„Work Hard – Play Hard“ Ausflug in die schöne, neue Arbeitswelt

Wie man aus der Arbeitskraft Mensch das Maximum heraus holt.
Wie man aus der Arbeitskraft Mensch das Maximum heraus holt. | Foto (Ausschnitt): © hupe Film

Außen hui, innen pfui: Regisseurin Carmen Losmann wirft in ihrem sehenswerten Dokumentarfilm „Work Hard – Play Hard“ einen Blick hinter die Kulissen einer vermeintlich schönen Arbeitswelt.

Glaubt man der griffigen Floskel „Work Hard – Play Hard“, so darf sich, wer hart arbeitet, auch über reichlich Vergütungen in Form von Freizeitspaß freuen. Weshalb sich Carmen Losmann für ihre Dokumentation also ausgerechnet diesen Titel ausgesucht hat, ist nicht ganz einleuchtend, thematisiert die junge Regisseurin doch weniger das Verhältnis von Arbeit und Freizeit, als vielmehr jene vordergründig humanen Managementtechniken, mit denen aus der Arbeitskraft Mensch das Maximum herausgeholt werden soll. Absolut sehenswert und klug gemacht ist das mehrfach ausgezeichnete Regiedebüt allemal.

Unternehmen im Umbruch

Harte Arbeit steht auch dem Team eines Stuttgarter Architekturbüros ins Haus. Vor die anspruchsvolle Aufgabe gestellt, ein Firmengebäude zu erschaffen, das die dort Beschäftigen keinesfalls daran erinnert, dass sie gerade arbeiten, laufen die eifrigen Architekten zu kreativen Höchstformen auf. Von lichtdurchfluteten, vitalisierenden Erlebniswelten, die Freude am Arbeiten vermitteln sollen, ist da ebenso die Rede wie vom neuen Spirit einer Unternehmerschaft, die sich zum Aufbruch in eine dynamische Zukunft rüstet.

Anhand dieser Szene stellt Regisseurin Carmen Losmann, Jahrgang 1978, gleich zu Beginn ihres Dokumentarfilms Work Hard – Play Hard klar: Die Zeiten, in denen der Erfolg eines Mitarbeiters mit der Stechuhr bemessen wurde, sind ein für allemal passé. Doch der Schein einer idealisierten Arbeitswelt, die auf Vertrauen und Wohlwollen basiert statt auf akribisch geführten Stundenkonten, trügt. Indem Losmann die Taktiken und Methoden des neuzeitlichen Human Resource Managements (zu Deutsch: Personalwirtschaft) sukzessive aufdeckt, nimmt sie den Zuschauer mit auf eine Reise durch eine schöne, neue Arbeitswelt, an deren Ende er sich unwillkürlich fragen wird: Will ich da wirklich mitspielen?

Ästhetische Einsichten

Losmanns Blick hinter die Kulissen deutscher Unternehmen ist so gründlich wie ungeschönt. Auf ihrem Streifzug durch Kantinen und Chefetagen deutscher Unternehmen sammelt sie Einblicke in eine hochmodernisierte Arbeitswelt, die sie mit viel dramaturgischem Feingefühl zu 90 Minuten packender Dokumentation verdichtet. Ohne Hast reiht die junge Regisseurin in Work Hard – Play Hard Aufnahmen futuristischer Bürobauten und anonymer Konferenzräume aneinander, deren unterkühlte Ästhetik beim Zuschauer jene Art von Unbehagen schürt, die dieser erst nicht so richtig einzuordnen weiß.

Denn mit bewertenden Darstellungen verfährt Losmann ebenso zurückhaltend, wie mit aufdringlicher Hintergrundmusik: Stattdessen verschaffen ruhige Bilder von Treppenaufgängen oder Außenansichten, unterlegt mit sphärischem Elektrosound, ausreichend Raum zur Reflexion und Meinungsbildung zwischen den einzelnen Settings. Geschickte Perspektivwechsel vom stillen Beobachter hin zum aktiven Gesprächspartner führen den aufmerksamen Zuschauer schließlich Szene für Szene wie von selbst zu der Erkenntnis, dass im Fokus modernster Managementtechniken im Grunde nur eins steht: Die Optimierung der menschlichen Arbeitskraft.



Zu diesem Zweck sind Büros zu non-territorialen Arbeitsplätzen mutiert, an denen persönliche Gegenstände ebenso wenig verloren haben wie kurzweilige Plaudereien auf dem Gang. Orwell’sche Qualitäten? Beinahe. Beklemmende Belege eines Human Resource Managements, das seine Mitarbeiter als humanitäres Kapital betrachtet und diese im Tarnmantel des kulturellen Wandels zu permanenter Leistungssteigerung anhält, sind jene Aufnahmen von Kollegen, die ihre Kaffeepause in der sterilen Atmosphäre abgesonderter Lounges verbringen, zweifelsohne.

Subtiler Spannungsaufbau

Ganz gleich, wie inflationär das Wort Spaß in Assessment Centern oder Waldcamps auch gebraucht wird. In versiert geführten Interviews fördert Carmen Losmann subtil zu Tage, welch harsche Kritik sich hinter dem freundlichen Geplänkel von Unternehmensberatern und Personalreferenten mitunter verbirgt. Wenn dann nichts als das leise Knistern der Kamera zu hören ist, während ein junger Angestellter auf die Ergebnisse seines Entwicklungsgesprächs wartet, stellt sich beim Zuschauer zwangsläufig das Gefühl ein: In dessen Haut möchte ich nicht stecken!

Der Spannungsaufbau vollzieht sich in Work Hard – Play Hard fast unmerklich – und wirkt gerade deshalb nach: Werden Auszüge eines befremdlichen Managerjargon („Mega-Wachstumsmentalität“) anfänglich eher wohl dosiert präsentiert, konfrontiert der Dokumentarfilm gegen Ende mit einer Arbeitsrealität, in der Begriffe aus der Automobilindustrie wie selbstverständlich auf Menschen angewandt und Kompetenzen mittels hochentwickelter Software messbar gemacht werden. In diesem Kontext klingen selbst die monotonen Glaubensätze à la „Ich werde demnächst …“, von hochmotivierten Führungskräften beim vermeintlich vergnüglichen Outdoor-Training vorgetragen wie ein düsterer Abgesang auf menschliche Schwächen. Eine hervorragend gemachte Dokumentation, die zum Nachdenken anregt – zum Beispiel darüber, warum gut heutzutage oftmals nicht mehr gut genug ist.