DEFA-Filmstock „Das DEFA-Filmerbe für die Zukunft rüsten“

Der neue Leiter der DEFA-Stiftung Ralf Schenk.
Der neue Leiter der DEFA-Stiftung Ralf Schenk. | Foto (Ausschnitt): © DEFA-Stiftung/Reinhardt und Sommer

Nach dem Ende der DEFA, des Filmunternehmens der DDR, ging der gesamte Filmstock in den Besitz der DEFA-Stiftung über. Der renommierte Filmpublizist und neue Leiter der DEFA-Stiftung Ralf Schenk will dieses Erbe lebendig halten und für die Zukunft rüsten, sagt er im Interview mit Goethe.de.

Herr Schenk, ist der DEFA-Filmstock inzwischen komplett erschlossen?

Der Filmstock ist im Großen und Ganzen erschlossen. Das heißt, es sind im Prinzip alle Titel bekannt und auch die Regisseure. Bei den Spielfilmen, Trickfilmen und bei den ausländischen Filmen, die hier synchronisiert wurden, kennen wir auch die Inhalte. Bei den Dokumentarfilmen, aber vor allem den Wochenschauen sind wir noch dabei, alle Inhalte zu erfassen.

Noch lagern Kilometer von Akten der DEFA im Bundesarchiv. Werden sie auch von der Stiftung erschlossen?

Das ist nicht die unmittelbare Aufgabe der DEFA-Stiftung sondern des Bundesarchivs, das sich ja untergliedert in die Abteilung Filmarchiv, die konkret mit dem Filmmaterial zu tun hat und weitere Abteilungen, wo die Papierakten liegen. Das ist noch kilometerweise Papier und das wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Was die Akten betrifft, die sich mit den Rechten, zum Beispiel von Autoren oder Komponisten, befassen: Die sind relativ gut erschlossen. Das ist wichtig für die TV-Verwertung und für die Produktion von DVDs.

Der Progress-Filmverleih und die Firma Icestorm-Entertainment brachten in den letzten Jahren etliche DEFA-Titel auf DVD heraus. Mit Erfolg?

Es sind wohl um die 200 Spielfilme, die Icestorm inzwischen herausgebracht hat. Besonders die Märchen- und Indianerfilme verkaufen sich gut.

Wo sind die DEFA-Filme noch für die Öffentlichkeit national und international zugänglich?

Es gibt eine ganze Reihe von Veranstaltungen und Projekten, die von der DEFA-Stiftung im In- und Ausland realisiert und betreut werden. Eine Filmreihe zum Beispiel, die aktuell in Kooperation mit der Murnau-Stiftung in Wiesbaden entstand, heißt Brüche und Kontinuitäten. Sie befasst sich mit der Zeit vor und nach 1945, also mit Regisseuren, die vor Kriegsende für das Kino während der Zeit des Nationalsozialismus und danach für die DEFA gearbeitet haben. Dann gibt es natürlich auch Kooperationspartner, die selbstständig und zum Teil mit Förderung der DEFA-Stiftung Filmreihen organisieren, die in Filmkunstkinos bundesweit gezeigt werden. Kommunale Kinos können bei der Stiftung einen Förderantrag stellen, um bestimmte Reihen durchzuführen und dazu auch Gesprächspartner einzuladen. Das wird sehr rege genutzt. Es kommen auch immer wieder neue Kooperationspartner dazu, wie die Bundeszentrale für politische Bildung, mit der wir einen Vertrag erarbeiten, oder die Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam, die sich mit wissenschaftlichen Aspekten befassen wird.

Auch auf internationaler Ebene gibt es Kooperationsverträge mit verschiedenen Institutionen, eine ganz wichtige ist das Goethe-Institut. Da wird zum Beispiel mit der Universität auf Zypern im Herbst eine Filmreihe gezeigt. Für das nächste Jahr sind wir mit Brasilien im Gespräch. Im vergangenen Jahr waren wir in Indien, in diesem Frühjahr in Chile. Dann gibt es die Zusammenarbeit mit der University of Massachusetts in Amherst. Da gibt es die DEFA Film Library. Sie existiert seit Ende der 1980er-Jahre und sorgt dafür, dass wichtige DEFA-Filme – es sind inzwischen fast 100 – mit englischen Untertiteln versehen werden, um sie vor allem Universitäten und Hochschulen zugänglich zu machen.

Das Interesse im Ausland an den DEFA-Produktionen war groß, seit sie nach der Wende zugänglich waren. Blieb das konstant?

Filme sind ja auch immer Zeitdokumente. Und das Interesse daran, mehr von der deutschen Geschichte zu erfahren, ist nach wie vor groß. In den USA erscheinen gerade 15 Publikationen, darunter Bücher und Aufsätze zum Thema DEFA-Film mit ganz unterschiedlichen Aspekten. Eine Professorin in Rochester befasst sich beispielsweise mit den „Wende-Filmen“. Es gibt 26 Filme, die genau in der Zeit, als die DEFA noch ein volkseigener Betrieb war und dann zur GmbH wurde, entstanden sind. Sie wurden damals so gut wie nicht beachtet, obwohl Regisseure wie Frank Beyer oder Heiner Carow dabei sind. Wenn man diese Filme sieht, kommt man nicht von ihnen los, weil sie wieder, genau wie 1945/46, als die DEFA gegründet wurde, zu einer Zeit entstanden sind, in der Filmgeschichte und Zeitgeschichte ganz eng zusammengingen.

Das deutsche Fernsehen, so bedauern Sie, zeigt zurzeit kein großes Interesse am DEFA-Filmstock. Warum ist das Fernsehen als Partner so wichtig?

Es macht mich etwas traurig, dass das deutsche Filmerbe, und das betrifft ja nicht nur die DEFA-Filme, fast völlig aus den Programmen der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten verschwunden ist. Ich würde mir wünschen, dass das Fernsehen wieder mehr zeigt und damit auch indirekt dafür sorgt, dass dieses Filmerbe bewahrt bleibt. Denn von der TV-Verwertung, die ja auch Geld bringt, hängt natürlich ab, wie wir arbeiten können. Nur durch Einnahmen, die wir generieren, können wir als private Stiftung dafür sorgen, dass diese Filme bewahrt bleiben und durch eine Digitalisierung auch für die Zukunft gerüstet sind. Das gehört zu meinen Hauptaufgaben. Genauso wie das Interesse an diesem Erbe wach zu halten und auch wieder zu wecken.