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Samir Sellami
Find your pace

Früh auf seiner Reise durch das Schwarze Europa entdeckt Johny Pitts die Langsamkeit:
 
"So lernte ich die Lektion, dass man das Tempo verlangsamen muss, um sich in die Frequenz einer neuen Großstadt einzuklinken. Je nach Geschwindigkeit werden verschiedene Realitätsbereiche sichtbar, und sehr oft bewohnen Europas schwarze Arbeitskräfte als Reinigungspersonal, Taxifahrer, Gepäckträgerinnen, Wachleute, Fahrkartenverkäuferinnen und Türsteher den Grenzbereich, den ich gerade erlebte: Sie sind da und doch nicht da. Ich kannte diese Welt natürlich schon, war in der Vergangenheit ein Teil von ihr gewesen, hatte sie aber noch nie als unsichtbare Welt begriffen, durch die sich das weiße Europa ganz unbekümmert bewegt, ohne sie je wirklich wahrzunehmen." (S. 52)

Vielleicht war es das Glück des Alleinreisenden, das Johny gleich am Anfang seines Trips auf die richtige Fährte geführt hat. Eine besondere Stellung der Planeten, eine Fügung des Schicksals. Oder das Ganze beruht bloß auf einem faulen Trick, und Johny wusste spätestens als er in London in den Eurostar stieg, dass er sich seinem Schwarzen Europa mit einer ganz bestimmten Geschwindigkeit nähern muss, um einen gewissen Effekt zu erzielen. Nicht in der Rolle des geschichtenhungrigen Reporters, nicht in der des wissbegierigen Ethnografen. Sondern in dem um ein gutes Jahrhundert aus der Zeit gefallenen Kostüm des Flaneurs. Als unsichtbarer Flaneur. Als afropäischer Flaneur.
 
Man könnte jetzt natürlich Baudelaire und Benjamin zitieren und warum nicht Robert Walsers Spaziergangswissenschaft, aber genau diesen Impuls gilt es ausnahmsweise einmal zu unterdrücken. Stattdessen ist festzuhalten, dass sich eine bestimmte Erwartung, eine bestimmte Hoffnung, die ich beim Lesen hatte, erfüllte, als ich mit Johny, Teresa und Priya für zwei knappe Stunden um einen wenn auch nur virtuellen Kitchen Table herum sitzen durfte: Zur Langsamkeit dieser Reise durch Afropa, da bin ich mir ganz sicher, hat Johny sich selbst überreden müssen, sie ist die Konsequenz einer disziplinierten Entscheidung. Vermutlich hat sie wenig mit den üblichen Reisegewohnheiten des Autors zu tun, wenig mit Temperament oder Persönlichkeit oder der bürgerlichen Versuchung, der Schnelllebigkeit unserer Zeit eine achtsamkeitsorientierte Aussteigergeste entgegenzusetzen.
 
Denn Johny ist, ich hatte es bereits vermutet, im echten Leben ein unzähmbar lebendiger und ungeduldiger Erzähler, der tendenziell immer schon bei der jeweils nächsten Geschichte ist und doch genau zuhört, wenn jemand anderes gerade noch die vorige oder vorletzte erzählt. Diese Art der ungeduldigen Empathie, der übersprudelnden Geistesgegenwart ist eine der vielen Vorzüge, die Afropäisch nicht nur zu einem außerordentlichen Lesevergnügen macht, wie es in den Bücherblogs und Literatursendungen für gewöhnlich heißt, sondern zu einer Lehre, wie überhaupt zu lesen (und zu leben) sei.
 
Denn wäre Johny (wie ein Reporter) gut vorbereitet und mit sorgfältig recherchiertem Adressbuch durch Europa gereist, er hätte vermutlich überall das Gleiche gefunden: afropäisch gelebte Kultur, die vom kulturellen Mainstream je nach Laune eher missachtet oder eher verklärt wird; afropäische Resilienz, die sich einigermaßen eingerichtet hat zwischen Gewohnheit, Überlebensmut, Nostalgie und ökonomischem Verantwortungsbewusstsein für die Daheimgebliebenen; und afropäisches Superheldentum, das unter unmöglichen Bedingungen Proteste organisiert, Bedürfnisse formuliert, Bibliotheken errichtet und Archive verteidigt.
 
Doch Johny hat sich für die Langsamkeit entschieden und die Entscheidung für Langsamkeit ist letztlich eine Entscheidung für Literatur. Und im Gegensatz zur Erfahrung, die eine spezifische Veranstaltung ist, ist die Literatur immer einsam und singulär. Sie sieht, was sie sieht, und sie sieht es genau in der Art, zu der sie sich selbst befähigt. Alles andere sieht sie (zunächst einmal) nicht; zu allen anderen Arten des Sehens ist sie (zunächst einmal) nicht befähigt. Doch diese Begrenzung, diese Blindheit ist ihre Stärke, ihr Talisman – oder um es aus der Erfahrungswelt eines Schwarzen Backpackers zu sagen: ihr Interrail-Ticket. Dass sich Johny also für die Langsamkeit und die Literatur entschieden hat, führt dazu, dass er die Aktivist*innen und organischen Intellektuellen von Ons Suriname in Amsterdam trifft, aber nicht die von Each One Teach One in Berlin. Darum fährt er völlig unvorbereitet nach Moskau und kehrt nicht so sehr enttäuscht als vor allem traurig und nachdenklich und durchgefroren nach Mitteleuropa zurück. Und darum liest er an einem Abend in Marseille, an dem viel zu erleben wäre, eher ein Buch von Claude McKay als etwas Neues zu erleben (oder etwas Neues nicht zu erleben).
 
Erfahrungen sind spezifisch, Literatur ist singulär. Eine literarische Erfahrung ist im Grunde nicht teilbar, nicht einmal mitteilbar. Alles was man tun kann, ist, sich in ihre Frequenz einzuklinken, auf das zu lauschen und zu schielen, was da ist und doch nicht da ist, ihrer Schrittfolge zu folgen oder sie mit einer leicht veränderten Schrittfolge zu unterlaufen. Vom Standpunkt der Literatur gesehen, ist Lesen (und Leben) darum weniger eine Frage des Verstehens, sondern vielmehr eine Frage von Taktung, Timing und Takt.
 
Das klingt ziemlich cool (ist es auch), aber es ist auch nicht ganz ohne Gefahr. Das Risiko, die afropäische Identität (wie jede Identität) aus der Perspektive der Literatur zu erkunden, hat unter anderem damit zu tun, dass es in der Literatur niemals um Identitäten geht. Wenn Johny also auf den Spuren Baldwins an der Côte d'Azur schreibt: "Es gibt eine gewisse Klarheit an der Peripherie, und wenn ein Schriftsteller auf eine objektive Wahrheit stößt und die Verhältnisse genau beschreibt, bekommt sein Werk eine vorausahnende und prophetische Qualität" (S. 352), dann sollten wir uns davor hüten, in dieser Klarheit etwas anderes als eine literarische zu sehen. Denn das Leben an der Peripherie verspricht alles andere als Klarheit, wenn die Busse nicht fahren, wenn die letzte Stadtteilbibliothek schließt, wenn auf der Schultoilette Crack vertickt wird, wenn der komplette Tageserwerb dafür draufgeht, es immer nur genau bis zum nächsten zu schaffen.
 
Und die Herkunft? An der ist nicht zu rütteln. Es ist eine weitere Qualität von Johnys Buch, dass es diese objektivste aller Tatsachen (die Herkunft) in der singulärsten aller Ausdrucksformen (der Literatur) festgehalten hat. Denn aus einer ganz bestimmten Perspektive zeigt sich etwas, womit Europa – das weiße Europa – am wenigsten rechnet: Die Tatsache, dass du bist, was du bist, und dass genau darin deine transformative Kraft liegen könnte. Denn bis zu einem gewissen Grad bist du der Geruch deiner Nachbarschaft, der Klang deiner ersten Platten und Tapes, die Genealogie deines Hautfarbentons, die Ängste und Träume deiner Eltern, die Visa und Aufenthaltsgenehmigung in ihren Pässen, deine durchgelaufenen Sportschuhe, deine peinlichen Tagebücher. Die eigene Herkunft abschaffen zu können, ist das wichtigste Versprechen der neoliberalen Technokratie. Es ist auch ihr einziges Versprechen. Es verspricht dir, irgendwann genauso weiß werden zu können wie die anderen, also die, denen genau das gleiche versprochen wurde. Die Freiheit aber, die Erfahrung und Literatur dir geben, besteht nicht in der Abschaffung der eigenen Herkunft. Sie besteht darin, der Herkunft genau den Raum geben (und nehmen) zu können, den du ihr geben (und nehmen) willst.
 
Literatur ist singulär, Erfahrungen sind spezifisch, Herkunft ist objektiv.

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