Deutscher Film Gut wie lange nicht – Wut wie lange nicht

Regisseur Klaus Lemke mit „Berlin für Helden“-Darstellerin
Regisseur Klaus Lemke mit „Berlin für Helden“-Darstellerin | Foto (Ausschnitt): © Klaus Lemke Privatarchiv

Über den aktuellen Zustand des deutschen Films gehen die Meinungen stark auseinander. Gesund wie selten, sagen die einen, kurz vor dem Abgrund sehen ihn die anderen. Oliver Baumgarten schlüpft in beide Perspektiven.

Wollte man noch vor acht, neun Jahren die Situation des aktuellen deutschen Films thematisieren, so konnte man mit einiger Begeisterung einen neuen Realismus beschreiben, das Auftauchen unterschiedlicher Genres konstatieren und ganz allgemein eine aufkommende Breite in Stilistik und Thematik feststellen. All das ist nun seit einigen Jahren vorhanden und man muss einräumen: In die Breite gehende neue Tendenzen lassen sich hinsichtlich Stilistik und Thematik zurzeit nicht wirklich ausmachen. Spricht man heute über den deutschen Film, so spricht man eher über die gewachsenen Strukturen, ihn zu fördern und zu pflegen. Schließen wir uns also an und werfen einen Blick, oder besser, zwei Blicke, auf die Strukturen des deutschen Films, die Umstände also, die seine Entstehung ermöglichen.

Gerade im Moment, da sich das Oberhausener Manifest und damit die Erneuerung des deutschen Films in den 1960er-Jahren 2012 zum 50. Mal jährt, ist in der Presse viel über diese Strukturen zu lesen. Zugespitzt formuliert kristallisieren sich in der Bewertung der derzeitigen Situation zwei Haltungen heraus. „Dem deutschen Film geht es so gut wie lange nicht“ und: „Dem deutschen Film geht es so schlecht wie lange nicht.“ Nimmt man nacheinander beide Perspektiven ein, lassen sich die jeweiligen Haltungen sehr anschaulich vermitteln.

Dem deutschen Film geht es so gut wie lange nicht

Wer aus dieser euphorischen Perspektive heraus argumentiert, dem bleibt zunächst festzustellen: Die deutsche Filmlandschaft ist von einer Vielfalt und einem Reichtum gesegnet wie seit vielen Dekaden nicht mehr. Den jüngsten Zahlen der Filmförderungsanstalt (FFA) für 2011 zufolge sind in diesem Jahr insgesamt 212 deutsche Filme ins Kino gekommen, inklusive internationaler Koproduktionen. Darunter waren 132 Spiel- und 80 Dokumentarfilme. Der deutsche Marktanteil betrug 21,8 Prozent – ein guter Mittelwert der letzten sechs bis sieben Jahre.

Vor allem aber ist eine enorme Vielfalt an Genres und Stilen zu erkennen, was zweifellos auf den hervorragenden Zustand des deutschen Films schließen lässt. Für einen Überblick über diese Vielfalt lässt sich das Angebot des deutschen Films im Kinojahr 2011 in fünf grobe Bereiche unterteilen.

Mainstreamfilm

Aus der Perspektive des Euphorischen kann konstatiert werden: Das beste Zeichen für eine gesunde Filmlandschaft ist funktionierender Mainstream. Und im Moment gibt es in Deutschland tatsächlich sowohl tragende Stars als auch inhaltliche Muster für erfolgreichen Mainstream. Da sind zum Beispiel Til Schweiger und Matthias Schweighöfer, die mit Fug und Recht als populäre Stars bezeichnet werden können: In den Top Ten der deutschen Filme 2011 befinden sich allein vier Schweiger-/Schweighöfer-Filme. So wird die Top Ten von Til Schweigers Kokowäh angeführt (4,3 Millionen Besucher), gefolgt von Schweighöfers What a Man (1,8 Millionen Besucher). Auf den Plätzen folgen mit jeweils mehr als einer Million Besuchern Männerherzen 2 (mit Til Schweiger) und Rubbeldiekatz (mit Matthias Schweighöfer).

Bei all diesen Filmen handelt es sich um Komödien, die klassische Geschlechterrollen und ihre zunehmende Auflösung diskutieren. So verhandeln sie Reste althergebrachter männlicher Attribute und beziehen ihren Witz daraus, wie diese Attribute sich an der modernen Welt reiben. Damit übrigens stehen diese Komödien im deutlichen Gegensatz zur Beziehungskomödie, wie sie noch in den 1990er-Jahren so erfolgreich waren. Jene nämlich behandelten das Zusammengehen von scheinbar Unvereinbarem: Mann und Frau. Damit war die Beziehungskomödie der Neunziger vor allem eine Reaktion auf die Vereinigung von DDR und Bundesrepublik. In den heute erfolgreichen Komödien aber geht es nicht mehr um die Schwierigkeiten des Zusammenlebens, sondern um Schwierigkeiten mit dem Selbst.

Ein weiterer Beleg für funktionierenden Mainstream findet sich außerdem im sehr erfolgreichen deutschen Kinderfilm. So gab es 2011 etwa Lauras Stern, Hexe Lilli, Prinzessin Lillifee, Tom Sawyer oder Als der Weihnachtsmann vom Himmel fiel, die allesamt sehr passabel im Kino liefen.

Arthousefilm etablierter Filmemacher

Der Arthousefilm bildet nicht zuletzt dank der internationalen Wahrnehmung zur Zeit das Herz des deutschen Films. Dieser nämlich kann heute auf eine große Breite an preisgekrönten, international anerkannten Filmemachern blicken, deren persönlich geprägte und kontinuierlich produzierte Filme zum Aushängeschild der Branche geworden sind. Filmemacher wie Andreas Dresen, Wim Wenders, Tom Tykwer, Hans-Christian Schmid, Christian Petzold, Dominik Graf, Oskar Roehler, Matthias Glasner oder Fatih Akin haben allesamt ihre individuelle Form und Sprache gefunden, entwickeln sie weiter, laufen auf den wichtigsten Festivals der Welt und werden mit den bedeutendsten Preisen ausgezeichnet.

Nachwuchsfilm

Der Filmnachwuchs ist eine weitere große Stärke der Branche. In Deutschland gibt es hervorragende Filmhochschulen – aber neben den großen Sechs (Hochschule für Fernsehen und Film München, Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam-Babelsberg, Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin, Filmakademie Baden-Württemberg, Kunsthochschule für Medien Köln, Internationale Filmschule Köln) längst auch viele weitere spezialisierte Ausbildungsmöglichkeiten über die gesamte Republik verteilt. Zudem existieren vom First-Steps-Award über den Studio-Hamburg-Nachwuchspreis bis hin zum Six-Pack-Programm des Westdeutschen Rundfunks und Film- und Medienstiftung Nordrhein-Westfalen zahlreiche Förderprogramme, die sich aus unterschiedlicher Richtung für die Unterstützung junger Kreativer und Produzenten engagieren, sodass bemerkenswert viele Erstlingsfilmer ihre zumeist frischen Ideen umsetzen können.

Auf dieser gewachsenen Grundlage entstehen jährlich so viele Debütfilme wie vielleicht noch nie zuvor. 2011 waren dies herausragende Filme wie Das Lied in mir (Regie: Florian Cossen), Eine Insel namens Udo (Regie: Markus Sehr) oder Über uns das All (Regie: Jan Schomburg ) – also sehr unterschiedliche Arbeiten, deren Gemeinsamkeit zumeist darin besteht, dass ihre Protagonisten nach Identität und individueller Stellung in der Gesellschaft suchen. Publikumsliebling unter den Debütfilmen 2011 war Almanya – Willkommen in Deutschland, den 1,4 Millionen Zuschauer im Kino sahen.

Internationale Koproduktionen

Ein weiteres Indiz dafür, dass es dem deutschen Film so gut wie lange nicht geht, ist die hohe Anzahl internationaler Koproduktionen, die zurzeit entstehen und die der Branche im Idealfall gleich mehrere Vorteile bieten. Entstehen internationale Koproduktionen in Deutschland, können Filmschaffende internationale Erfahrungen sammeln und Kontakte knüpfen, und auch die hiesige Infrastruktur profitiert kräftig.

Nicht zuletzt dank des Deutschen Filmförderfonds (DFFF) entstehen mit deutscher Hilfe zahlreiche Beiträge des US-amerikanischen Mainstreams wie zuletzt etwa Die drei Musketiere, Unknown Identity oder Anonymous. Dazu wird auch immer mehr international erfolgreicher Arthouse in Deutschland koproduziert, der dann die Visitenkarte der deutschen Branche auf die wichtigsten Festivals der Welt trägt. 2011 waren dies beispielsweise die neuen Filme von Aki Kaurismäki (Le Havre), Lars von Trier (Melancholia) oder Roman Polanski (Der Gott des Gemetzels).

Dokumentarfilm

Einen letzten wichtigen Bereich im großen Angebot des deutschen Kinofilms stellt der Dokumentarfilm dar. Er ist zurzeit so stark wie nie. 2011 liefen 80 deutsche Dokumentarfilme in den deutschen Kinos an. Ein Grund für diese eindrucksvolle Zahl liegt sicher darin, dass es der Dokumentarfilm im Fernsehen gleichzeitig sehr schwer hat. Sendeplätze werden gestrichen beziehungsweise ersetzt durch andere Formate, die als vermeintlich „dokumentarisch“ gelten: Dokusoaps in erster Linie. Und so weicht der wahre Dokumentarfilm, begünstigt durch Förderprogramme und Verleihinitiativen, ins Kino aus.

Allen voran machte 2011 natürlich Wim Wenders’ 3D-Tanzfilm Pina von sich reden, der nicht zuletzt dank der Oscar-Nominierung 500.000 Besucher erzielte. Weit vorne in der Zuschauergunst fand sich 2011 ansonsten vor allem der Naturfilm: Die Nordsee von oben hatte erstaunliche 180.000 Besucher, Serengeti sahen 160.000. Und selbst politische Dokumentarfilme wie Taste the Waste hatten eine enorme Reichweite. Valentin Thurns Film über die weltweite Lebensmittelverschwendung sahen über 100.000 Menschen in den Kinos. Weitere Titel wie Joschka und Herr Fischer (Regie: Pepe Danquart) oder Klitschko (Regie: Sebastian Dehnhardt) konnten zwischen 50.000 und 80.000 Besucher erreichen.

Zwischenfazit

Dem deutschen Film geht es so gut wie lange nicht, vielleicht sogar wie seit den Sechzigern nicht mehr. Es herrscht eine große Vielfalt und Breite im Angebot, zudem sind die Filme äußerst erfolgreich: Es existiert bei den Zuschauern große Lust, deutsche Filme zu sehen, und die für das Renommee so wichtigen Festivals und Filmpreise der Welt schätzen die Werke deutscher Filmemacher und zeichnen sie regelmäßig aus. Es lässt sich zusammenfassen, dass die Mechanismen und Maßnahmen, die in den letzten Jahren getroffen wurden, nachhaltig greifen.

Nicht zuletzt die finanzielle Ausstattung, mit der die öffentliche Hand das deutsche Filmsystem fördert, dürfte an diesen Erfolgen ursächlich beteiligt sein. Mit über 350 Millionen Euro, die vier bundesweite und fast zwei Dutzend regionale Filmförderungen in unterschiedlichen Modi verwalten, wird der deutsche Film zurzeit jährlich subventioniert. Viel also wurde richtig gemacht, die Kurve des deutschen Films zeigt auch für die Zukunft steil nach oben.

Wut wie lange nicht

Zum Zwischenfazit, dem deutschen Film gehe es so gut wie nie, gelangt bei weitem nicht jeder, der sich in der Branche auskennt. In den aktuellen Diskussionen über den deutschen Film mehren sich die Stimmen, die seine Situation ganz anders sehen. Versetzt man sich also in die Perspektive jener, die finden, dass es dem deutschen Film so schlecht wie lange nicht geht, dann sehen die oben bereits erwähnten Zahlen anders aus:

Im Jahr 2011 also wurden 132 deutsche (Spiel-)Filme uraufgeführt, der Marktanteil lag bei 21,8 Prozent, wobei im gesamten Kinojahr insgesamt 129 Millionen Besucher erreicht wurden. Auch wenn es nicht ganz fair sein mag, hier zum Vergleich einmal die Zahlen aus der Blüte des deutschen Films: 1955, auf dem Höhepunkt der deutschen Nachkriegskinowirtschaft, wurden lediglich 122 deutsche (Spiel-)Filme aufgeführt. Deren Marktanteil aber betrug 47 Prozent – und das bei insgesamt 766 Millionen Besuchern im Jahr!

Geht man von einer jährlichen Förderung von 350 Millionen Euro für den deutschen Film aus, heißt dies also: Jeder Zuschauer eines deutschen Films wird mit 12 Euro subventioniert. Das mag im Vergleich zu den Subventionen von Theater und Oper verschwindend gering sein. Angesichts dessen aber vom großen Erfolg des deutschen Films zu schwärmen, erscheint trotzdem mehr als zweifelhaft.

Quantitativer Reichtum – qualitative Armut

Dass heute mehr deutsche Filme ins Kino kommen als zu einer Zeit, als er noch das Sechsfache an Zuschauern besaß, bedeutet vor allem eines: dass nämlich der quantitative Reichtum des deutschen Films seine qualitative Armut verbirgt. Diese Flut an deutschen Filmen (zwei bis vier Neustarts pro Woche) bringt fast ausschließlich Nachteile: So ist dadurch beispielsweise viel zu viel Durchschnittliches zu sehen. Das Gros der deutschen Kinofilme ist inhaltlich und formal den Aufwand zur Herausbringung gar nicht wert.

Die Folge: Die Marke „deutscher Film“ verwässert mit jeder Woche stärker, das Vertrauen des Zuschauers schwindet. Und der hat Woche für Woche das Problem, die lohnenswerten von den weniger lohnenswerten Filmen zu unterscheiden. Das Ergebnis dessen zeigen die Zahlen aus 2011: Preisgekrönte Festivalerfolge, unbestritten gute Filme, erreichen ihre Zuschauer nicht. Schlafkrankheit von Ulrich Köhler hatte 21.000 Zuschauer, Unter Dir die Stadt von Christoph Hochhäusler sahen gar nur 14.000. Und Andreas Dresens einhellig gelobter Film Halt auf freier Strecke gelang es mit 50.000 Besuchern nur mit größter Mühe, überhaupt in den Bereich zu kommen, um Referenzmittel der Filmförderungsanstalt zu erhalten.

Film als Industrie

Dass derart viele Filme ins Kino gelangen, hat in erster Linie mit der bei Förderungen zum Teil vorgeschriebenen Herausbringungspflicht zu tun. Voraussetzung für die Förderung durch den Deutschen Filmförderfonds beispielsweise ist es, eine Verleihfirma vorzuweisen, die noch vor Produktion des Films dessen späteren Vertrieb mit einer festgeschriebenen Anzahl von Kopien garantiert. Und wären selbst alle Beteiligten später einig, dass der fertiggestellte Film keine Aussichten im Kino hätte, so würde der Film dennoch starten müssen und damit den gelungenen Filmen im Wege stehen.

Ganz grundsätzlich lässt sich festhalten, dass die Filmförderung in Deutschland eine deutliche Tendenz zur Wirtschaftsförderung entwickelt hat. Filmförderer sind um der Branche willen im Grunde am wirtschaftlichen Erfolg interessiert. Film wird heute – das haben die politischen Maßnahmen der letzten Jahre begünstigt – eben vor allem als Industrie verstanden und nicht als Kunst oder Kulturgut. An „Film“ knüpfen sich Standortfaktoren, und an denen wiederum hängen Arbeitsplätze und komplexe wirtschaftliche wie soziale Strukturen.

Die Arbeit der Filmförderer ist mehr denn je zu einem wirtschaftlichen Akt geworden, sodass gerade auch die Länderförderer in eine starke Konkurrenz zueinander treten. Eine Konkurrenz, die ureigentlich eine politisch-wirtschaftliche Standortkonkurrenz ist. Es geht hier um Arbeitsplätze mehr als es um kulturelle Fragen geht. In dieser selbst geschaffenen Situation erscheint eine Tendenz zur Förderung von bewährten Dramaturgien, Stoffen und Namen nicht verwunderlich. Die Luft, um künstlerisches Risiko zu fördern, wird immer dünner, da auch für Förderinstitutionen ein Image auf dem Spiel steht, womöglich eine positive Außendarstellung gefährdet wird.

Der viel zitierte fehlende Mut zum Risiko, der gerne den Filmemachern nachgesagt wird – er ist auch in den Institutionen zu finden und hemmt die Weiterentwicklung des deutschen Films. Das viele Geld, die Nähe zum Fernsehen sowie die versuchte Industrialisierung der Branche führt zu einer gefährlichen Bequemlichkeit. Die oben ausgeführte Vielfalt des deutschen Films trügt: Dramaturgisch und inszenatorisch ähneln sich die entstehenden Filme immer mehr, und es ist in dieser Form lediglich eine Frage der Zeit, bis sich das Publikum erneut gänzlich vom deutschen Film abwendet.

Abseits ausgetretener Pfade

Um anders arbeiten zu können, auch um andere Formen von Dramaturgien zu verwirklichen und mit anderen Inhalten zu füllen, arbeiten Filmemacher deshalb immer häufiger einfach ohne Förderung, also im wahren Sinne des Independentfilms unabhängig. 2002 war es zum Beispiel Andreas Dresen, der mit Produzent Peter Rommel zusammen komplett unabhängig und mit großem Mut eine durch die Digitalisierung mögliche neue Erzählweise ausprobierte. Für Förderer wäre das Projekt viel zu riskant gewesen, da Halbe Treppe ohne Drehbuch entstand und damit praktisch unkontrollierbar war. Heute zählt Halbe Treppe zu den bedeutenden Marksteinen in der dramaturgischen Entwicklung des jungen deutschen Films.

Und dann ist da Klaus Lemke, der seit Jahren im Gewande eines Bürgerschrecks vom „Staatskino“ spricht und recht drastisch die Abschaffung der Filmförderung fordert. Seit Jahrzehnten dreht Lemke jährlich einen Film, mit Ausnahme einer Fernsehbeteiligung komplett selbst finanziert. Auch seine Arbeitsweise ist ungewöhnlich: Er besetzt seine Protagonisten von der Straße und lässt während des Drehs die Geschichte aus ihnen heraus sich entwickeln. So entstehen sicher keine Stoffe für ein Massenpublikum, aufgrund der günstigen Entstehung ist das aber auch nicht nötig: Lemkes künstlerische Ausdrucksweise hat sein Publikum stets gefunden. Sein neuer Film Berlin für Helden läuft 2012 bundesweit in den Kinos.

Auch RP Kahl arbeitet seit Jahren in diesem Sinne unabhängig. 2002 haben er und Torsten Neumann mit 99 Euro Films ein viel beachtetes Projekt jenseits von Fernsehen und Förderung initiiert. Seinen jüngsten Spielfilm Bedways hat er ebenfalls selbst finanziert, weil dessen Thema (Darstellung von expliziter Sexualität in Medien) mit öffentlichen Geldern nicht zu realisieren wäre. Und Kahl hat Erfolg gehabt: Seinen Film hat er mit Gewinn vermarkten können.

Ein letztes Beispiel: Axel Ranisch und sein Film Dicke Mädchen. Für dessen Realisierung hat er sich ebenfalls komplett von den Zwängen, Strukturen und inhaltlichen Forderungen von außen befreit und komplett ohne Geldgeber eine kleine Geschichte mit skurrilen und liebevollen Figuren improvisiert.

Dies sind nur einige Beispiele von Filmen, die mit Förderung so nicht entstanden wären. Dass Mut wie dieser im deutschen Fördersystem wenig belohnt wird, ist eins der Argumente für jene Fraktion in der Branche, die dem deutschen Film attestiert, in einem schlechten Zustand zu sein. Eine populäre Forderung dieser Perspektive besteht etwa darin, die kulturelle Filmförderung zu stärken, vielleicht sogar kulturelle und wirtschaftliche schlicht voneinander zu trennen. Manche sähen auch gerne die Fördergremien abgeschafft oder doch zumindest, dass Filmschaffende über die Vergabe entscheiden und damit klare inhaltliche Kriterien zu etablieren.

Ausblick

Zwischen den beiden pointiert dargestellten Polen wird sich die Diskussion über die Zukunft des deutschen Films in der kommenden Zeit bewegen. Es wird dabei Aspekte geben, die fraktionsübergreifend erkannt und relativ zügig verbessert umgesetzt werden können. Das Problem der Herausbringungspflicht etwa ist eines, das im Zuge der aktuellen Diskussion zur fünften Novelle des Filmfördergesetzes, die 2014 umgesetzt werden soll, aus der Branche heraus thematisiert und bereits von konstruktiven Vorschlägen begleitet wird.

Es bleiben aber andere, grundlegende Probleme, über die nicht allzu schnell Einigkeit herzustellen sein wird. Die Kluft etwa zwischen einem kulturellen und einem wirtschaftlichen Filmverständnis wird nicht einfach zu überwinden sein, zu stark ist sie mittlerweile ausgeprägt. Dabei ist diese Diskrepanz nicht neu. Film bewegte sich vom Tag seiner Erfindung an zwischen Jahrmarkt und Avantgardekunst – und von jeher haben sich beide im Sinne einer Weiterentwicklung des Mediums gegenseitig befruchten können.

Wo die Kunst aufhört und der industrielle Kommerz beginnt, das wird sich niemals erschöpfend festlegen lassen, und es ist im Grunde auch nicht so wichtig. Entscheidend scheint vielmehr, dass Film innerhalb eines Systems entstehen kann, das seine Weiterentwicklung nicht hemmt, sondern sie im wahrsten Sinne des Wortes fördert. Und aus welcher Perspektive man auch immer mitdiskutieren mag: Auf diese zentrale Frage hin sollte man gemeinsam unser bestehendes System prüfen.