Manufakturen Zwischen Tradition und Moderne

Herstellung von Hemdenstoff in der Manufaktur Merz beim Schwanen
Herstellung von Hemdenstoff in der Manufaktur Merz beim Schwanen | © Merz b. Schwanen

Ob leuchtende Weihnachtssterne, farbige Vasen, hochwertige Hemden oder gutes Öl: Auch im Industrieland Deutschland kommen besondere Produkte oft nicht vom Fließband, sondern werden von Hand zusammengesteckt, bemalt, vernäht oder gepresst.

Mehr als 2.500 deutsche Manufaktur-Perlen gibt es insgesamt, und es ist ihnen zu verdanken, dass alte Kulturtechniken bewahrt und qualifizierte Arbeitsplätze auch abseits der Großstädte erhalten bleiben. Initiativen wie „Handmade in Germany“ versuchen mit internationalen Ausstellungen, diese Handwerkskünstler bekannter zu machen. Die daraus hervorgegangene Plattform „Deutsche Manufakturenstraße“ bündelt jetzt 700 dieser mittelständischen Betriebe zu touristischen Routen quer durch Deutschland.
 
Sie reichen von der Schwäbischen Alb, wo bei „Merz beim Schwanen“ auf alten Rundwirkmaschinen Hemdenstoffe wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts hergestellt werden, über Marvitz in Brandenburg, wo man in den Hedwig Bollhagen-Werkstätten seit den 1930er-Jahren klassisch schöne Keramik brennt, bis nach Herrnhut an der tschechischen Grenze. Dort, in der Oberlausitz, sitzt eine der bekanntesten und wohl auch romantischsten deutschen Manufakturen. Von hier kommen seit 1897 die leuchtenden zusammensetzbaren Weihnachtsterne, die nicht nur in Deutschland immer populärer werden. Jährlich produzieren 86 Mitarbeiter über 400.000 davon, und gut 60.000 Menschen finden jedes Jahr den Weg in die Region, um sich in einer Schauwerkstatt anzusehen, wie Sternzacken ausgestanzt, gefalzt und dann zusammengedreht werden – alles von Hand natürlich.

Werkstattführungen

Diese Idee, direkt vor Ort zu zeigen, wie etwas auf althergebrachte Weise produziert wird, ist jetzt in vielen deutschen Manufakturen Teil des Konzepts. Auch in Brandenburg, in den Keramikwerkstätten von Altmeisterin Hedwig Bollhagen, deren Nähe zum Bauhaus sich auch in der zeitlosen Ästhetik ihrer Formen zeigt, gibt es regelmäßig gut besuchte Führungen durch die Werkstatt. Die wurde zwar immer mal wieder modernisiert und unter anderem um moderne Brennöfen ergänzt. Aber jeder Besucher kann sich hier sofort vorstellen, wie seit den 1930er-Jahren Keramikrohlinge erst gegossen und gedreht, dann gebrannt, bemalt oder geritzt werden, um schließlich noch ein zweites Mal in den Brennofen zu kommen.
 

  • Hedwig Bollhagen Keramik-Manufaktur Foto: Hedwig Bollhagen Werkstätten
    Hedwig Bollhagen Keramik-Manufaktur
  • Hedwig Bollhagen Keramik-Manufaktur Foto: Hedwig Bollhagen Werkstätten
    Hedwig Bollhagen Keramik-Manufaktur
  • Hedwig Bollhagen Keramik-Manufaktur Foto: Hedwig Bollhagen Werkstätten
    Hedwig Bollhagen Keramik-Manufaktur
  • Hedwig Bollhagen Keramik-Manufaktur Foto: Hedwig Bollhagen Werkstätten
    Hedwig Bollhagen Keramik-Manufaktur
  • Hedwig Bollhagen Keramik-Manufaktur Foto: Hedwig Bollhagen Werkstätten
    Hedwig Bollhagen Keramik-Manufaktur
  • Hedwig Bollhagen Keramik-Manufaktur Foto: Hedwig Bollhagen Werkstätten
    Hedwig Bollhagen Keramik-Manufaktur


Dazwischen erfolgen noch weitere kleine Arbeitsschritte, wie das Abbürsten oder die ständige Qualitätskontrolle der Objekte nach jedem Produktionsablauf. Das ist alles nicht nur handwerklich aufwendig, sondern auch zeitintensiv – und hat es so naturgemäß vom Preis her nicht leicht gegen das Billigsteingut der großen Ketten: „Aber wir versuchen den Leuten hier zu zeigen, dass bei uns nicht ein Steingutklumpen vorne auf ein Fließband geworfen wird und hinten als farbiger Teller wieder rauskommt“, wie Vertriebschef Benjamin Schmidt während der Werkstatt-Führung sagt. Er ist in vielen Bereichen nur von erfahrenen Kräften umgeben. Allein für die ruhigen, konzentrierten Pinselstriche oder die noch aufwendigeren Ritzdekore benötigt man neben Zeit auch jede Menge Routine.

Sternenzacke im Selbstversuch

Wie in fast allen Manufakturen sieht die Arbeit sehr einfach aus und ist doch unendlich schwer. Das können die Besucher zum Beispiel in Herrnhut im Selbstversuch ausprobieren – meistens verzweifeln sie beim Versuch, eine Sternzacke zu drehen: „Es braucht ein knappes Jahr, bevor ein neuer Kollege das richtig gut hinbekommt“, sagt Marketingchefin Jaqueline Schröpel, die damit auch einen Aspekt der Manufakturen anspricht, den der normale Kunde fast gar nicht mehr kennt: Es kann, bei großer Nachfrage, auch einfach mal etwas ausverkauft sein.
 

  • Herrnhuter Sterne Foto: Herrnhuter Sterne
    Herrnhuter Sterne
  • Herrnhuter Sterne Foto: Herrnhuter Sterne
    Herrnhuter Sterne
  • Herrnhuter Sterne Foto: Herrnhuter Sterne
    Herrnhuter Sterne
  • Herrnhuter Sterne Foto: Herrnhuter Sterne
    Herrnhuter Sterne
  • Centrumgalerie Herrnhuter Sterne Foto: Herrnhuter Sterne
    Centrumgalerie Herrnhuter Sterne


Die Techniken der Herstellung müssen sorgfältig weitergegeben werden, und das geht nicht von jetzt auf gleich: „Wir können also die Produktion nicht so hoch- und runterfahren, wie die Industrie es kann“, so Jaqueline Schröpel weiter. Auf Spitzenzeiten wie vor Weihnachten stellt man sich natürlich ein, dafür gibt es hier, ebenso wie bei Hedwig Bollhagen, moderne Vertriebsprozesse: „Unsere Werkstatt ist traditionell, unsere Vertriebs- und Marketingwege müssen modern sein, sonst können wir nicht bestehen“, sagt Benjamin Schmid, wovon nicht nur der angeschlossene moderne Verkaufsraum in Marvitz zeugt, sondern auch die Präsenz der Keramik im Store des Guggenheims Museums New York.

Zwischen Tradition und Moderne

  • Nähsaal Merz beim Schwanen um 1900 © Merz b. Schwanen
    Nähsaal Merz beim Schwanen um 1900
  • Rundwirkraum heute © Merz b. Schwanen
    Rundwirkraum heute
  • Pressraum © Merz b. Schwanen
    Pressraum
  • Websaal (Ausschnitt) © Merz b. Schwanen
    Websaal
  • Hemd © Merz b. Schwanen
    Hemd
  • Merz beim Schwanen © Merz b. Schwanen
    Merz beim Schwanen

Natürlich bleibt der regionale Gedanke wichtig, aber um Kundschaft zu erreichen, müssen die Manufakturen darüber hinausdenken: Die Hemden von „Merz beim Schwanen“ etwa werden auf der Schwäbischen Alb gefertigt und konfektioniert, das Hauptbüro der Manufaktur ist aber in Berlin-Mitte. So erreicht man mit einem traditionellen Produkt auch direkt eine hippe Großstadtklientel, die sich für Qualität und Nachhaltigkeit interessiert. 

  • Ölmühle an der Havel © Ölmühle an der Havel
    Ölmühle an der Havel
  • Ölmühle an der Havel Ölmühle an der Havel
    Ölmühle an der Havel
  • Ölmühle an der Havel © Ölmühle an der Havel
    Ölmühle an der Havel
  • Ölmühle an der Havel Ölmühle an der Havel
    Ölmühle an der Havel
  • Ölmühle an der Havel Ölmühle an der Havel
    Ölmühle an der Havel

Einen ähnlichen Weg sind Frank Besinger und Sabine Stempfhuber von der „Ölmühle an der Havel“ gegangen. Ihre hochwertigen Öle, Pestos oder Tees sind alle regional, ökologisch und nachhaltig hergestellt, werden aber in schönen Ladengeschäften in Berlin-Kreuzberg und in Potsdam präsentiert und verkauft. Den Produktionsprozess können sich die Großstadtkunden aber auch hier direkt anschauen, dafür wird die Ölmühle in den Verkaufsraum geschoben. Frank Besinger ist das besonders wichtig: „Ich glaube, dass es beim Handwerk und vor allem bei Lebensmitteln immer mehr darum geht, dass die Menschen nachvollziehen können, wo etwas herkommt und woraus es gemacht ist.“