Stereotypisierung Sinti und Roma im deutschen Filmschaffen

„Time of the Gypsies“, Emir Kusturica, 1998
„Time of the Gypsies“, Emir Kusturica, 1998 | Foto (Ausschnitt): © Winklerfilm

Tanzen, Klauen, Lachen – schwer, so scheint es, die Stereotypisierung der Sinti und Roma im deutschen Filmschaffen über Bord zu werfen.

Regisseur Rosa von Praunheim bekam den renommierten
Grimme-Preis 2012 in der Kategorie Information und Kultur verliehen – für eine liebevolle Annäherung an ein Tabuthema: Mit Die Jungs vom Bahnhof Zoo porträtiert er fünf Stricher, unter ihnen drei heterosexuelle Roma, welche mit den Einnahmen der schwulen Freier ihre Familien in der Heimat finanzieren und so ein gesamtes Dorf in Rumänien über Wasser halten. Seine Protagonisten zeigt Praunheim nicht als Opfer, sondern mit großem Respekt und ohne verklemmte Moral. Sie erzählen ihre Geschichte, während ihnen die Kamera in die einschlägigen Schöneberger Kneipen folgt, sie bei ihren Freunden in Berlin und zu Hause in ihrem Heimatdorf zeigt.

Die selbstverliebte Leni Riefenstahl als glutäugige Martha

Als László Moholy-Nagy 1932 seinen knapp zwölfminütigen Experimentalfilm Großstadtzigeuner in Berlin drehte, bestätigte er zwar das verbreitete Bild der Sinti und Roma, die sich als Wahrsagerinnen, Musiker und Bärenvorführende betätigten; doch zeigte er sie gleichzeitig als fröhliche und selbstbewusste Gemeinschaft. Moholy-Nagy konnte nicht ahnen, dass Sinti und Roma schon wenige Jahre später ebenso wie die europäischen Juden im Fadenkreuz der NS-Vernichtungspolitik stehen sollten.

Ganz anders die Meisterin der filmischen NS-Propaganda Leni Riefenstahl: Sie plante ab 1934 die Verfilmung der Oper Tiefland von Eugen d'Albert, basierend auf einem der von Adolf Hitler bevorzugten Werke Richard Wagners. Riefenstahl selbst setzte sich in der Hauptrolle der „schönen Zigeunerin“ in Szene; ihre Umsetzung geriet zu einer der teuersten und langwierigsten NS-Filmproduktionen. 1940 ließ Leni Riefenstahl Sinti und Roma aus den „Zigeuner“-Sammellagern Max Glahn bei Salzburg und Berlin-Marzahn zu den Filmarbeiten befehlen. Viele der Komparsen endeten in Auschwitz. Das Wissen darum hat Riefenstahl bis zuletzt geleugnet, sie habe „alle Zigeuner, die in Tiefland mitgewirkt haben, nach Kriegsende wiedergesehen. Keinem einzigen ist etwas passiert.“

Bis heute: die Stereotypisierung der Roma als „Zigeuner“

Immer wieder mahnt der Zentralrat der Deutschen Sinti und Roma aktuelle Tatort-Produktionen ab, wenn diese antiziganistische Vorurteile bedienen und kein Klischee auslassen. Klischees, die auch die vielfach ausgezeichneten und sich großer Beliebtheit erfreuenden Werke von Emir Kusturica wie Time of the Gypsies, Schwarze Katze, Weißer Kater oder Underground aufweisen. Dort geraten die Roma, wie auch alle anderen Protagonisten, zu Karikaturen einer grotesk bis surreal gezeichneten postsozialistischen Welt. Kusturicas Zerrbilder lassen differenziertere Sichtweisen auf Sinti und Roma komplett verschwimmen.

Der Albaner

„Gegen ‚Zigeuner’-Klischees habe ich nichts, sie bieten gutes Material für meine Theaterarbeit“, schmunzelt Hamze Bytyci, 30, Schauspieler, Regisseur und Roma-Aktivist, der sich selber lieber als „Geburtshelfer“ für Roma-Projekte bezeichnet. Bytyci musste 1989 als Siebenjähriger mit seinen Eltern aus seiner Geburtsstadt Prizren im Kosovo fliehen und lebte während seiner Schulzeit in elf verschiedenen Flüchtlingsheimen: „Ich konnte mir meine Lebensumstände nicht aussuchen“. Er begann, für die anderen Flüchtlinge zu dolmetschen und engagierte sich als Sozialarbeiter. Anfang der 1990er-Jahre stand er zum ersten Mal in Freiburg auf der Bühne im Roma-Märchen Die Blume des Glücks. Bekannt wurde Bytyci mit seiner Rolle als Muslim in Rosa von Praunheims kritischem Religionsfilm Rosas Höllenfahrt von 2009 und mit seiner Rolle als Dolmetscher in der deutschen Tatort-Serie mit dem Titel Leyla.

Seine langjährige Vorstandstätigkeit für die interkulturelle Jugendorganisation Amarodrom hat Bytyci kürzlich aufgegeben und widmet sich nunmehr verstärkt seinen Angeboten als Schauspieler, Regisseur, Theaterpädagoge, Radiomacher, DJ und interkultureller Familienberater, die er unter seinem Label Roma Trial vereinigt. Bytyci forscht seit langem nach den Wurzeln seiner Minderheit, vor allem, um noch nicht hinterfragte und unbewusst übernommene Familienrituale besser zu verstehen. Bis zu seinem zwölften Lebensjahr wollte Hamze Bytyci als Albaner gelten. Als er seinen besten Freunden anvertrauen wollte, dass er Roma sei, lachten sie nur und sagten: „Das wissen wir doch schon lange, aber es wird höchste Zeit, dass du es selbst sagen kannst“.

In der deutschen Filmlandschaft bleibt Bytyci eine Ausnahme; ein Sinti- oder Roma-Regisseur ist ihm noch nicht begegnet. Hamze Bytyci: „Bei jedem Casting habe ich herausgestellt, dass ich Rom bin. Während des Vorsprechens wurde ich oft gefragt, was ich als ‚Zigeuner‘ denn besonders gut kann. ‚Klauen? Lügen? Tanzen?‘ Es hieß dann: ‚Mach’ doch mal vor‘. Mir wurde klar, dass ich mich als Schauspieler aus meiner Rolle als ‚Zigeuner‘ befreien muss.“