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Europa. So fern. So nah.

Wenn der Kompromiss das Gold der Politik ist, dann ist er das Blei der Demokratie. Man feiert die EU dafür, dass sie es schafft – wenn auch lahmend, vernarbt von Zugeständnissen, hinter sich eine Spur aus verstreuten „Grundwerten“ –, am Ende immer wieder zu einer Einigung zu kommen. Oft wird dieser Moment jubelnd in einer Silbe zusammengefasst: Deal! Dieses Midas-Wort vergoldet Tweets, leuchtet in Überschriften, verleiht seinen Vermittlern den Glanz des Erfolges. Doch bedenke: Aus „Deal“ wird im Englischen schnell sein Anagramm „lead“, Blei. So mancher Kompromiss setzt nach und nach Gifte frei; die toxische Wirkung mag nicht sofort erkennbar sein, doch letztlich schwächt sie just jene Menschen und Institutionen, die ein Abkommen unter Umständen schützen soll. So ist es auch mit dem kürzlich in Brüssel beschlossenen europäischen Konjunkturpaket und dem gemeinsamen Haushalt – ein in gewisser Hinsicht zweifellos bedeutender Deal, der jedoch auch einen gravierenden Fehler enthält. Noch nie kam Europa so nah, noch nie war Europa so fern.

Von Priya Basil

Im Rahmen der Verhandlungen wurde viel über die Rolle von Ländern gesprochen, die unwillig waren, Schulden zu teilen, und die auf demokratischer Rechenschaftspflicht bestanden, die sogenannten „Sparsamen Vier“. Dieser Spitzname – der ohnehin problematisch ist, weil er jene Art von nationalen Stereotypen propagiert, die eine spalterische Haltung zu Europa noch vertiefen – verschleiert die Tatsache, dass die anscheinend historische Einigung, die am 21. Juli 2020 erzielt wurde, in Wirklichkeit den sparsamen Kern der EU insgesamt bloßlegt; er enthüllt den völligen Mangel an Phantasie, der wirtschaftliche Belange stets über alles andere stellt. Selbstverständlich hängt das Wohl der Bürgerïnnen von der Wirtschaft ab. Selbstverständlich ist der finanzpolitische Impuls, der von diesem neuen Abkommen ausgehen soll, für viele lebenswichtig. Doch das Gefühl finanzieller Sicherheit allein – das dieses Abkommen ohnehin nicht genügend Menschen vermitteln kann, da es einen grünen Deal in eine diffuse Zukunft aufschiebt – führt bei den Bürgerïnnen nicht unbedingt zu einer positiven Einstellung der EU gegenüber. Die zunehmend autoritären, nationalistischen Tendenzen in allen Mitgliedsstaaten zeigen überdeutlich, dass es auf dem gesamten Kontinent kein tiefsitzendes, wirksames Gefühl von Gemeinschaft gibt. Der Binnenmarkt mag starke gemeinsame Handelsinteressen haben, doch ist es ihm nicht gelungen, genügend Bürgerïnnen auf ähnlich verschlungene Weise miteinander zu verbinden. Es braucht andere Maßnahmen, um ein kollektives Bewusstsein zu fördern, um ein greifbares Zusammengehörigkeitsgefühl zu entwickeln. Zum Beispiel einen europäischen Feiertag.
 
Nach den frühen eigennützigen Reaktionen der Mitgliedsstaaten auf die Pandemie, nach wochenlang geschlossenen Grenzen und allen möglichen Entbehrungen wuchsen selbst in vielen von uns Befürwortern der EU-Ideale die Zukunftszweifel – ganz zu schweigen von jenen, die davon noch nie überzeugt waren. Wir müssen die Hoffnung in das Projekt der europäischen Einheit dringend neu entfachen. Dies muss auf vielen Ebenen geschehen, und ein Feiertag ist ein wirksames Mittel, um wieder zueinander zu finden. Wir neigen dazu, die politische Kraft des Feierns zu unterschätzen, den Raum, den es eröffnet, indem es den Menschen erlaubt, anders zu denken und zu handeln, einander in anderer Stimmung zu begegnen. In diesen schwierigen Zeiten mag es widersinnig, ja sogar geschmacklos erscheinen, solche Begriffe zu verwenden, doch ich denke, jeder braucht die Aussicht auf Spaß, Vergnügen und Beisammensein. Solche Anlässe nähren uns, bringen uns einander näher und machen uns dadurch widerstandsfähiger.
 
Nationen machen sich die Macht von Feiertagen zunutze – wenn auch nicht immer zu hehren Zwecken –, eine Macht, die Narrative schafft, die Liebe und Treue zu all dem fördert, was dem jeweiligen Staat lieb und teuer ist. Das Potenzial eines staatenübergreifenden, säkularen Feiertags ist gewaltig, und es ist erschütternd, dass die EU es noch nicht versucht hat. Was würde geschehen, wenn wir die Macht eines solchen Feiertags jetzt nutzen, ihn als humanitäre Intervention einsetzten; als Akt der Dankbarkeit, der Aufmerksamkeit, der Gastfreundschaft; als eine Form von Entdeckung, von Erholung?
 
Überlegungen dieser Art waren nicht im Spiel, als die Staats- und Regierungschefïnnen in Brüssel zusammenkamen. Im Mittelpunkt stand vielmehr der abgewogene, vorsichtige Versuch, Schulden gemeinsam zu tragen – fraglos ein wichtiger Schritt, aber kaum ein Höhepunkt in Sachen Gastfreundschaft in einem Staatenbund, der sich als Union bezeichnet und von sich behauptet, Solidarität zu üben. Noch nie war Europa so fern. Alle taten so, als sei der Gipfel ein Basar, auf dem man feilscht, um für das eigene Land, oder gar die eigene Partei, das beste Geschäft zu machen. Alle hatten etwas zu verkaufen, wollten kaufen, alle maßen ihre Waren mit manipulierten Gewichten auf wackligen EU-Waagen: Die einen sackten höhere Rabatte ein, andere schnappten sich die Chance, fundamentale demokratische Verpflichtungen zu umgehen. Im Zwielicht des anbrechenden Tages schwenkten sie schließlich ihre Beute, erklärten einen „Deal“ und machten sich auf den Heimweg, im Gepäck das Blei, das sie für Gold halten.
 
Dabei gibt es das wahre Gold ja längst – im Austausch, wie er in Museen, Kinos oder Theatern stattfindet, in Büchern und Zeitschriften, an Restaurant- oder heimischen Küchentischen; ein Austausch, der aus den unzähligen kulturellen und kulinarischen Zutaten Europas entsteht, sprich aus der Welt in ihrer ganzen wunderschönen, komplizierten Vielschichtigkeit. Solche Formen von Gastfreundschaft verfügen über eine besondere alchemistische Kraft, sie bringen uns einander näher, indem sie berühren, verführen und amüsieren, bilden, überraschen und erfreuen. Sie versetzen uns in Momente der Verbindung und Erleuchtung, Momente, die wertvoller sind als ihr Gewicht in Gold. Die Anzahl und Reichweite dieser Momente zu erhöhen, ist für die Genesung der Europäischen Union ebenso wichtig wie Finanzpakete.
 
Dies ist mir schon seit langem klar, doch vertiefte sich mein Wissen darum in den ersten Monaten der Pandemie noch, als ich mit den verschiedenen Künstlerïnnen sprach, die an dem Projekt Europaküche teilnehmen, einem Projekt des Goethe-Instituts rund um das Thema Gastfreundschaft, das ich anlässlich der deutschen EU-Ratspräsidentschaft zusammen mit Eva-Maria Kleinschwärzer vom Goethe-Institut konzipiert und kuratiert habe. Diese Gespräche – die umso bewegender waren, als sie in einer Zeit des Abstandhaltens stattfanden, einer Zeit, in der sich der Gesellschaftsvertrag auf privater wie öffentlicher Ebene veränderte – gaben mir einen Vorgeschmack darauf, wie viele Antworten es auf jene Fragen geben mochte, mit denen ich mich schon lange beschäftigt habe: Was könnten wir tun, wenn sich uns eine offizielle Gelegenheit böte, Einheit in Europa zum Ausdruck zu bringen? Wohin würden wir gehen, wen würden wir treffen, welche Rituale würden wir entwickeln, was würden wir essen, wie würden wir miteinander teilen? Elf Künstlerïnnen in elf europäischen Städten haben gemeinsam mit Partnerïnnen vor Ort einzigartige Szenarien entworfen, um aus der Küchenperspektive einen kritisch-sinnlichen Blick auf Europa zu werfen. Während in Brüssel unter Berliner Aufsicht sechs Monate lang vermutlich das immergleiche Aroma des Geschäftemachens serviert wird, kommen überall in der EU elf kleine Mahlzeiten auf den Tisch, die ihren Biss aus einer ganz anderen Art von Würze beziehen: der Würze der Neugier, der Lust auf alle nur denkbaren Aromen. In Glasgow bekommen Menschen aus der Gegend Gelegenheit, ein von den Soul Food Sisters zusammengestelltes Vier-Gänge-Menü zu essen und dabei über ein Ideenmenü nachzusinnen, das Gedanken von vier Intellektuellen serviert – alles inspiriert von Black is a Beautiful Word. I & I und The Gaze, zwei Videoinstallationen der dänischen Künstlerin Jeannette Ehlers. In Chania auf Kreta wird ein festlich gedeckter Tisch auf einem öffentlichen Platz auftauchen und zum Abendessen einladen: Vom deutschen Künstler Mischa Leinkauf mit Hilfe von Studentïnnen der Insel aus einheimischen Materialien gebaut, wird der Tisch zu einer sozialen Skulptur, die das Potenzial des Raumes und derjenigen, die ihn betreten, transformiert. In Madrid heißt der ungarische Künstler Arpad Dobriban seine Gäste dazu willkommen, Zeit neu zu erleben, nämlich durch die Aromen einer limitierten, von ihm selbst speziell für Europaküche hergestellten Reihe eingemachter Früchte – angebaut in verschiedenen Ländern, geerntet in Kleinbetrieben, konserviert mit traditionellen Techniken –, die zu einer Sinnesreise über unser Verhältnis zu Orten, Zutaten und zu einander ermuntern. Und so geht es von August bis Dezember in vielen anderen wunderbaren Variationen weiter, wenn sich Menschen in unterschiedlichen Konstellationen versammeln, um – großzügig, offen, experimentierfreudig – Formen der europäischen Einheit zu verkörpern. Noch nie war Europa so nah.
 

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