100 Jahre Filmstudios Babelsberg Vom Glasatelier zur Filmstadt

Vor hundert Jahren fiel in Babelsberg die erste Klappe.
Vor hundert Jahren fiel in Babelsberg die erste Klappe. | Foto (Ausschnitt): © Studio Babelsberg AG

Im Februar 2012 feierten die Filmstudios in Babelsberg bei Berlin ihr 100-jähriges Bestehen. Ausstellungen und ein Buch zeigen die wechselvolle Geschichte der Studios.

Als Guido Seeber vor den Toren Berlins sein Glasatelier baute, wusste er noch nicht, dass er hier im Brandenburger Brachland, wo er aus „fotografischen Gründen“ das Sonnenlicht schätzte, den Grundstein für eines der größten Filmstudios legte. Es war auch keinesfalls abzusehen, dass der Film einmal als bewahrenswertes Kulturgut gelten und seine erste Produktion, Der Totentanz, genau 100 Jahre später aus Fragmenten frisch rekonstruiert einen Festakt krönen würde. Kintopp, das war damals ein noch sehr neues und unter Kulturbeflissenen nicht gerade hoch geschätztes Medium.

Festakt, Ausstellungen und Programme

Heute sieht das anders aus. Zum 12. Februar 2012, auf den Tag genau ein Jahrhundert nachdem im „Kleinen Glashaus“ die erste Klappe fiel und die Geburtsstunde des ältesten Großstudios der Welt einläutete, kamen internationale Gäste aus Wirtschaft, Politik und Kultur nach Babelsberg. Platz nahmen sie in der gigantischen Marlene-Dietrich-Halle, die 1926 während der Dreharbeiten zu Fritz Langs Metropolis entstand – und nach der Wiederaufführung des Stummfilmklassikers Der Totentanz unter Begleitung des Babelsberger Filmorchesters gab sich der Ministerpräsident des Landes Brandenburg Matthias Platzeck mit einem Empfang die Ehre. Aber mit einem Festakt ist es nicht getan. Gefeiert wird das Jubiläum in diesem Jahr vielerorts. Die Berlinale (9. bis 19. Februar 2012) würdigte das Filmschaffen in Babelsberg mit einem Sonderprogramm. Das Studio selbst wartet mit Filmvorführungen und Veranstaltungen fürs große Publikum in Kooperation mit dem Filmmuseum Potsdam und dem Thalia Kino auf, die unter anderem auf dem weitläufigen Areal der Studios stattfinden. Im Filmmuseum wurde bereits im November 2011 die ständige Ausstellung Traumfabrik – 100 Jahre Film in Babelsberg eröffnet. Zudem wird es ein Jubiläumsbuch in deutscher und englischer Fassung geben, 100 Years Studio Babelsberg. Es entstand in Zusammenarbeit mit dem Studio, dem Filmmuseum und der auf dem Studiogelände ansässigen Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf, befasst sich der wechselvollen Geschichte und enthält einen Bildteil mit bisher unveröffentlichten Fotografien.

Fester Platz im Reigen der großen Studios

Den Bildern vom Set widmet sich eine Sonderausstellung der Deutschen Kinemathek im Filmhaus am Potsdamer Platz in Berlin. Lange kaum beachtet, tritt hier einmal die Standfotografie in den Mittelpunkt und der Standfotograf ist hier nicht Hersteller von Werbematerial für eine Produktion, sondern Dokumentar vom Setgeschehen, von Arbeitsweisen, Arbeitsprozessen und der frühen Entwicklung technischer Möglichkeiten. Ergänzt wird die Ausstellung Am Set. Paris – Babelsberg – Hollywood, 1910 bis 1939, kuratiert von der Cinémathèque française Paris, durch einen Einblick in das Geschehen an den Sets von aktuellen Produktionen im Babelsberg von heute. Das Studio Babelsberg hat seinen festen Platz im Reigen und im Ringen der großen Studios um internationale Produktionen gefunden. Erfolgreiche Filme wie etwa Roman Polanskis The Pianist, Quentin Tarantinos Inglourious Basterds oder Roland Emmerichs Anonymus, die dort in den letzten Jahren entstanden, zeugen davon. Das Equipment, das technische Know-how, das weitläufige Areal und auch die Nähe zu Locations in Berlin machen den Standort für viele Größen der Branche attraktiv.

Bewegte Geschichte

Der Anschluss an das Jetzt wurde in Babelsberg voll und ganz vollzogen – und das trotz einer sehr bewegten Geschichte, mit der kein anderes Studio der Welt je zu kämpfen hatte. Denn kein anderes Großatelier der Welt hat einen derartigen Weg durch filmhistorische wie gesellschaftspolitische Veränderungen hinter sich. Babelsberg erlebte und überlebte vier verschiedene politische Systeme, die Monarchie, die Weimarer Republik, den Nationalsozialismus und die DDR. In Babelsberg, bis heute eng verbunden mit Namen wie Fritz Lang, Friedrich Wilhelm Murnau oder Ernst Lubitsch, wurde Filmgeschichte geschrieben. Es steht für große Werke der Stummfilmzeit, aber auch für Propagandastreifen und Erbauungsfilme der Ufa im Dritten Reich – sowie für das Filmschaffen der DEFA in der DDR. Mehrfach verlor das Studio eine Fülle von Mitarbeitern. Im Nationalsozialismus verließen viele Kreative wie Billy Wilder, Fritz Lang oder Fred Zinnemann das Land in Richtung Hollywood. Andere, vor allem jüdische Mitarbeiter und ideologisch anders Denkende wurden von den neuen Machthabern entlassen und waren der Willkür des Regimes ausgesetzt. Durch den Bau der Mauer, 1961, wurden Mitarbeiter, die in Westberlin lebten von einem Tag auf den anderen von ihren Arbeitsplätzen in Babelsberg abgeschnitten. Nach der Wende in der DDR und der Öffnung der Mauer herrschte zunächst Irritation. Man konnte nicht zum Alltag übergehen, als habe es die Zeit der Trennung nicht gegeben und ohne das seit Jahrzehnten völlig unterschiedliche Filmschaffen in beiden deutschen Staaten aufzuarbeiten. Im Studio Babelsberg von heute hat das alles seinen Platz. Es sind Facetten, Bestandteile seiner 100-jährigen Geschichte.