Deutscher Dokumentarfilm Resümee der Duisburger Filmwoche und DOK Leipzig

Das Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm
Foto (Ausschnitt): Bertram Bölkow © DOK Leipzig

Die Dokumentarfilmszene spürt die Themen der Gesellschaft auf, das beweisen die jährlichen Festivals der Branche – und die Zuschauer strömen in Scharen zu den Vorführungen.

Will man einen Eindruck davon gewinnen wie es um den deutschen Dokumentarfilm steht, dann kommt man um die Duisburger Filmwochen und das Internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm (kurz DOK Leipzig) nicht herum.

Prämierte Dokumentationen

Die Duisburger Filmwochen finden seit 1977 jeden Herbst in Duisburg im Ruhrgebiet statt. Sie präsentieren Werke aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. 2011 zeichnete die Jury das Werk Carte Blanche der Schweizerin Heidi Specogna aus, das ein Verfahren am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag filmisch begleitet. Ein ganz anderes Thema behandelte Bernd Schoch mit seinem ebenfalls ausgezeichneten Werk Aber das Wort Hund bellt ja nicht – er beschäftigte sich mit dem Free Jazz der deutschen Band Schlippenbach Trio. Ein weiterer Preis ging an Theo Solnik für Anna Pavlova lebt in Berlin, das Porträt einer jungen Frau, die sich in der Hauptstadtmetropole durchschlägt. Für Aufsehen sorgte auch Die große Passionvon Jörg Adolphs: Die zweieinhalbstündige Dokumentation begleitet die Vorbereitungen für die Oberammergauer Passionsspiele und erhielt den Publikumspreis.

Bundesweit einzigartig ist am Duisburger Festival der Programmpunkt Doxs, eine eigene Reihe nur mit Dokumentarfilmen für junge Menschen. Die Preise in Duisburg werden von den Fernsehsendern Arte und 3sat sowie der Stadt Duisburg dotiert. Zudem vergibt das Goethe-Institut einen eigenen Dokumentarfilmpreis – dieses Jahr wurde die Auszeichnung beim Filmfestival in Leipzig verliehen, zuvor wurde der Preis im Rahmen der Duisburger Filmwoche verliehen.

Der Dokumentarfilm feiert Zuschauerrekorde

Das internationale Festival DOK Leipzig unter der Leitung von Claas Danielsen ist das älteste Dokumentarfilmfestival der Welt und, nach Amsterdam, das zweitgrößte in Europa. 300 Dokumentar- und Animationsfilme aus 47 Ländern waren 2011 zu sehen – ausgewählt aus ursprünglich mehr als 3.000 Einreichungen. Das Interesse beim Publikum ist offenbar groß, denn das Festival verzeichnet kontinuierlich steigende Zuschauerzahlen: Etwa 38.000 Besucher kamen zur 54. Ausgabe des DOK Leipzig – ein neuer Rekord.

Für preiswürdig hielt man in Leipzig dieses Mal Work hard, play hard von Carmen Losmann, eine Untersuchung der Mechanismen der modernen Arbeitswelt. Als bester deutscher Film galt Louisa von Katharina Pethke. Den Hauptpreis des Festivals bekam die mexikanische Regisseurin Tatiana Huezo für El lugar más pequeno (The Tiniest Place).

Der Programmschwerpunkt Arabischer Frühling bewies, dass Dokumentarfilmer extrem schnell auf politische und gesellschaftliche Veränderungen reagieren: Allein sechs Filme über die Revolutionen in Ägypten und Tunesien waren vertreten, einen Preis erhielt dabei Fragments of a Revolution über die gescheiterte Revolution im Iran – der Filmemacher beziehungsweise die Filmemacherin blieb aus Sicherheitsgründen anonym. Eine französische Produktionsfirma reichte den Film ein.

Neue Herausforderungen

Festivalleiter Claas Danielsen wies in seiner Eröffnungsrede allerdings auch auf die Probleme der Branche hin. „Wir sehen mit Unruhe, dass unabhängige Produktionsfirmen insolvent gehen oder aufgeben, weil sie von ihrer Arbeit nicht mehr leben können, während sendereigene Tochterfirmen ihre Marktposition ausbauen“, sagte er. Talente würden nicht ausreichend gefördert und die Redaktionen würden den Produzenten oft zu wenig finanzielle Unterstützung anbieten. Deshalb gab Danielsen die Gründung des „DOK Fonds“ bekannt, mit dem in Zukunft „künstlerische, innovative, riskante, mutige und visionäre Dokumentar- und Animationsfilmprojekte“ unterstützt werden sollen.

Im Zuge des Festivals gründete sich, als Reaktion auf die schwieriger werdenden Produktionsbedingungen, auch ein neuer Berufsverband für die deutsche Animationsfilmbranche: Die Arbeitsgemeinschaft Animationsfilm will konkrete Forderungen an die Politik und die Sender stellen. „Die deutschen Fernsehsender haben sich aus der Finanzierung und Koproduktion des beim Publikum beliebten Genres weitgehend zurückgezogen und kaufen ausländische Serien an“, heißt es in einer Mitteilung der Interessenvertretung.

Angesichts dieser Sorgen der Dokumentarfilmbranche verwundert es nicht, dass Filmemacher schon seit einiger Zeit mit neuen Finanzierungsmodellen experimentieren: Das sogenannte Crowdfunding bezeichnet das Sammeln von Spenden im Internet. Auf verschiedenen Websites können Künstler nun auch in Deutschland nach dem Vorbild der US-Website Kickstarter ihr Projekt bewerben und Interessierte um Hilfe bitten. So sammelte der Filmemacher Carl Fechner für seine kritische Öko-Dokumentation Die 4. Revolution mehr als eine Million Euro – auch dieser Erfolg lässt sich als Indiz werten, wie stark das Interesse am Dokumentarfilm ist.