„Oh Boy“ von Jan Ole Gerster Vom langen Weg zur Anteilnahme

Tom Schilling als Niko in „Oh Boy“.
Tom Schilling als Niko in „Oh Boy“. | Foto (Ausschnitt): © Xverleih

Von Charlie Chaplins Tramp über Federico Fellinis „Vitelloni“ bis zu den Müßiggängern der Schwabing-Komödien wie „Zur Sache, Schätzchen“: dem reinen Nichtstun hat das Kino über die Jahrzehnte hinweg immer wieder hinreißende Komödien abgewinnen können, vor allem dann, wenn es um die unterschwellige und eher temporäre Verweigerung gegenüber jedweder Art tätiger Raffgier ging.

Auch der Debütfilm von Jan Ole Gerster Oh Boy gehört in diese Kategorie. Der junge Berliner Niko Fischer hat sein Jura-Studium aufgegeben; er lebt einfach in den Tag hinein, beobachtet eher distanziert die Menschen in der Stadt und lässt sich treiben. Vielleicht wartet er, dass das Leben in irgendeiner überzeugenden Weise auf ihn zukommt, ohne sein Zutun. Da kann er lange warten.

Zwischen grau und klar

Doch dann kommen 24 Stunden, die vieles verändern. Am Morgen steigt Niko aus dem Bett seiner Freundin und flunkert ihr was vor, um sie am Abend nicht treffen zu müssen. Gerade noch rechtzeitig erscheint er zu einer Vorladung; er wurde mit Alkohol am Steuer erwischt. Die Fragen des Psychologen klingen witzig, doch der Mann ist ein Routinier tückischer Unterstellungen: Niko verliert seinen Führerschein. Wenig später zieht ein Geldautomat seine EC-Karte ein. Das Leben scheint nun etwas unbequemer zu werden. Auch ein Nachbar sorgt dafür, der in Nikos karger Wohnung – ein symbolischer Ort sorgloser Vorläufigkeit – auftaucht, blöde Fragen stellt und heulend mit Klagen über seine Probleme zudringlich wird. Niko will nichts davon wissen: ein Horror für ihn, in irgendetwas involviert zu werden.

Selbst das Licht in diesem Film wirkt unentschlossen zwischen grau und klar, bis sich am Ende einer langen Nacht ein Schleier zu lösen scheint. Im Auto schimpft Nikos Freund Matze wütend auf Berlin: „Jemand sollte diese Stadt ausmisten!“ Niko erkennt das Zitat aus Taxi Driver sofort. Auch der junge Filmemacher Jan Ole Gerster scheint mit Martin Scorseses Werk eng vertraut zu sein. Oh Boy erinnert mit seiner Episoden-Struktur vor allem an After Hours (Die Zeit nach Mitternacht): auch so ein Film, in dem ein junger Mann ohne jemals wirklich einzugreifen durch eine Folge von Episoden getrieben wird, die nach einer langen Nacht ihr Ende finden.

Fehlende Perspektiven

In einer Kneipe taucht Julika auf, an die sich Niko kaum erinnern kann; sie erzählt, dass sie einst in der Schule heftig in ihn verliebt gewesen sei. Sie lädt Niko für den Abend zu einer „Theaterkunst-Performance“ ein; der Abend wird den jungen Mann eher ratlos zurücklassen. Matze nimmt Niko mit zu einem Filmset, gedreht wird ein Melodram über die NS-Zeit. Die Story klingt schwülstig. In der „Kunst“, wie sie Niko hier erlebt, kann der junge Mann weder eine Perspektive finden noch überhaupt einen Anlass, nach einer solchen zu suchen.

Von der Generation der Eltern hat Niko offenbar ohnehin nichts erwartet – abgesehen von der monatlichen finanziellen Zuwendung seines Vaters, der aber stellt seine Zahlungen ein, nachdem er erfahren hat, dass sein Sohn das Jura-Studium längst geschmissen hat. Die beiden treffen sich auf einem Golfplatz: zumindest in Deutschland ein Tummelplatz der Reichen und Privilegierten, zu denen Niko nicht gehören will, ohne dass er das je formulieren muss. Regisseur und Autor Jan Ole Gerster hat seine Schauplätze mit Bedacht gewählt; die Orte, an denen sich die Figuren bewegen, sagen immer auch etwas über sie aus. Dass dies nie plakativ, sondern eher beiläufig daherkommt, verdankt der Film der zurückhaltenden Inszenierung.
 
 

Radikal und ehrlich

Der Vater blättert Niko zum Abschied ein Bündel Geld auf den Tisch vorm Golf-Clubhaus, als könne er sich so vor weiterer Verantwortung freikaufen. Sie haben sich nichts mehr zu sagen, nicht einmal im Streit. Von einem Generationskonflikt erzählt Oh Boy nur noch indirekt – nämlich von seiner Abwesenheit. In diesen Momenten ist der letztlich so sanfte und oft auch heitere Film überraschend radikal und wohl auch ehrlicher als jene Arbeiten, in denen sich die Generationen offen bekriegen. „Meine Intention war es gar nicht, eine reine Komödie zu schreiben. Ich finde den Film vermutlich auch tragischer als andere Leute. Darüber hinaus glaube ich aber, dass Humor dabei hilft, Ernsthaftes zu erzählen“, so Jan Ole Gerster.

So wird Oh Boy zum auf 24 Stunden erzählte Zeit verdichteten filmischen Entwicklungsroman, in dem die wichtigen Impulse von den Alten ausgehen. Mit seinem Freund Matze besucht Niko einen jungen Dealer, der bei seiner leicht dementen Oma lebt. Niko findet sie weit interessanter als alle Drogen und umarmt die alte Dame zum Abschied: Das ist der erste wirklich zärtliche Moment des Films. Im Finale ist es ein alter Mann, der Niko in einer Kneipe, spät in der Nacht, anquatscht. Er erzählt von seiner Kindheit, von traumatischen Erfahrungen in den Zeiten des Nationalsozialismus. Anders als im Gespräch mit seinem Nachbarn hört der junge Mann nun wirklich zu. Wenig später ist der Alte tot – und Niko hat zum ersten Mal nicht nur Gefühle, sondern Verantwortung und Anteilnahme gezeigt. Am Ende eines langen Tages und der Erfahrung des kleinen Scheiterns erzählt Oh Boy vom Tod eines alten Menschen und vom Schritt eines jungen ins Leben. Es ist ein enormer Verdienst der Regie, dass dies nicht so pathetisch aussieht wie es hier vielleicht klingen mag.