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BLOG: EINE DISKUSSION ÜBER EUROPAKÜCHE MÜNCHEN

Europe´s Kitchen Munich

Die Europaküche-Blogger*innen Mandula van den Berg, Marie Detjen und Mohammed Z. Rahman blicken gemeinsam auf die Europaküche München zurück. Das Trio malt sich ein vielfältiges Europa aus, diskutiert, was Europa für sie bedeutet, und spricht darüber, wie die Europaküche Akzente setzte.

Mohammed Z. Rahman © STEP Mohammed: Ich denke, bei der Diskussion ging es um Afropäisch als Bezugsrahmen dafür, Europa als schwarz zu begreifen und Wege zu finden, eine vielfältige Idee von Europa angemessen zu begrüßen. Ich denke, sie war auch eine Reaktion darauf, wie sehr – Johny Pitts’ Erfahrung nach, die auf Großbritannien basiert – afro-amerikanische Erfahrungen des Schwarzseins als Norm gelehrt werden und diese Darstellung die europäische Erfahrung aber nicht wiedergibt und deshalb andere Darstellungen erforderlich sind.

Johny betonte, wie wichtig es ist, zu keinem Konsens über ein schwarzes Europa zu kommen, und Teresa lobte Johny dafür, wie Afropäisch zu einem Online-Multimediatagebuch statt nur zu einem normalen Buch wurde. Ich denke, wir brauchen mehr vielstimmige, interaktive Instrumente, um Erfahrungen wie Afropäisch zu diskutieren, nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch in den Mainstream-Medien und in der Bildung.

Die Art, wie das im Bildungssystem vermittelt wird, ist absolut grundlegend dafür, wie Menschen sich selbst sehen, die im Nationalstaat und auf dem Kontinent aufwachsen. Ich kann dieses Gefühl von Verrat bei Leuten gut verstehen, die das Schulsystem durchlaufen, dann auf die Uni gehen oder sich online weiterbilden müssen und dann rückblickend sagen – „Oh mein Gott, Ihr habt mir so vieles über meine eigene Geschichte nie erzählt.“ 

Wem machen wir etwas vor? Nette Geschichten des Dazugehörens sind bei weitem nicht genug. Wie in der Diskussion erwähnt, geht es beim Deutschsein nicht nur um Deutschland, sondern auch um Namibia und ehemalige Kolonien und inwiefern diese Beziehungen heute existieren. Die Diskussion ließ mich über meine eigenen Erfahrungen nachdenken und wie wir die Art umgestalten können, auf die wir dokumentieren und lehren, was es bedeutet, europäisch zu sein.

Marie Detjen © Marie Detjen Marie: Ich bin jetzt sehr gespannt darauf, das Buch zu lesen! Das Finale warf so viele verschiedene Fragen auf, aber ich kämpfe noch mit einer elementaren, ganz grundlegenden Frage: Haben die schwarzen Erfahrungen, die Johny in Berlin, Stockholm, Marseille und so weiter vorfindet, etwas spezifisch Europäisches an sich? Ist es womöglich genau diese Vielfalt von Erfahrungen? Ich war beeindruckt, wie er es schafft, all diese Parallelen und Vergleiche zu ziehen, ohne je ein „afroeuropäisches“ Modell aufzubauen, das neben dem „afroamerikanischen“ Modell stehen würde.


Mandula van den Berg © Marianne Hommersom Mandula: Im Hinblick darauf finde ich es eine faszinierende Idee, dass Johny eine schwarze Erfahrung ohne Bindestrich konstruiert. Mir scheint, dass sich der Begriff Afropäisch bewusst vom amerikanischen Modell distanziert. Das Wort selbst verlangt nach einem Konzept von eingebettetem Schwarzsein, einer schwarz-europäischen Identität, deren Kernstück aus der Mischung des Afrikanischen und des Europäischen besteht.



Mohammed: Ja, genau. Ich denke, es gibt nach wie vor Druck, schwarze Erfahrungen mit Bindestrich zu schreiben, worüber Projekte wie dieses hinausgehen. Um Ressourcen zur Geschichte der Afropäer*innen zu finden, muss man immer noch Begriffe wie „Schwarze Geschichte“ in die Suchleiste eingeben, da die Organisation solcher Informationen nach wie vor auf diese Etikettierungen zurückgreift. Ich glaube, Afropäisch zeigt uns, wo wir hinwollen, gibt uns ein Ziel vor, auf das wir hinarbeiten können. 

Marie: Mein Eindruck war, dass die Diskussionsrunde dadurch von der Theorie wegzukommen begann, hin zu persönlicher Erfahrung auf der einen Seite und Geschichte auf der anderen, gewissermaßen als der Boden, auf dem man Ambivalenzen hervorholen und studieren kann, ohne gleich eine Lösung vorlegen zu müssen. Vielleicht hat es etwas mit der Tatsache zu tun, dass Geschichte ebenso wie Sinneserfahrung Widersprüche enthalten kann oder sogar muss.

Mohammed: Das erinnert mich daran, wie Johny Pitts’ Ideal des Multikulturalismus darin bestand, mit seinen jemenitischen Nachbar*innen zu essen und echt unmögliche Positionen zu vertreten und am Ende trotzdem als Clan, als Freund*innen, als Community auseinanderzugehen. Ich denke, diese Art der Normalisierung von Widerspruch und Debatte in diesen Bereichen ist sehr wichtig und etwas, auf das wir hinarbeiten sollten, statt Leute so schnell abzuschreiben. Als nichtweißer Europäer in zahlreichen weißen Räumen gibt es einen gewissen Druck zur Konfliktvermeidung, da Dich die Leute manchmal als Stellvertreter für Deine gesamte Ethnizität betrachten. Aber das führt letztlich nicht zu einer gesunden, zukunftsfähigen Umgebung, in der die Menschen miteinander leben können. Ich mochte die Hervorhebung der produktiven und konstruktiven Elemente dieser Sorte Konflikte und Meinungsverschiedenheiten sehr. Ich denke, Europa ist dabei, einen Punkt zunehmender politischer Polarisierung zu erreichen. Es gibt das Phänomen, dass Familienmitglieder zu konservativ oder zu radikal sind und man deshalb ein seltsames Gefühl dabei hat, sie zum Essen einzuladen. Das ist eine sehr einschränkende Fahrspur, in die eine Menge Leute da getrieben wurden, und ich denke, wir müssen einen Weg finden, da rauszukommen.

Marie: Hast Du Situationen erlebt, wo das durchbrochen wurde? 

Mohammed: Ich kann viel mit dem anfangen, was Johny über Battle-Rap sagte, als er noch klein war, wie die Leute aufeinander losgehen, ich denke, bei meiner PoC/schwarzen Community in London gibt es quasi diesen Raum, achtsam und unmöglich zugleich zu sein, dasselbe gilt für die überlappende queere Community, der ich angehöre. Die afro-amerikanische Kultur und die Ballroom-Szene aus den USA haben großen Einfluss darauf, wie wir sprechen und existieren – auf der einen Seite ist da Zurückhaltung, weil diese Kulturen vorherrschend sind und das verschlingen, was wir an der Basis erleben. Auf der anderen Seite, beispielsweise bei der Ballroom-Szene, war Zugang dazu über das Internet gut für die queere Community in Großbritannien, weil sie uns einen Rahmen dafür geliefert hat, unsere eigene Community aufzubauen, uns zu organisieren und ein Gefühl von historischer Verwurzelung zu entwickeln. Innerhalb dieser Gruppen gibt es sehr viel Vertrauen, und so existieren Frotzeleien und Seitenhiebe auf eine sehr liebenswerte Art, meiner Erfahrung nach ist es ziemlich befremdend, wenn man mit sehr nicht-diversen Institutionen zu tun hat, wo die Leute in der guten Absicht, Vertrauen zu gewinnen, super positiv und inklusiv sind oder aber nicht wissen, was sie sagen sollen, und deshalb gar nichts sagen. Das kann sehr befremdend sein, weil einem die Förmlichkeit des Ganzen bewusst macht, dass das nötige Vertrauen nicht da ist, um unmöglich zu sein.

Marie: Aber glaubst Du nicht, dass im letzten Jahr die Affektiertheit vieler solcher nicht-diverser Institutionen etwas belasteter geworden ist? Die Black-Lives-Matter-Proteste, aber auch beispielsweise die aktuellen Debatten über Antisemitismus in Deutschland führen dazu, dass Leute mit „guten“ Absichten anfangen, sich zu streiten. Sie sind zu einigen dieser schwierigen Diskussionen gezwungen, weil es plötzlich nicht mehr genügt zu sagen: „Wir sind alle gegen Antisemitismus und Rassismus“. Wir müssen präziser sein, herausfinden, was wir damit meinen, wenn wir das sagen.

Mohammed: Ich denke, dieses Unbehagen darüber, präzise zu sein, hat schwarze und afrikanische Menschen unter Druck gesetzt, solche Dialoge anzufangen und die Leute dazu aufzufordern, sich bestimmte historische Ereignisse anzuschauen, z. B. Windrush. Die Bürde, Aufklärer*innen und Lehrer*innen zu sein und diese Bewegung zu tragen, sollte nicht Schwarzen obliegen, wenn wir der Erfahrung wirklich den Bindestrich nehmen wollen. Mir ist sehr bewusst, dass wir hier als Gruppe Nichtschwarzer darüber sprechen, aber es ist wichtig, diese Diskussionen auch weiterhin zu führen, wenn wir ein Konzept von Afropäertum normalisieren wollen. Während der BLM-Welle wurden viele meiner schwarzen Freund*innen und Bekannten angesprochen, doch in professioneller Funktion zu beraten und zu informieren, obwohl sie noch nie eine Beraterposition innehatten. Es wurden bestimmte Annahmen gemacht, dass Schwarze in Bezug auf ihre Erfahrungen damit, rassifiziert zu werden, entgegenkommend zu sein hätten. Es gibt diese seltsame Dynamik, wo diese Art von Arbeit bei Institutionen, die sich nie ernsthaft mit Rassenfragen beschäftigt haben, plötzlich zum Vorschein tritt und auf einmal denjenigen aufgebürdet wird, die am stärksten davon betroffen sind. Ich denke, wir navigieren angesichts der aktuellen Verfügbarkeit und Frequenz der Informationsproduktion eine neue Art, mit Diskussionen umzugehen, und ich hoffe, solche Dinge gehören zu den Anfangsschwierigkeiten, die sich dadurch aus dem Weg räumen lassen, dass Nichtschwarze sich selbst besser informieren.

Marie: Zumindest für Deutschland denke ich, dass die Konversation noch gar nicht so weit ist. Es gibt „schwarze Fälle“, die aufkommen, aber dann übernehmen hauptsächlich weiße Aufklärer*innen und Kommentator*innen und Expert*innen die Diskussion darüber. So haben beispielsweise die Eröffnung des Humboldt Forums in Berlin und der Wiederaufbau des Berliner Schlosses eine gewisse Neubewertung der deutschen Kolonialgeschichte und -verbrechen ausgelöst, sowohl in den Medien als auch in der Wissenschaft, aber wir hören so gut wie nie von Namibier*innen. Es ist, als würde ihnen diese Bürde noch nicht einmal auferlegt werden, weil sie gar nicht erst als dazu fähig gelten, Aufklärer*innen zu sein.

Mandula: Es ist interessant, wie wir immer wieder zur Frage von Bildung und Aufklärung zurückkehren. So vieles kommt darauf an, wer informiert und was gelehrt wird. Es gibt sehr viel Raum für die verschiedenen Formen, diese Geschichten zu erzählen. Um auf das Afropäisch-Projekt zurückzukommen, ich denke, die multimediale Dimension von Johnys Werk – die Kombination von Bildern, Musik, Tagebucheinträgen – bietet etwas ganz Besonderes. Weil sie so persönlich ist, so dynamisch. Während Theorie ganz klar ebenfalls nötig ist, glaube ich doch, dass das Anbieten alternativer Formen des Nachdenkens über diese Fragen von Geschichte, Identität und Zugehörigkeit sehr viel Wirkungsmacht birgt.

Soziale Medien können hier eine enorme Rolle spielen, ebenso die bildende Kunst. Denn beim Reden und Diskutieren auf Textbasis fallen wir in weiße Stimmen zurück. Text wurde leider monopolisiert und textbasiertes Diskutieren ist in den vorherrschenden Machtstrukturen besonders fest verwurzelt ... Eine Lösung könnte vielleicht sein, Räume außerhalb dieser textbasierten Diskussionen zu erkunden – selbstverständlich ohne sich vollständig von ihnen zu verabschieden.

Mohammed: Ich stimme Dir zu. Genau deshalb ist der multimediale Aspekt der Afropäisch-Website so fantastisch. Ich denke, diese ganze Verwurzelung in der Theorie ist sehr kontraintuitiv, weil es letztlich um Menschen geht, die über ihre Lebenserfahrungen berichten, die eben nicht auf Textbasis erlebt werden. Es ist schade, dass der Diskurs häufig erst auf diese Art dargestellt werden muss, bevor er ernst genommen wird.

Marie: Diese Art von Diskurs kann am Willkommenstisch stattfinden! Habt Ihr das Gefühl, dass es in Eurem Leben solche Räume gibt, Küchentische, an denen Ihr Ideen austauschen könnt, ohne dass sie durch textbasierte oder akademische Strukturen vermittelt werden, Gespräche, die sowohl im Hinblick auf Inhalt als auch die Form der Diskussion divers sind?

Mohammed: Hauspartys! Das ist etwas, wo sich die Pandemie wirklich ausgewirkt hat, Johny sprach ebenfalls davon, dass es so eine befreiende Institution, so ein Anlaufpunkt für die Gemeinschaft ist, sich in Partyräumen aufzuhalten, zusammenzukommen, auch Organisation, die Gespräche zu führen, die die Leute wirklich führen wollen. Ich war letztens richtig nostalgisch, weil ich Steve McQueens Kurzfilmreihe Small Axe (2020) über schwarze Lebensrealitäten in Großbritannien gesehen habe. Einer davon heißt Lovers Rock und ist eine Hommage an die historische Bedeutung von Hauspartys für die afrokaribische Community im Großbritannien der 1970er Jahre. Das während des Lockdowns zu sehen, war sehr bewegend, da es sich um ein Vermächtnis handelt, das über Generationen von Migrant*innen in London hinweg weitergegeben wurde und in meinem eigenen heutigen Leben eine solche Institution war. Ich denke, dass Steve McQueen diesen Konflikt oder die Darstellung der Wirkungsmacht eher intimer und nicht-überwachter Räume im Mainstream perfekt getroffen hat, da die Frage ja immer ist, wie viel von dieser Intimität in die Mainstream-Öffentlichkeit gebracht werden kann, ohne dass sie ihre Unantastbarkeit oder Wirkungsmacht verliert.

Mandula: Ich glaube, ich habe diese Tische tatsächlich gar nicht. Für mich ist Gastfreundschaft in vieler Hinsicht ein ziemlich leerer Begriff, nicht etwas, das eine zentrale Rolle dabei spielt, wie ich mein Leben lebe, kein expliziter Wert, mit dem ich aufgewachsen bin. Ich denke, das ist an und für sich schon sehr vielsagend. Ich meine, selbstverständlich gibt es Momente, in denen Gastfreundschaft natürlich und einfach ist, vor allem, wenn man es nicht explizit „tut“ und zum Beispiel einfach nur gemeinsam etwas herstellt. Das kann extrem wirkmächtig sein. Aber mir ist klar geworden, dass ich diese Räume zu wenig bewusst aufsuche.

Mohammed: Denkst Du, das hat etwas mit Deiner Erfahrung zu tun, in Europa zu leben? Glaubst Du, das ist etwas Europäisches?

Mandula: Das möchte ich so nicht sagen. Ich denke, es hat vielleicht mit bestimmten (westeuropäischen) Privilegien zu tun, wo man seinen Raum nicht öffnen muss, man muss andere nicht darum bitten, sich einem zu öffnen, und so wird es sehr einfach, es nicht zu tun, selbst wenn man auf intellektueller Ebene Werte wie Gastfreundschaft und Solidarität propagiert und aufrichtig an sie glaubt.

Ich fürchte nur, dass Europa auf vielen Ebenen überhaupt nicht durch Gastfreundschaft definiert ist. Es ist ein sehr geschlossenes Ding, und dabei geht es nicht nur um das Schwarzsein, sondern auch um andere Trennlinien in Europa. Zum Beispiel wie wir, wenn wir Europa sagen, nur an die EU denken und die Peripherien komplett vergessen: Nordafrika, aber auch die ganzen ehemaligen Sowjetstaaten ... Alle diese Orte sind in vieler Hinsicht zutiefst europäisch, aber wir schließen sie von diesen Gesprächen aus. Und die EU selbst baut einfach weiter Grenzen auf, wirtschaftlich und anderweitig, und daher finde ich es wirklich schwierig, zu sagen, dass Gastfreundschaft irgendwie das Herzstück der Idee von Europa ist. Ich klinge so negativ …

Marie: Aber ist der Punkt nicht gerade, dass sie stärker im Zentrum stehen sollte? Dass wir nach Wegen suchen sollten, wie wir als Europäer*innen gastfreundlich handeln können?  

Mandula: Ja, absolut! Und ich mag die Idee der Sinneserfahrung, ob das die Ungeglättetheit einer Hausparty ist oder im physischen Sinne gemeinsam das Brot zu brechen. Ich finde das wunderbar.

Marie: Ich muss mich oft daran erinnern, diese sinnliche, alltägliche, scheinbar private Dimension der Gastfreundschaft nicht lächerlich zu finden – bei sich zuhause das Brot zu brechen und das Gefühl zu haben, dass man Gastfreundschaft inszeniert, während Moria passiert ... Sich Moria wirklich anzuschauen und dennoch Leute an seinen Küchentisch einzuladen, erfordert für mich eine gewisse Toleranz gegenüber Unvollständigkeit oder Unvollkommenheit. Und dann, manchmal, ändert es tatsächlich etwas! Meinen Eltern war Gastfreundschaft in ihrem Leben immer sehr wichtig. Sie haben unser Haus immer mit Menschen aus aller Welt gefüllt, Fremden, die kamen und an unserem Küchentisch saßen und häufig zu Freund*innen wurden. Aber ich denke, dass ich, die ich so aufgewachsen bin, in den letzten Jahren gelernt habe, dass es nicht nur darum geht, zusammen zu essen. Gastgeber*in zu sein erfordert auch eine Art Offenheit dafür, sich verändern zu lassen, eine Offenheit dafür, seine Gewohnheiten zu verändern. Es fängt damit an, zum Beispiel anderes Essen zu kochen, und geht zu Dingen über wie seine Meinung drastisch zu ändern oder bestimmte Gewohnheiten oder Werte nicht zur Schau zu stellen, weil sie Deine Gäste vor den Kopf stoßen würden. Und plötzlich scheint das Kleine gar nicht mehr so klein zu sein, weil es Deinen Lebensweg und Dein Weltbild und das Deines Gastes verändern wird.

Mohammed: Ich denke, diese Art von radikaler Akzeptanz, in die man als Gastgeber einwilligt, bei der man gewillt ist, einen Teil von sich selbst zu ändern, um einen Gast aufzunehmen, knüpft an Deinen Punkt dazu an, Mandula, was es heißt, in Europa einen Willkommenstisch zu haben. Ich bin islamisch aufgewachsen und Gastfreundschaft spielt in dieser Religion und ihrer speziellen Ausprägung in der bangladeschischen Kultur eine große Rolle. Aber dann ist da auch diese zweiseitige Erfahrung, Europäer zu sein, aber in Großbritannien und Europa nicht gastfreundlich aufgenommen zu werden, sei es historisch gesehen durch die faschistischen Skinheads, die die bangladeschische Community in den 70er Jahren zu bedrängen pflegten, bis hin zu jüngeren Problemen wie der Islamophobie nach dem 11. September oder der Brexit-Xenophobie. Ich denke, um an einem Ort, der einen nicht immer akzeptiert hat, Gastgeber*in zu sein, muss man sehr verletzlich sein, was sehr schwierig ist, wenn man Dir nicht auf halbem Weg entgegenkommt. Ich denke, die Sorte Tische, die wir decken müssen, um das Europa zu schaffen, das wir wollen, basieren auf sehr intimen Dingen wie Vertrauen, Verletzlichkeit und Akzeptanz, genau wie Du gesagt hast, Marie.

Mandula: Und wir sollten nicht unterschätzen, wie viel davon bereits passiert! Mohammed, Du hast über die Schwierigkeit gesprochen, die Energie von Hauspartys in die Mainstream-Öffentlichkeit zu bringen, und wie das in gewisser Weise dem Sinn der Sache widerspricht. Ich denke, man vergisst leicht, in welchem Ausmaß all das bereits stattfindet, ohne dass es in den Mainstream gebracht wird, genau um eben die Unantastbarkeit des privaten Raums zu schützen. Ich glaube, was ich damit sagen möchte, ist, dass das nicht unbedingt immer sichtbar sein muss. Diese Bemühungen und Gemeinschaften müssen nicht immer groß verkündet werden. Vielleicht können wir darauf vertrauen, dass Gastfreundschaft und Gemeinschaft aus diesen Wurzeln hervorgehen werden, wenn die Netzwerke vorhanden sind?

Marie: Was glaube ich an Teresas Punkt zur Bedeutung der materiellen Bedingungen anknüpft, um das möglich zu machen. Was in der Praxis auch schwieriger ist – man kann nicht einfach Geld in etwas hineinstecken und hoffen, dass es läuft. Welche politischen Leitlinien sind nötig, um diese Räume von Gastfreundschaft und informellem Austausch zu schützen oder zu ermöglichen. Ich denke, da gibt es Spielraum zum Experimentieren, welche Art von Unterstützung die EU bereitstellen sollte, um diese Austausche vor Ort zu unterstützen, wie Teresa sagte, denn den Menschen einfach eine „Stimme“ zu geben oder sie in Institutionen sichtbarer zu machen, die bereits sichtbar sind, ist nicht immer eine Lösung. 

ABSCHLIESSENDE GEDANKEN ZUM EUROPAKÜCHE-PROGRAMM

Mohammed: Ich war sehr beeindruckt davon, wie sie es geschafft haben, ein so diverses und ambitioniertes Programm am Laufen zu halten, obwohl der Aspekt von tatsächlichem Reisen und vieles von den kulinarischen Erlebnissen nicht mehr möglich waren. Ich denke, das hat meine Erfahrungen und Assoziationen mit Reisen wirklich verändert. Obwohl ich zuhause blieb, wurde ich durch die Vorträge aus München und Glasgow, die Musik aus Ljubljana und das per Post aus Madrid geschickte Essen an einen anderen Ort versetzt. Das hat mich wirklich zum Nachdenken über meine Zugehörigkeit zum breiteren Europa gebracht, da ich mir diese Fragen nie wirklich gestellt habe. Das alles war sehr erdend für mich, jetzt, wo Großbritannien die EU verlässt.

Mandula: Was mich betrifft, so ist mir seltsamerweise klargeworden, dass ich noch nie aktiv darüber nachgedacht habe, was Europa für mich ist oder sein soll. Ich habe diese vage Verbundenheit mit Europa und ich habe das Gefühl, dass der Begriff „europäisch“ auf mich zutrifft, aber ich war nie gezwungen, mich kritisch damit auseinanderzusetzen.

Das Zweite wäre, diese Auskundschaftung nicht nur in verbaler Form zu haben, nicht nur darüber zu reden, sondern auch über andere Wege nachzudenken, wie Europa einem etwas sagen könnte. Ob das nun musikalisch ist oder über Gerüche, und ich denke, auf diese Art schafft das Projekt einen schönen Präzedenzfall dafür, wie man darüber nachdenken könnte. Und das Element der Unbehaglichkeit ist wichtig. Es ist so einfach, nicht hinaus und auf Fremde zuzugehen, insbesondere während einer Pandemie, aber es ist so wertvoll, Fremde am Tisch zu haben, Fremde in der Konversation.

Marie: Ich muss mich oft daran erinnern, diese sinnliche, alltägliche, scheinbar private Dimension der Gastfreundschaft nicht lächerlich zu finden – bei sich zuhause das Brot zu brechen und das Gefühl zu haben, dass man Gastfreundschaft inszeniert, während Moria passiert ... Sich Moria wirklich anzuschauen und dennoch Leute an seinen Küchentisch einzuladen, erfordert für mich eine gewisse Toleranz gegenüber Unvollständigkeit oder Unvollkommenheit. Und dann, manchmal, ändert es tatsächlich etwas! Meinen Eltern war Gastfreundschaft in ihrem Leben immer sehr wichtig. Sie haben unser Haus immer mit Menschen aus aller Welt gefüllt, Fremden, die kamen und an unserem Küchentisch saßen und häufig zu Freund*innen wurden. Aber ich denke, dass ich, die ich so aufgewachsen bin, in den letzten Jahren gelernt habe, dass es nicht nur darum geht, zusammen zu essen. Gastgeber*in zu sein erfordert auch eine Art Offenheit dafür, sich verändern zu lassen, eine Offenheit dafür, seine Gewohnheiten zu verändern. Es fängt damit an, zum Beispiel anderes Essen zu kochen, und geht zu Dingen über wie seine Meinung drastisch zu ändern oder bestimmte Gewohnheiten oder Werte nicht zur Schau zu stellen, weil sie Deine Gäste vor den Kopf stoßen würden. Und plötzlich scheint das Kleine gar nicht mehr so klein zu sein, weil es Deinen Lebensweg und Dein Weltbild und das Deines Gastes verändern wird.

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