Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin „Filme müssen sich politisch verhalten“

Die Deutsche Film- und Fernsehakademie in Berlin.
Die Deutsche Film- und Fernsehakademie in Berlin. | Foto: © Deutsche Film- und Fernsehakademie

Seit September 2010 ist Regisseur Jan Schütte, Jahrgang 1957, Direktor der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin/DFFB. Als lebendig und schön empfindet er die Zusammenarbeit mit den Studenten. Eigene Filmprojekte müssen zunächst zurückstehen, erklärt Schütte im Interview mit Goethe.de.

Herr Schütte, in welche Richtung lenken Sie das Schicksal der DFFB?

Ob ich ihr Schicksal lenken kann? Ich glaube, da wird der Direktor überschätzt. Die DFFB ist eine Institution mit einer Tradition, einem eigenen Weg und eigenen Sichtweisen. Zunächst lernt man solch eine Schule kennen und dann versucht man, Dinge weiterzuentwickeln und zu verbessern. Schritt für Schritt.

Anders gefragt – welchen Herausforderungen begegnen Sie als Leiter der Hochschule?

Auch wir als Hochschule bewegen uns nicht in einem Kokon, sondern bereiten junge Filmemacher auf den Markt vor. Daher geht es um Fragen wie: „Wie geht man inhaltlich mit Digitalisierung um?“ Denn wir müssen die Studenten ja auch auf eine neue digitale Welt vorbereiten, aus der sich andere, neue Erzählformen entwickeln. Dann beschäftigt uns die Frage, wie wir die Drehbuchabteilung stärker in die Akademie einbinden. Und auch die Internationalisierung ist eine weitere wichtige Aufgabe, die mir mit auf den Weg gegeben wurde. Da sind wir in eineinhalb Jahren schon sehr weit gekommen. Wir arbeiten unter anderem mit der La Fémis in Paris zusammen, mit der London Film School, mit der FAMU in Prag, es gibt einen regen Austausch mit der Columbia University of the Arts in New York und Cal Arts in Los Angeles. Wir sind außerdem die Filmhochschule mit den meisten internationalen Studenten in Deutschland. Dadurch entsteht eine Lebendigkeit, die inspirierend und befruchtend für alle ist.

Die DFFB ist die kleinste, zugleich aber eine der renommiertesten Hochschulen Deutschlands. Was macht ihr besonderes Profil aus?

Wir legen hier Wert auf zwei Dinge: Die Regisseure drehen sehr persönliche Filme. Und: Wir machen narratives Kino, es geht uns darum, Geschichten zu erzählen – unabhängig davon, ob sie dokumentarisch, fiktional oder experimentell sind. Denn natürlich sollen alle Filme auch gesehen werden, sei es von einem sehr speziellen oder einem großen Publikum. Linus de Paoli hat mit Dr. Ketel beispielsweise einen sehr experimentellen Spielfilm gedreht, der aber zugleich eine spannende Erzählung ist und auf allen Festivals der Welt läuft.

Die DFFB steht seit ihrer Gründung 1966 in dem Ruf, sich als politische Hochschule zu verstehen. Wie wichtig ist Ihnen dieser Anspruch?

Filme müssen und sollen sich politisch verhalten – wie immer man das definiert. Aber dahinter steht ja die Idee eines kritischen Filmemachens, sich mit bestimmten Themen zu beschäftigen. Das möchte ich weiter forcieren. Gleichzeitig gibt es eine sehr ästhetisch geprägte Diskussion in der DFFB. Eine Akademie muss Raum für alle geben, für alle Möglichkeiten.

Als Sie im September 2010 Ihr Amt antraten, gab es seitens der Studenten auch Proteste gegen Ihre Berufung. Wie ist die Situation mittlerweile?

Nach einer langen Interimsphase war es sehr unruhig in der Akademie. Das birgt natürlich Missverständnisse, ebenso wie Wünsche und Sehnsüchte nach bestimmten Perspektiven und Leuten. Ich habe das nie persönlich genommen. Inzwischen empfinde ich es als eine sehr gute Zusammenarbeit mit dem Team der DFFB und den Studenten. Wir versuchen, die Akademie gut aufzustellen, sehr gute Leute als Dozenten zu holen. Und das merken die Studenten natürlich. Wir hatten Claire Denis hier, Bela Tarr kommt regelmäßig, Wayne Wang, Christine Vachon – alles Kollegen, die für die Studenten wichtig sind und zum Profil der Schule und der Ausbildung beitragen.

Sie selbst haben Literatur, Philosophie und Kunstgeschichte studiert. Welche Vorteile bringt eine Filmhochschule heutigen Studenten überhaupt?

Das große Plus einer Filmhochschule sind die Kontakte, die Möglichkeiten der Vernetzung und des kritischen Austauschs mit den Kollegen. Davon profitieren alle am meisten. Bei mir hat sich alles aus der Arbeit heraus entwickelt, eines entstand aus dem anderen. Ich habe bereits während meines Studiums mehrere Kurzfilme gedreht und viel fürs Fernsehen gearbeitet. Als ich 30 Jahre alt war, hatte dann Drachenfutter, mein erster Spielfilm, seine Premiere. Dadurch dass ich nicht Film studiert habe, war vielleicht vieles etwas entspannter und lockerer.

„Drachenfutter“ hatten Sie ja bereits zwei Jahre vorher als Dokumentarfilm herausgebracht.

Ja, ich hatte einen kurzen Dokumentarfilm über einen pakistanischen Rosenverkäufer in Hamburg gedreht. Aber ich hatte dann das Gefühl, hier an meine dokumentarischen Grenzen gestoßen zu sein und die Geschichte noch einmal neu als Fiktion erzählen zu müssen. Damit war dann ein ganz wichtiger Schritt passiert.

„Drachenfutter“, „Auf Wiedersehen Amerika“ oder „Love Comes Lately“ – in Ihren Filmen geht es häufig um marginalisierte Menschen, Außenseiter, Getriebene. Was reizt Sie an diesen Stoffen?

Das sind Geschichten und Menschen, die mich faszinieren. Es fing an mit den Asylanten und Immigranten in Drachenfutter, einem Film, der für mich bis heute leider nichts an seiner Aktualität verloren hat. In Auf Wiedersehen Amerika sind es europäische Emigranten, die kurz nach der Wende von New York nach Polen zurück wollen, aber in Deutschland stranden. Max, der jüdische Schriftsteller in Love Comes Lately, ist auch im Alter noch immer auf der Reise, sitzt im Zug. Unterwegssein, die Suche nach Heimat, das sind offenbar meine Themen.

„Love Comes Lately“ entstand 2007 und ist ihre bislang letzte Regiearbeit. Vermissen Sie das Filmemachen?

Im Moment muss ich mich auf die DFFB konzentrieren und habe gar keine Zeit für eigene Filmprojekte. Andererseits war die Finanzierung auch häufig sehr mühsam. Ich habe danach aber noch fürs Fernsehen inszeniert, was ich sehr genossen habe. Vielleicht probiere ich in der Zukunft auch andere Formen aus. Im Moment kann ich mit den Studenten arbeiten, wo man nochmals viel lernt und trainiert. Das ist auch wieder sehr lebendig und schön und es macht mir große Freude.
 

Das Goethe-Institut bringt im Juli 2012 eine DVD-Edition mit vier Filmen von Jan Schütte sowie Bonusmaterialien heraus: Drachenfutter (1987), Auf Wiedersehen Amerika (1994), Abschied. Brechts letzter Sommer (2000), Love Comes Lately (2007).