Frauenfilm Was ist das?

Ist Frauenfilm ein quotenträchtiges Genre oder ein politisches Statement?
Ist Frauenfilm ein quotenträchtiges Genre oder ein politisches Statement? | Foto (Ausschnitt): Justin Hershey © iStockphoto

Frauenfilm – ist das ein quotenträchtiges Genre oder ein politisches Statement? Wie steht es beim Film um die Gleichberechtigung? Hinter dem Begriff Frauenfilm verbirgt sich eine widersprüchliche Geschichte mit vielen offenen Fragen.

Frauen fühlten sich von Beginn an vom Kino angezogen. Schon 1914 stellte die Soziologin Emilie Altenloh fest, dass das neue Massenvergnügen die Möglichkeit bot, aus dem patriarchalisch reglementierten Alltag auszubrechen. Stars wie Asta Nielsen ironisierten traditionelle Frauenbilder und feierten aufmüpfige abenteuerlustige Frauen.

Filme zum Weinen

„Weepies“ – Filme zum Weinen schön – galten in Hollywoods Blütezeit bis in die 1950er-Jahre als das Genre des Frauenfilms, für das gezielt Drehbuchautorinnen engagiert wurden. Die Filmindustrie bot dem weiblichen Publikum fantastisch stilisierte Stars und mondäne Femmes fatales. Letztendlich dominierten aber die archaischen Frauenbilder der Jungfrau, Mutter und Hure, auch wenn ab den 1930er-Jahren im Kino die kluge, witzige, nicht zuletzt berufstätige Gefährtin als Leitbild beschworen wurde. Vereinzelt investierten Schauspielerinnen in Produktionsfirmen, um bessere Rollen zu finden, doch die mächtige Filmindustrie blieb ein männlich dominiertes Terrain. Regisseurinnen wurden verdrängt und auch Künstlerinnen wie Maya Deren, die mit semiprofessionellen 16mm-Kameras eigene avantgardistische Filmsprachen entwickelte, blieben marginalisiert.

Erst die Frauenbewegung im Zug des 1968er-Aufbruchs bewirkte internationale Veränderungen. Die Emanzipation von männlicher Bevormundung wurde zu einem wichtigen Element der Gesellschaftskritik. Auf vielen Gebieten forderten Feministinnen die weibliche Selbstbestimmung ein und problematisierten Lebensentwürfe, Rollenbilder und Arbeitsverhältnisse, die Frauen benachteiligten. Lesben und Transsexuelle stellten die Frage nach der Herrschaftsstruktur heterosexuell dominierter Gesellschaften.

Aufbruchstimmung

Im Schwung dieser Emanzipationsbewegung erlebte das Kino der Regisseurinnen auch in Deutschland einen einzigartigen Aufbruch. Frauen drängten in die neu gegründeten Filmakademien, beanspruchten ihren Anteil an Filmförderung und öffentliche Aufmerksamkeit. Helke Sander, Helma Sanders-Brahms, Ulrike Ottinger, Margarethe von Trotta, Elfi Mikesch, Jeanine Meerapfel und andere waren die ersten, deren Filme auf internationalen Festivals, in Programmkinos und im Fernsehen bekannt wurden. Sie arbeiteten zwar in unterschiedlichen Stilformen, gaben der weiblichen Welterfahrung jedoch zumeist aus der subjektiven Perspektive Gesicht und Stimme. Auch neue Produktions- und Verleihstrukturen in Händen von Frauen etablierten sich. Die aufblühenden Programmkinos boten Filmemacherinnen ein Forum. Die Zeitschrift Frauen und Film, 1974 von Helke Sander gegründet, entwickelte sich zu einer lebendigen Plattform für Diskussionen. Die realistischen sozialkritischen Erzählweisen von Helke Sander und Margarethe von Trotta, die essayistischen Filmformen von Elfi Mikesch und Jutta Brückner, die fantasmagorischen Bildwelten von Ulrike Ottinger und die Dokumentarfilme von Helga Reidemeister repräsentierten eine Vielfalt, die als eindeutig definierte weibliche Filmsprache nicht zu fassen war.

Heute ist die Gleichstellung der Geschlechter an den Filmhochschulen erreicht. Der Beruf der Kamerafrau ist etabliert, Frauen arbeiten als Produzentinnen und Producer und entscheiden in Gremien und Fernsehanstalten mit. Auf den ersten Blick herrschen paritätische Startbedingungen, doch immer noch landen Filmemacherinnen ungleich häufiger im Low-Budget-Film und im Dokumentarfilm, können nur in Ausnahmefällen eine durchgängige künstlerische Karriere aufbauen. Die Frage nach der Vereinbarkeit von Kindern und Karriere bleibt für viele ungeklärt, so dass sie am Ende eher prekär bezahlte Jobs in der Film- und Fernsehproduktion annehmen. Doch auch ihre männlichen Kollegen sind von den Folgen einer inflationären Vermehrung der Filmhochschulen bei gleichzeitigem Rückgang kontinuierlicher Karrierechancen und bezahlter Arbeit betroffen.

Filmmacherinnen heute

Vielleicht bedingt die unübersichtliche Krise der Kultur, dass Regisseurinnen ihre Filme heute nicht als Teile eines spezifisch feministischen Diskurses verstehen. Dennoch kreisen auch die Filme und Filmthemen der etablierten Doris Dörrie, Caroline Link, Hermine Huntgeburth zumeist um die klassischen Muster des weiblichen Filmschaffens, also den Nahbereich zwischenmenschlicher Beziehungen, der besonders Regisseurinnen zugetraut wird. Auch die jüngeren Maren Ade, Valeska Grisebach, Sandra Nettelbeck, Conny Walther und viele Fernsehspielregisseurinnen gehören zu den Repräsentantinnen einer Generation, die die Mikro-Perspektive ihrer Narration nicht als Mangel, sondern als persönliche Chance betrachten.

Die Töchter und Enkelinnen der 1968er-Generation gehen von der Gender-Gleichberechtigung aus. Frauenfilmfestivals, überhaupt das Etikett Frauenfilm, werden oft eher als Stigma empfunden. Der Wunsch, nicht in die „Frauen-Schublade“ gesteckt zu werden, bestimmt ihre Entscheidungen für Festivalpräsenzen, Verleih und Promotion ihrer Filme. Vorbilder sind die Protagonistinnen des deutschen „Frauenfilms“ nur in Einzelfällen, denn die Ausbildungs-, Förder- und Vermarktungsstrukturen haben sich – wie überhaupt der Begriff der Filmkultur – unter neoliberalen Vorzeichen grundlegend verändert. Nicht zuletzt sind Regisseurinnen wie ihre männlichen Kollegen mit der tiefen Krise des Kinos im digitalen Zeitalter konfrontiert. Dennoch zeigt sich ein neues Interesse an der Frage des weiblichen Blicks und dessen Exklusion – nicht zuletzt in einer internationalen Protestaktion gegen die Ausgrenzung von Regisseurinnen beim Filmfestival in Cannes 2012.