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Bread Between Us

Wann fing es an, wundern sich die Leute nach dem ersten Bissen vom europäischen Brot, vom europäischen Pan. Und ich bin versucht, mit einer Gegenfrage zu kontern: Wann fängt irgendwas an? Geschichten über den Anfang sind nie unumstritten, und diese wird es vermutlich noch weniger als die meisten sein – denn darin geht es um Brot, soll heißen, um Geschmack, was wiederum darauf verweist, dass sie sehr, sehr persönlich wird.

Von Priya Basil

Wann fing es an, wundern sich die Leute nach dem ersten Bissen vom europäischen Brot, vom europäischen Pan. Und ich bin versucht, mit einer Gegenfrage zu kontern: Wann fängt irgendwas an? Geschichten über den Anfang sind nie unumstritten, und diese wird es vermutlich noch weniger als die meisten sein – denn darin geht es um Brot, soll heißen, um Geschmack, was wiederum darauf verweist, dass sie sehr, sehr persönlich wird.

Wo also hat es angefangen? Sie wollen es unbedingt wissen, und ich muss antworten – das erwarten die Leute von mir, schließlich bin ich ein Kontinent, nicht der größte, beileibe nicht, sofern nicht gerade zählt, welcher am meisten vermasselt, denn darin bin ich spitze. Sicher, ich kenne düstere Zeiten, lange Schatten, unbeglichene Schuld. Fangen wir damit lieber gar nicht erst an. Jetzt nicht. Allein der Gedanke lässt mich geradezu erstarren. Widerstand formiert sich, Erinnerung versagt, Kämpfe brechen aus. Es gibt Versuche, das zu ändern, aber ehrlich gesagt, an mir ist vieles doch alt, langsam, widerborstig. Manches gelingt mir besser als anderes, nur Fehler einzugestehen oder zu korrigieren gehört nicht gerade zu meinen starken Seiten. Im Wachsen bin ich gut, mein Appetit war schon immer enorm – genau das aber hat zu Problemen geführt, weshalb es nun Bemühungen gibt, diesen Trieb zu zügeln oder ihn doch in andere Bahnen zu lenken. Stattdessen lieber die Phantasie wachsen lassen, Gemeinschaftsgedanken, praktizierte Großmut. Und Brot hilft.

Manchmal stelle ich mir vor, ich sei wie ein großer Laib mit vielen Körnern, vielen Samen, viel von allem für Alle. Solche Brote hat es einst offenbar gegeben, vor langer Zeit, als Heilige über die Erde wandelten und es Legenden in Hülle und Fülle gab: Vier Laibe, die fünftausend speisten. Wunderbrot. Auch so eine allseits geliebte Urgeschichte, selbst wenn viele glauben, heute würden derlei Wunder nicht mehr geschehen. Vielleicht aber hat sich nur unser Verständnis von Wundern geändert. Ist letztlich denn nicht alles möglich, wenn man es nur zulässt? So jedenfalls kam es zu den pan-Weisen, den Weisen des pan, pane, pain, psomi, pão, brood, Brot, Chleb, kubz und Ekmek. Weisen mit mehr Namen als ich aufzählen könnte. Sie schleichen sich an, kitzeln in der Nase, verlocken mit ihrem unwiderstehlichen Duft dessen, was vertraut und dennoch neu ist.

Es heißt, gerochen habe man diesen Duft – warm, frisch, tröstlich – zum ersten Mal in einem sehr kleinen Dorf mitten im Zentrum von Allem. An einem Ort wie dem, in dem du aufgewachsen bist. Ehrlich gesagt: Es war in deinem Dorf. Mag sein, du hast damals in einer Metropole gelebt, aber stimmt es letztlich nicht, dass wir, wo immer wir auch sind, in einer Art Dorf leben? Deine Straße, dein Park, dein Markt – die Gegenden, die du am besten kennst und wo man dich kennt. Es war dieser Duft von dort, von jenem Ort, dir am nächsten, der Menschen auf den pan-europäischen Pfad führte, diesen gewundenen olfaktorischen, auf Mehl und Wasser gründenden Pfad. Ein Pfad mit grenzenloser Duftvielfalt, denn Brot, dieses Grundnahrungsmittel, Mittel zum Leben, Brot lässt sich endlos variieren. Alle hätten dasselbe wie alle und zugleich ihre ganz eigene Variante haben können. Doch ich greife voraus, haste gierig zu rasch voran.

Die Bäckerei an der Ecke, weißt du noch? Der Hefegeruch in der Luft, im Fenster das glasierte Gebäck? Ihr wart so stolz darauf. Die köstlichsten Backwaren der Welt fand man dort. Allein der Duft war unwiderstehlich! Ein Duft, der dir zur Schule folgte. Mit knurrendem Magen hast du abgebissen, in der Nase ein Hauch von Gewürzen, hast dein Hemd mit Bröseln bekrümelt.

Was für ein Glück für uns! Niemand in Europa, erklärten die Leute im Dorf, hat besseres Brot! Und die Kunde verbreitete sich so zahlreich wie die Brösel auf deinem Hemd, erst in deinem eigenen Land, dann über die Grenzen hinaus. Manch einer war angetan, andere waren neidisch, manche wütend. Beweise wurden verlangt, und das Dorf lieferte. In alle Welt verschickte man Kostproben des duftenden Brots der Bäckerei gleich um die Ecke. Und überall wurde das Brot aufgeschnitten und geteilt, berochen und genossen, analysiert und kommentiert. Und jene, die aus eben diesem Anlass zusammenfanden, begann man Kumpane zu nennen. Man traf sich an Tischen in Cafés oder Hinterhöfen, in Küchen oder Gärten. Man brach das Brot. Einige aßen es gleich wie es war, andere bestrichen es mit regionalen Köstlichkeiten wie Feta, Streichrahm oder Nutella – und erklärten, es schmecke jetzt noch besser. Viele waren von unserem Brot begeistert, noch mehr aber fanden ihr eigenes Brot mindestens ebenso gut – wenn nicht besser. Um dies zu belegen, bereiteten sie eifrig Probierhäppchen zu und schickten sie nicht nur in unser Dorf, sondern auch in viele andere, quer über den Kontinent verstreute Orte, stets mit derselben Botschaft: Was für ein Glück für uns! Wir haben das beste Brot in Europa. Überall kosteten die Leute neuartiges Brot – und verschickten ihr Eigenes.

Zahllose Sorten wurden kreuz und quer durchs Land gesandt: knusprige Flöten, dunkelkompakte Roggenbrötchen, Semmel leicht wie Federkissen, mit Kräutern gewürztes Fladenbrot, mit Früchten und Nüssen gespickte Laibe, salzbestreutes Stangenbrot oder Teigwaren mit Teigtäschchen, die sich mit Vielerlei füllen ließen. Brotwinde bliesen verführerische Aromen über Felder und Hügel, durchwehten Tempel und Stadthallen, verdichteten sich an den Eingängen zu Banken und Bürogebäuden. Wohin man auch ging, lag ein duftendes Versprechen in der Luft: ein Hauch von Kardamom, Rosmarin, Kümmel, eine Spur von Alkohol, Olivenöl, Vanille, eine Andeutung von Käse, Zwiebel, Kartoffel. Ein Versprechen, das sich nicht genau fassen ließ und doch war man versucht, es zu abzulegen, einzulösen, wies es doch wie ein Verkehrszeichen auf andere Weisen des Zusammenseins hin, war ein Zeichen in Richtung Hoffnung.

Je mehr Brot in die Dörfer kam, desto häufiger lebten die Menschen mit neuen Düften, Geschmäckern, Klängen und Ideen. Einige wurden zum Experimentieren angeregt, passten ihre Backmethoden und Rezepte an, um neue Brotsorten zu kreieren. Manche waren fasziniert, nahmen Kontakt zu den ursprünglichen Bäckern auf, gaben Bestellungen ab, gründeten Brotfirmen. Andere fühlten sich veranlasst, in fremde Länder zu reisen, um das jeweilige Brot im Land seiner Herkunft zu kosten. Auf diese Weise wuchs die Zahl der Kumpane. Sie wurden mehr und mehr, verstreut über dem ganzen Kontinent: Brüder und Schwestern im Brote, und sei es nur für die Dauer einer Mahlzeit. Jene, die das Neue liebten, wurden Gebäckler gekannt. Sobald sie anfingen, sich auszutauschen, zu probieren und gemeinsam zu essen, waren sie zu allem bereit. Gründen wir eine Brot-Kumpanei, sagten sie, teilen wir unsere Laibe. Erst teilten sie das Brot in sechs Stücke, dann in neun, in mehr, schließlich in achtundzwanzig. Was für ein Glück für uns!, sagten sie sich. Besseres Brot für uns alle!

Doch gab es auch jene, die sich weigerten, nur einen Bissen vom pan zu kosten. Es sei gefährlich, behaupteten sie, giftig womöglich, sicher fatal, gar katastrophal. Gerüchte verbreiteten sich, nur wenig aber war bewiesen. In Haushalten und Restaurants, in Fabriken und Bäckereien ließ man unterdessen weiterhin Teig gären, fermentieren, still aufgehen, Teig, der nur darauf wartete, gebacken zu werden. Wer hätte je gedacht, das Produkt solch simpler chemischer Reaktionen könne Freundschaften besiegeln oder zu Feindschaften führen. Einige begannen gegen das zu agitieren, was sie geschmackloses Teigmischen nannten. Sie waren als Kein-Gebäckler bekannt und fürchteten den Verlust der Identität, denn wer ist man schon, isst man mehr als eine Sorte Brot? Bleib mir vom Laib!, sagten sie. Sie sammelten sich an den Grenzen, errichteten Checkpoints, zwackten sich in die Nase und setzten Patrouillen ein, damit nichts Neues mehr ins Land gelangte. Doch wie sehr sie sich auch mühten, wie viele Ingredienzien sie auch abfingen, es wurde nur allzu bald klar: Das Neue ist schon alt. Also begannen sie eine Kampagne: Schickt das Brot dahin zurück, wo es hergekommen ist! Sie stürmten alle Läden, die Brot verkauften, suchten nach brüskierenden Sorten, nur fiel es schwer, die eine von der anderen zu unterscheiden; alles war längst mit allem vermischt. Wie hatte es nur soweit kommen können?, jammerten sie. Vielleicht waren die Dinge ja auch verkneteter, als sie geahnt hatten. Einige der Kein-Gebäckler aber konnten sich nicht damit abfinden und klagten weiter. Früher einmal, da war Selbstgebackenes gut genug; jetzt wollen wir Brot von überall, das Eigene genügt uns nicht länger!“

Die Gebäckler machten sich Sorgen, und in ihren Herzen breitete sich ein Gefühl der Leere aus, ein Gefühl hohl wie der Klang von gebackenem Brot, klopft man von unten gegen die Kruste. Sie buken und aßen mit wachsendem Begehr, die tröstlichen Gerüche aber konnten die wachsende Sorge selbst der eifrigsten Kumpane nicht mindern, dass es womöglich nicht für alle reichte. Die Laibe, einst so zahlreich, wurden immer sparsamer aufgeschnitten, die Scheiben dünner; und man warf sich gegenseitig vor, der andere habe mehr erhalten, als ihm zustünde. Es gab Beschwerden über Brotverdiener und Brotschuldner; und immer weniger Leute waren bereit, auch nur ein kleines Stückchen abzugeben. Kein Kumpan, kein Brot!, forderte manch einer und war überzeugt, dies sei die einzig sinnvolle Antwort. Und je mehr man darüber redete, wie wenig noch übrig war, desto weniger schien es tatsächlich zu geben, dabei war noch reichlich vorhanden. Für jede Kumpanei, jede Gemeinschaft ist Freigiebigkeit so wichtig wie Hefe fürs Brot. Einige bunkerten eifrig und beklagten sich zugleich, nicht genug zu haben. Manche beharrten darauf, ihnen stünde mehr zu, als sie brauchten, auch wenn dies hieße, dass andere leer ausgingen. Und wieder andere verlangten, man, vor allem aber die Frauen, solle keinen Ärger machen und sich zufrieden geben mit dem, was zugeteilt wurde. Diese Wenigen summierten sich nach und nach, und als folgte der Ablauf einem Rezept für Katastrophen, brauten sich Streit und Zwist zusammen, bis eine Meute Kein-Gebäckler schwor, aller Welt zu beweisen, man könne von Weißbrot allein leben, die Scheiben vorzugsweise medium geschnitten und nur leicht getoastet, bestrichen mit Butter, mit dick Butter. Wir sind begeistert, verkündeten sie. Mehr Eigenes für uns allein! Mit einem Lachen schieden sie aus der Kumpanei aus und prahlten, der Mund butterfettig, mit ofenfertigen Plänen. Wollen doch mal sehen, wer das beste Brot hat! Ohne auf den Geruch nach Verbranntem zu achten, griffen sie die Mehlvorräte an, verschmutzten zunehmend das Wasser und leckten sich die Lippen in Vorfreude auf einen Laib Brot, den sie ganz für sich allein behalten konnten.

Bekümmert verfolgten die verbliebene Gebäckler das Geschehen, schüttelten den Kopf, weinten, doch dann machten sie sich eilends wieder ans Teigkneten, Backen, Brot tauschen und Brot brechen. Das war es schließlich, was sie alle zusammengeführt und vereint, was ihnen Dörfer und Welten eröffnet hatte. Wer stets allein isst, der bleibt hungrig, dachten manche. Andere sagten: Wir müssen von neuem beginnen, müssen es besser machen. Überall auf dem Kontinent begannen die Kumpane, sich pan-europäischer zu geben. Sie legten sich einmal im Jahr Hefe in die Schuhe, um an die Idee der Einheit und Gemeinsamkeit zu erinnern. Möge sie Schritt um Schritt aufgehen!, dachten sie hoffnungsfroh. Und möge sie lange währen, auf dass sich ihr immer mehr anschließen. Sie zierten die Brotkruste mit Sternen und versprachen, sich in neuen Konstellationen zu treffen, Veränderungen zu begrüßen. Jedes Frühjahr warfen sie Brotkrümel in Flüsse, wussten sie doch, wenn sich niemand um die Natur kümmert, muss das irgendwer übernehmen. Überall auf dem Kontinent lud man zu Mahlzeiten ein – nach öffentlichen Debatten, parlamentarischen Diskussionen, Gerichtssitzungen, ja nach jeder öffentlichen Versammlung, die an einem Tisch oder in der Nähe eines Tisches stattfand -, indem man Brot brach und einander als Kumpan auf dem Weg begrüßte, den man auch den Weg des Lebens nennt, jener Weg, dessen Verlauf sich dadurch entscheidet, mit wem wir ihn gehen und wie. Ein Weg ist immer ein Anfang, selbst wenn er zu enden scheint. Mit der Zeit wurde den Menschen klar, was das alte Sprichwort besagt: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Und sie sahen ein, dass nur geteiltes Brot wahrhaft Brot ist.

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