Berlinale 2013 „Mein Sohn kümmert sich nicht mehr viel um mich“

Auf der Berlinale 2013 standen oft Familienthemen im Fokus. Szene aus „Das merkwürdige Kätzchen“
Auf der Berlinale 2013 standen oft Familienthemen im Fokus. Szene aus „Das merkwürdige Kätzchen“ | © Alexander Hasskerl

In zahlreichen Berlinale-Beiträgen waren 2013 die Protagonisten Familienangehörige. Doch nicht nur in den politischen Dramen – quer durch Sektionen und Genres zog sich das Thema des „Mikrokosmos Familie“.

Im Namen des Vaters

Ein Vater ist Gewinner der diesjährigen Berlinale in zwei Kategorien – der Bär für den besten Darsteller ging an Nazif Mujić für seine Verkörperung des verzweifelten Vaters in Epizoda u Životu Berača Željeza (An Episode in the Life of an Iron Picker), für den der bosnische Regisseur Danis Tanović gleichzeitig den Großen Preis der Jury (Silberner Bär) erhielt. Gestartet als Recherche einer wahren Begebenheit für einen Dokumentarfilm, entschied sich Oscar-Preisträger Tanović für eine Darstellungsart, bei der er die betroffene Roma-Familie sich selbst spielen lässt. Im Mittelpunkt steht dabei Vater Nazif. Gleich am Anfang lernt der Zuschauer seinen harten Beruf kennen – in mühevoller Handarbeit zerlegt er inmitten von Eis und Schnee Autos, um den Schrott zu verkaufen. Als er von der Arbeit zurückkehrt, erwartet ihn eine Katastrophe – seine schwangere Frau windet sich vor Schmerzen. Ihr ungeborenes Kind ist schon gestorben, nur eine schnelle Operation könnte sie retten. Doch was tun, wenn man weder Krankenversicherung noch Geld hat?

In W imie... (In the Name of; Teddy-Award als „Bester Spielfilm“) ist Gott, der „Vater im Himmel“ für Adam (Andrzej Chyra) kein leeres Versprechen: Erst spät hat der katholische Priester seine Berufung entdeckt – umso engagierter kümmert er sich jetzt um schwer erziehbare Jugendliche in der polnischen Provinz. Doch bald kann er vor seinen Gefühlen nicht mehr davonlaufen – Adam liebt Männer und das bringt ihn in einen folgenschweren Konflikt. Mit betörenden Bildern und großartigen Darstellern wagt sich die polnische Regisseurin Małgośka Szumowska emotional, doch nie voyeuristisch, an das Thema Homosexualität unter Priestern.

Mama ist die Beste

Gloria liebten alle – der chilenische Wettbewerbsbeitrag unter der Regie von Sebastián Lelio war Publikums- und Kritikerfavorit gleichzeitig. Die 59-jährige Gloria, geschiedene Mutter zweier erwachsener Kinder, möchte nach wie vor das Leben genießen. Mit geballter Lebenslust stellt sie sich energisch gegen die Herausforderungen des Alltags: egozentrische Kinder, treulose Liebhaber – um Glorias Stärke und Selbstironie beneidete diese sympathische Heldin jeder im Berlinale-Palast und freute sich mit Hauptdarstellerin Paulina García über den Goldene Bären als beste Darstellerin.

Zwar ist sie auch um die sechzig, doch sympathisch ist Cornelia (Luminiţa Gheorghiu), die Protagonistin in Calin Peter Netzers rumänischem Wettbewerbsbeitrag Poziţia Copilului (Child’s Pose) nicht. „Mein Sohn kümmert sich nicht mehr viel um mich“, stellt sie am Filmanfang fest und bald wird verständlich, warum der Sohn sich dieser monströsen Mutter entzieht. Nachdem er bei einem Verkehrsunfall für den Tod eines Kindes verantwortlich ist, versucht sie skrupellos, ihn um jeden Preis vor einer Haftstrafe zu bewahren und die Kontrolle über sein Leben zu erlangen. Die psychopathische Mutter-Sohn-Geschichte brachte dem Regisseur den Goldenen Bären für den besten Film. Eine gelungene Mischung aus privatem Psychodrama und dem Porträts einer kalten, korrupten Gesellschaft.

Auch in Layla Fourie (Wettbewerb) versucht die Berliner Regisseurin Pia Marais diese Verknüpfung von privater und politischer Ebene. Die alleinerziehende Mutter Layla will für sich und ihren Sohn ein besseres Leben im heutigen Südafrika erkämpfen. Doch das Ende der Apartheid hat noch längst nicht mit den Vorurteilen und Ängsten der Gesellschaft aufgeräumt. Als sie bei einer nächtlichen Autofahrt einen älteren weißen Mann überfährt, versucht sie, dies zu vertuschen. Ihren fünfjährigen Sohn macht sie jedoch damit zum Mitwisser, die gemeinsame Zukunft ist danach unsicher ...

Ob es so etwas wie „Mutterinstinkt“ gibt, stellt Isabella Rossellini (Berlinale Kamera 2013) mit Mammas (Forum Expanded) hingegen völlig in Frage. In einer Reihe von zweiminütigen Kurzfilmen sehen wir sie im Tierkostüm – unter anderem als Spinne, Vogel, Fisch, Hamster. Ironisch und witzig entblößt Rossellini dabei Stereotypen – keine Spur vom durch die Natur vorgegebenen „Mutterinstinkt“.

Und dabei gibt es Frauen, die sich so sehr darum bemühen – zum Beispiel in Nicolas Wackerbarths Halbschatten (Forum): Merle (Anne Ratte Polle) will alles andere, als die „böse Stiefmutter“ sein, als sie zum ersten Mal mit ihrem Freund und dessen Kindern aus erster Ehe Urlaub in Südfrankreich macht. Doch sie ist nicht willkommen. Die Ankunft ihres Freunds verzögert sich und alleingelassen mit den halbwüchsigen Kindern entwickelt sich ein psychologisches Machtspiel.

Ganz anders entwickelt sich die Mutterbeziehung in Die mit dem Bauch tanzt (Perspektive Deutsches Kino). Regisseurin Carolin Genreith begibt sich in der eigenen Lebenskrise auf die Suche nach ihrer Mutter. Deren befremdliches Engagement in einer Bauchtanzgruppe in einem Eifeldörfchen lässt die Regisseurin dabei die Mutter wiederentdecken – zum Schluss tanzen beide in Paris auf der Straße.

In der bewegenden Dokumentation Einzelkämpfer (Perspektive deutsches Kino) begleitet Regisseurin Sandra Kaudelka Spitzensportler der ehemaligen DDR. Wer systemtreu blieb, wurde zwar ungefragt mit Anabolika vollgepumpt, genoss aber zahlreiche Privilegien – wer sich auflehnte, wie die Weltrekord-Staffelläuferin Ines Geipel, wurde grausam bestraft. Das Ministerium für Staatssicherheit bewachte die Leistungsträger des Landes wegen ihrer Öffentlichkeitswirkung besonders stark. Geipel zum Beispiel wurde unter dem Vorwand einer Blinddarm-Operation zwangssterilisiert.

Schwestern und Brüder im Schweiß

Nach Paris führt uns auch Lars Kraume in Meine Schwestern (Panorama). Doch er erzählt die Geschichte einer Reise, an deren Ende der Tod wartet. Die drei herausragenden Darstellerinnen – Jördis Triebel (Linda), Nina Kunzendorf (Katharina) und Lisa Hagmeister (Clara), sorgen dafür, dass die Reise der Schwestern alles andere als depressiv wird. Linda ist todkrank und möchte die letzten Tage vor der Herz-OP mit ihren beiden ungleichen Schwestern – dem Kontrollfreak Katharina und der gescheiterten Künstlerin Clara – verbringen. Mit diesen Zutaten hätte der Film leicht sentimental abgleiten können. Doch Kraume und sein Ensemble halten die Balance und zeigen, wie die entfremdeten Schwestern sich ihrer Familienstruktur stellen müssen und so auf dieser letzten Reise zueinander finden.

Auf eine Reise begibt sich auch Sebastian Merz in Metamorphosen (Perspektive Neues Deutsches Kino). Er führt uns in seinem Dokumentarfilm in den Südural. Das 23.000 Quadratkilometer große Gebiet um die Kerntechnische Anlage Majak gilt als eine der am stärksten radioaktiv belasteten Gegenden der Welt. Mit dem Geigerzähler nähert sich Merz dem verseuchten Fluß Tetscha – nur das stetig lauter werdende Warnsignal ist zu hören, begleitet vom wild ausschlagenden Zeiger. Mit expressiven, zugleich konzentrierten Schwarz-Weiß-Bildern stellt Merz die sterbende Landschaft und ihre Bewohner vor. Wenn sie erzählen, woher sie kommen, haben sie keine Chance, einen Ehepartner zu finden. Wer kann, geht weg. Söhne und Töchter wird es hier nicht mehr lange geben.

Auch Yaki und Shaul lehnen sich auf. Sie können nicht mehr mit ansehen, wie ihr liebenswürdiger, depressiver Vater leidet und die Familie in den sozialen Abstieg gleitet. In Youth, dem Spielfilmdebüt des israelischen Regisseurs Tom Shoval (Panorama) schreiten die Söhne zur Tat – sie werden die Familie retten. Die Entführung einer Tochter aus wohlhabendem Elternhaus soll die Lösung bringen. Doch die brüderliche Allianz beschwört eine Katastrophe herauf.

Im Kontrast dazu: fröhliches Mitklatschen zur Filmmusik des Abspanns. Das passierte bei einer Vorführung von Ulrich Seidls Paradies: Hoffnung (Wettbewerb). Im dritten Teil seiner Paradies-Trilogie führt Seidl seine pubertierende Protagonistin Melanie (Melanie Lenz – eine weitere überzeugende Darstellerin, wie Bären-Gewinner Nazif Mujić keine gelernte Schauspielerin) in ein sogenanntes Diätcamp in der österreichischen Idylle. Seidl analysiert gewohnt rasiermesserscharf, doch nie verachtend. Wenn die Zuschauer am Ende zu If you’re happy and you know it, clap your fat! ironisch mitklatschen, dann wünschen sie sich, dass diese sympathischen dicken Schwestern und Brüder im Schweiß ihr Leben besser auf die Reihe bekommen als die Eltern, die sie in die Diäthölle geschickt haben.

Es bleibt in der Familie

In ein Diätcamp würden die Protagonisten aus Exposed, dem Dokumentarfilm der New Yorker Underground-Künstlerin Beth B. nie gehen. Hier steht „Otherness“, das bewusste „Anderssein“ im Zentrum. Die eigene Sexualität wird politisch eingesetzt – als Gegenentwurf zu einer Gesellschaft, die mit Schönheitsidealen und politischer Konformität ein angepasstes System von Werte und Normen vorgibt. Vertreter der Neo-Burlesque-Szene zeigen provokativ und selbstbewusst, wie man mit dem eigenen Körper ein politisches Statement setzen kann – transsexuell, übergewichtig, behindert, „normal“ – gesellschaftliche Etiketten spielen hier keine Rolle. Eine selbstgewählte starke Familie.

Auf eine solche lässt auch José Luis Valles in Workers (Panorama) treffen. Als die tyrannische reiche Doña stirbt, hinterlässt sie ihr Erbe dem verhätschelten Windhund Princesa. Erst nach dessen natürlichen Tod sollen Pflegerin, Haushälterin und Chauffeur, die sich seit Jahren aufopferungsvoll um Herrin und Hund kümmern, in den Genuss des Erbes kommen. Um den Preis eines eigenen Familienlebens gebracht, schweißt diese Situation das Hauspersonal als Ersatz-Familie zusammen: Man vertraut sich, man schmiedet einen gemeinsamen Plan, man rächt sich effizient. Ironisch und abgründig zugleich zeigt der Film Überlebensstrategien in der ungerechten Gesellschaft des heutigen Mexikos.

Eine Familie sind die Zwei Mütter (von Anne Zohra Berrached/ Perspektive Deutsches Kino) zwar noch nicht, doch sie wären es gern. Der Gewinnerfilm des Preises Dialogue on Perspectives erzählt in semi-dokumentarischer Weise von der schwierigen Familienplanung eines lesbischen Paares. Auch hier muss das familiäre Glück gegen die ungerechten Regeln der Gesellschaft erkämpft werden. Eine Situation, die die innige Beziehung aufs äußerste belastet.

Auf den ersten Blick alltäglich wirkt dagegen die Berliner Familie, die Ramon Zürcher in Das merkwürdige Kätzchen (The Strange Little Cat, Forum) vorstellt. Der Film zeigt ein Wochenende mit Familie und Haustieren und am Ende ist klar: Nur das titelgebende Kätzchen verhält sich eigentlich normal. Eine Mutter (Jenny Schily), die mit Aussagen wie „All die armen Spatzen, die deinetwegen sterben werden”, die kreischende Tochter Clara drangsaliert, explodierende Glasflaschen im Kochtopf und ein melancholischer Hund bilden ein durchorchestriertes Kammerspiel, in dem man nicht weiß, ob man weinen oder lachen soll und immer wieder überrascht wird.

Vorhang zu und alle Fragen offen

Der Struktur eines Kammerspiels folgt auch Jafar Panahis Pardé. Pardé bedeutet „Geschlossener Vorhang“. Der zu 20 Jahren Berufsverbot und sechs Jahren Gefängnis verurteilte Regisseur drehte in nur drei Tagen im Verborgenen in einer Villa am Kaspischen Meer. Eine konzentrierte Metapher über die politische Situation im Iran – im Mittelpunkt ein Mann, eine junge Frau und ein Hund. Panahi spielt dabei in seinem eigenen Film mit, er zieht einen geschlossenen Vorhang auf. Doch wenn Hauptdarsteller und Hund in einen dunklen Verschlag flüchten, wird es wieder schwarz auf der Leinwand – der lakonische Kommentar des Regisseurs zu seiner eigenen Situation. Der Silberne Bär für das beste Drehbuch ehrte zwar erneut den ungebrochen Schaffenswillen Panahis, doch dem Co-Regisseur Kamboziya Partovi und der Darstellerin Maryam Moghadam wurden nach ihrer Rückkehr in den Iran die Reisepässe eingezogen.

Die Jury der Berlinale vergab 2013 fast alle Preise an jüngere Regisseure und honorierte so deren neue Perspektiven für das Kino.