Andreas Dresen im Interview „Geschichten, die vor der eigenen Haustüre spielen“

Kritische Auseinandersetzung ist ein Thema, das den deutschen Regisseur Andreas Dresen sehr beschäftigt: Er filmte den CDU-Politiker Henryk Wichmann beim Wahlkampf in der deutschen Provinz, als frisch ernannter Laienrichter will sich Dresen selbst einbringen, und als Jury-Mitglied bei der Berlinale 2013 fällte er ebenfalls Urteile.

Andreas Dresen, 2009 Andreas Dresen, 2009 | Foto: Petr Novák, Wikipedia CC BY-SA 3.0 Herr Dresen, in Ihren beiden Dokumentarfilmen über den CDU-Politiker Henryk Wichmann begleiten Sie den Lokalpolitiker im Abstand von einigen Jahren beim Stimmenfang. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Der erste Film ist 2002 während des Bundestagswahlkampfs entstanden. Es war eine Auftragsarbeit für den Bayerischen Rundfunk. Ich und andere Spielfilmregisseure wurden gefragt, ob wir für eine Fernsehreihe mit dem Titel Denk ich an Deutschland einstündige Dokumentarfilme machen könnten. Ich fand das eine tolle Idee. Es war gerade Wahlkampf, und normalerweise renne ich dann vor den Kandidaten und ihren auf der Straße aufgestellten Schirmchen davon. Aber ich dachte mir, das ist irgendwie auch nicht fair. So entstand die Idee, sich mit der Kamera unter ein Schirmchen zu stellen. Ich wollte das nicht in meinem Wohnort Potsdam machen, wo es den Leuten ja sehr gut geht, sondern lieber im Brandenburger Randgebiet.

Wieso haben Sie gerade Henryk Wichmann für das Filmporträt ausgesucht?

Ich wollte einen Kandidaten einer Partei nehmen, die ich selbst nicht unbedingt wähle, um die notwendige dokumentarische Distanz zu wahren. Außerdem erzähle ich gerne Verlierergeschichten – in Brandenburg bekommt die CDU kein Bein auf den Boden. Ich rief bei der CDU-Pressestelle an und traf dann zwei nette junge Kandidaten, die haben gelacht und gesagt, sie seien alle CDU-Verlierer. Aber ich wollte einen, der mit großem Einsatz kämpft. So kam ich zu Henryk Wichmann, der damals erst 24 Jahre alt war und in der Uckermark gegen Markus Meckel, ein SPD-Urgestein und letzter DDR-Außenminister, antrat. Wir beide sind schnell ein Paar geworden.

„Eine Demokratie kann nur gut sein, wenn die Beteiligten sie ernst nehmen“

Sie selbst wurden zum Laienrichter für das Verfassungsgericht Brandenburg berufen. Sehen Sie dies als persönliche Aufgabe oder auch als Ihre Verantwortung als öffentliche Person und Künstler?

Ich habe mich erst einmal über den Vorschlag gewundert. Aber er kam zum richtigen Zeitpunkt, weil ich gerade mit dem zweiten Wichmann-Film in Deutschland unterwegs war und mich viel mit Demokratie beschäftigte. Man erlebt ja im zweiten Film viele Gespräche, in denen die Bürger kein sehr beglückendes Bild abgeben. Eine Demokratie kann aber nur gut sein, wenn die Beteiligten sie ernst nehmen. Ich bin der einzige Laienrichter in Deutschland, obwohl es dieses Amt in verschiedenen Länderverfassungen gibt. So bekomme ich auch einen anderen Blick auf die Probleme im Land und kann auch durch meine Arbeit, bei der ich ja viel unterwegs bin und viele Bereiche kennenlerne, vielleicht etwas anderes einbringen als ein Jurist das kann.

„Auf großen Festivals gibt es Keilereien“

Sie sind ja vor allem für Ihre Spielfilme und den Ihnen eigenen realistischen Stil bekannt. Andere Filmmacher wollen das Publikum in eine Traumwelt entführen. Warum ist Ihnen der Wirklichkeitsbezug so wichtig?

Der europäische Kinomarkt steht unter dem großen Druck der amerikanischen Filmindustrie. Ich glaube, wir sind in Europa schlecht beraten, wenn wir die US-Blockbuster kopieren, wir haben keine besseren Stars und können keine besseren Explosionen machen. Die Leute haben ein berechtigtes Interesse an Geschichten, die vor ihrer eigenen Haustüre spielen. Manchmal kann die Reise ins eigene Wohnzimmer spannender sein als in eine ferne Galaxie.

Für die 63. Berlinale im Februar 2013 wurden Sie zum Jury-Mitglied ernannt. Wie kam es dazu?

Der Festivaldirektor Dieter Kosslick ernennt die Mitglieder, ich weiß nicht, ob er das alleine macht, aber er hat mich angerufen. Ich war ja nun oft bei der Berlinale, saß auch schon einmal in der Kurzfilm-Jury und kenne das Festival aus unterschiedlichen Perspektiven.

Wie geht die Jury bei der Beurteilung der Filme vor?

Unsere Urteilsfindung ist, im Gegensatz zum Brandenburger Verfassungsgericht, streng geheim. Wir treffen uns, schauen uns gemeinsam die Filme an und fällen eine Entscheidung. Die Mehrheit entscheidet, erfahrungsgemäß gibt es aber gerade bei großen Festivals Keilereien. Es geht da einfach um sehr viel, und außerdem gibt es beim Urteil über Kunst keinerlei Gerechtigkeit: Wir fällen in jedem Fall ein ungerechtes Urteil, ich hoffe nur, dass sich die Ungerechtigkeit auf recht hohem Niveau bewegt.
 

Andreas Dresen wurde 1963 in Gera geboren. Von 1986 bis 1991 studierte er an der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam-Babelsberg. Seit 1992 ist er selbstständiger Autor und Regisseur. Außerdem inszeniert Dresen am Theater und an der Oper, ist Mitglied der Akademie der Künste, der Europäischen Filmakademie sowie Gründungsmitglied der Deutschen Filmakademie. Er lebt in Potsdam.