werden nicht als Kulturschaffende wertgeschätzt“, seufzt Reinhardt. Das könnte sich ändern. Eine Generation junger Künstler arbeitet daran.