Kinderfilmfestival LUCAS Klein-Hollywood am Main

Seit 1974 gibt es das Kinderfestival LUCAS.
Seit 1974 gibt es das Kinderfestival LUCAS. | Foto (Ausschnitt): Anna Leimbrinck © Lucas Filmfestival

LUCAS ist das älteste Kinderfilmfestival Deutschlands, 1974 hat es zum ersten Mal seine Pforten geöffnet. Die Kinder werden hier aktiv eingebunden, sitzen in der Jury und können sich selber als Filmemacher ausprobieren.

In den Stuhlreihen raschelt es gewaltig, aufgeregt rutschen die Kinder auf ihren Sitzen herum und sind kaum mehr zu bändigen. Der riesige Kinosaal ist rappelvoll. Als die Spannung unerträglich wird, springen sie auf und schreien „Vorsicht, pass auf!“ Denn gerade hat sich Indianer Joe ins Haus von Tante Polly geschlichen und das verheißt wahrlich nichts Gutes. Fast 600 Kinder und natürlich auch Erwachsene schauten sich die Weltpremiere, eine Neuverfilmung von Mark Twains Kinderbuchklassiker Tom Sawyer durch die Regisseurin Hermine Huntgeburth, an. Und Huck Finn, der zweite Teil, ist bereits in der Mache und wird im nächsten Jahr auf dem Festival laufen.

Mitspracherecht für die Kleinen

Das LUCAS Kinderfilmfestival Deutschland wird vom Deutschen Filminstitut (DIF) in Frankfurt am Main organisiert. Insgesamt 46 Filme aus 22 verschiedenen Ländern, ausgewählt aus über 360 Einreichungen, standen im Herbst 2011 auf dem Festivalprogramm. Die Wettbewerbsfilme werden im Originalton mit englischen Untertiteln gezeigt und zeitgleich mit der Aufführung durch professionelle Sprecher auf Deutsch eingesprochen. Und natürlich haben bei der Preisvergabe auch die kleinen Filmfans ein Mitspracherecht: Die Jury besteht aus vier Kindern und vier erwachsenen Filmexperten. Spielstätte ist das nach langer, aufwendiger Restaurierung kürzlich wiedereröffnete Deutsche Filmmuseum. In diesem nun hochmodernen und technisch herausragenden Zentrum für Filmkultur und Medienkompetenz gibt es auch Werkstatträume und im vierten Stock ein multifunktionales Filmstudio, in dem die Kinder sogar einen eigenen Trickfilm drehen können. Im sogenannten Aktiv-Bereich kann man ein Rollkino basteln oder mit einer Wundertrommel die Bilder laufen lassen. Gespräche mit Regisseuren, Filmemachern, Drehbuchautoren und Schauspielern ermöglichen den jungen Besuchern zudem einen Blick hinter die Kulissen. Die Medienkompetenzvermittlung läuft über das ganze Jahr verteilt weiter. Groß geschrieben werden Verknüpfungen mit dem filmpädagogischen Angebot der beiden Häuser. Das Deutsche Filminstitut (DIF) richtet auch die SchulKinoWochen Hessen (5. bis 16. März 2012) aus. 2012 findet das LUCAS-Filmfestival vom 2. bis 9. September statt.

Vier Fragen an Petra Kappler, Leiterin des Internationalen Kinderfilmfestivals LUCAS in Frankfurt am Main

Frau Kappler, was kann man Kindern filmisch zumuten?

Mehr als die meisten Eltern oder Erwachsenen denken. In unserem Wettbewerbsbeitrag Ways to live forever beispielsweise ging es um zwei leukämiekranke Jungs, die sich mit ihrer Krankheit und dem Tod auseinandersetzten. In Bon Voyage stirbt der Großvater und nur die Jüngste in der Familie scheint das zu kümmern. Ich würde aber nicht sagen, dass man einen Film zeigen muss, damit Kinder lernen mit dem Tod umzugehen. Jedes Kind hat das Recht zu sagen, das ist mir zu viel oder das mag ich nicht sehen. Das hängt auch ein bisschen vom Alter ab. Natürlich haben wir nicht nur tolle Geschichten darüber, wie schön es ist auf der Welt zu sein. Aber es sind immer Themen, die für Kinder wichtig sind. Die Filme müssen richtig gut gemacht sein und einem hohen Anspruch genügen – das geht nicht durch irgendwelche dramaturgischen Tricks.

Was gibt es für die Kleinsten und in welchem Alter sind die jüngsten Kinder, die zum Festival kommen?

Für Kinder ab drei Jahren haben wir eine Reihe für Minis. Das sind mehrere Trickfilme mit einer Gesamtspieldauer von maximal 40 Minuten. Aber auch viele Kurzanimationen liefen auf dem Festival wie zum Beispiel aus Schweden Fleck und Klecks beim Zahnarzt oder die deutsche Produktion Eintagsblume, wo eine Maus darauf wartet, dass eine Blume anfängt zu blühen und diesen Moment verpasst, weil sie einschläft. Daran kann man sehr gut sehen, wie Film eigentlich funktioniert – nämlich über die Bilder, über die Bildsprache, den Aufbau und über den dramatischen Raum. Wenn ein Film sich erklären muss und auch die Figuren ihren Charakter erklären müssen, dann stimmt irgendwas nicht.

Welche Länder führen derzeit den Rang in der Kinderfilmproduktion an?

Skandinavien liefert sehr viel Gutes ab. Die Niederlande waren in diesem Jahr ein großer Schwerpunkt. Sie hatten so viele Filme – inhaltlich und technisch brillant – eingereicht, dass wir sie gar nicht alle in den Wettbewerb packen konnten und daher ein eigenes Special aufgelegt haben. Insgesamt kommt der Iran als Filmland ziemlich stark wieder, auch im Kinderfilm. Italien ist leider fast gar nicht vertreten. Dort gibt es nicht so eine große Kinderfilmkultur und auch eine andere Art des Erzählens.

Welchen Stellenwert hat der deutsche Kinderfilm? Braucht er mehr Förderung?

Gerade erst im September hatten wir ein Symposium zu diesem Thema. Warum wird so viel mehr in anderen Ländern produziert? Das Problem ist bekannt. Anderswo kratzt es nicht am Image, wenn ernsthafte Filmemacher Kinderfilme machen. Da wundert man sich manchmal schon. Der deutsche Kinderfilm braucht mal einen richtigen Schub. Ich würde mir wünschen, dass sich noch mehr professionelle Filmschaffende mit dem Kinderfilm befassen, dass mehr berühmte Regisseure etwas in der Art machen. Hermine Huntgeburth ist eine sehr bekannte Regisseurin in der Filmszene, aber die Leute auf der Straße kennen sie nicht unbedingt. Dabei ist ihre aktuelle Neuverfilmung von Tom Sawyer richtig großes Kino. Da gruseln sich auch die erwachsenen Besucher!