Michael Verhoeven Politisch motiviert, menschlich engagiert

Michael Verhoeven am Set von „Let’s Go!“.  Foto (Ausschnitt):  Barbara Bauriedl
Michael Verhoeven am Set von „Let’s Go!“. Foto (Ausschnitt): Barbara Bauriedl | © EIKON

Mit Filmen wie „O.K.“ sorgte er für Skandale, mit anderen, wie „Die weiße Rose“ oder „Das schreckliche Mädchen“, schrieb Michael Verhoeven Filmgeschichte. Sein neuer Film „Let’s Go!“ beschäftigt sich mit Laura Wacos Roman „Von Zuhause wird nichts erzählt“.

„Ärzte gibt es wie Sand am Meer“, hat der Schauspieler und Regisseur Paul Verhoeven seinem Sohn Michael einst gesagt. Der Satz des Vaters hat sich beim Sohn eingeprägt. Seit dem Jahreswechsel 1972/73 arbeitet Michael Verhoeven, der 1969 zum Arzt promovierte, ausschließlich als Regisseur, Produzent und Drehbuchautor, er gab den Beruf als Mediziner endgültig auf. Michael Verhoeven erinnert sich: „Das war sehr schmerzhaft, wirklich, denn diese Jahre meines Doppellebens waren bestimmt meine schönsten Jahre, von meinem Privatleben einmal abgesehen. Ich war immer wieder ein neuer Mensch, mal in dieser einen, mal in dieser anderen Welt.“

Ein humanistisches Werk

Dieser anderen Welt hat sich Michael Verhoeven ebenso wie seine Frau, die Schauspielerin Senta Berger, beruflich verschrieben. 1965 gründeten sie in München gemeinsam die Sentana Filmproduktion. Unter Verhoevens Regie entstanden – neben zahlreichen Fernsehfilmen – preisgekrönte Spielfilme wie der Vietnamkriegs-Film O.K., der auf der Berlinale 1970 zunächst Kontroversen zwischen einzelnen Jurymitgliedern, dann öffentliche Proteste und schließlich den Abbruch des Wettbewerbsprogramms auslöste.

Zu Verhoevens weiteren Filmen zählen Gefundenes Fressen (1976), Die weiße Rose (1982), ein historisches Porträt der Geschwister Scholl, der für einen Oscar nominierte Film Das schreckliche Mädchen (1990) und Mutters Courage (1995) nach der gleichnamigen Novelle von George Tabori. Diese Filme wurden auf Festivals vielfach ausgezeichnet. Es sind allesamt politisch motivierte, menschlich engagierte Filme. Filme auch, die sich der Beschäftigung mit Geschichte, der Beleuchtung von Historischem verschrieben haben. Überhaupt dürfte Verhoevens gesamtes Werk als ein im unpathetischen Wortsinne humanistisches bezeichnet werden. Eines, das sich stets dem Anliegen der Menschen widmet.

Die weiße Rose, nicht nur in Deutschland, sondern auch international Michael Verhoevens wohl bekanntester Film, hatte eine lange und schwierige Entstehungszeit, bis er zu Beginn der 1980er-Jahre schließlich gedreht werden konnte. Michael Verhoeven erzählt: „Die Politik hat hier stark eingegriffen und wollte das Projekt nicht. Wir sind mit dem Projekt lange verhindert worden durch Nicht-gefördert-werden – fünfmal abgelehnt von der Filmförderung, das ist schon ein seltener Fall. Dieser Kampf für den Film ging über Jahre. Warum man diesen Film damals nicht hat haben wollen, das ist heute schwer zu vermitteln. Zumal der Film ja immer noch gezeigt wird. 2006 war die Premiere in Tokyo.“ In den USA wurde als Reaktion auf den Film eine „The White Rose Society“ ins Leben gerufen – andere Stiftungen folgten.

Historische Aufarbeitungen

Auch zwei seiner dokumentarischen Arbeiten aus den 2000er-Jahren widmen sich der Thematik der kritischen historischen Aufarbeitung, des filmischen Rückerinnerns: Der unbekannte Soldat (2006) und Menschliches Versagen (2008). Michael Verhoeven hierzu: „Ich bin der festen Überzeugung, dass es bestimmte Themen gibt, die man nicht fiktionalisieren kann oder sollte. Ins Konzentrationslager zu gehen und zu fiktionalisieren, mit Statisten, die möglichst ausgemergelt erscheinen, das finde ich schwierig. Ja, zynisch.“

Für den Dokumentarfilm Der unbekannte Soldat greift Michael Verhoeven die Ausstellung Verbrechen der Wehrmacht als Ausgangspunkt auf. Diese Wanderausstellung thematisierte den Vernichtungskrieg der deutschen Wehrmacht in Osteuropa in den Jahren 1941 bis 1944 und sorgte für kontroverse Reaktionen bei Publikum und Kritik. Die erste Station der Ausstellung war das Münchner Rathaus. Dort drehte Verhoeven, sowohl in den Ausstellungsräumen als auch davor, auf dem Marienplatz. Dort versammelten sich immer wieder Menschen und protestierten gegen die Ausstellung. Das Resultat ist ein 100-minütiger Dokumentarfilm, der unangenehm ist, aneckt, für Kontroversen sorgt. Der unbekannte Soldat, der international zu sehen war, ist ein beklemmender, komplexer Film.

Der Dokumentarfilm Die zweite Hinrichtung (2011) wiederum greift den Topos der Todesstrafe in den USA auf, genauer: einen spezifischen Fall im Bundesstaat Ohio, wo ein wegen Mordes seit 1984 zum Tode Verurteilter seit 25 Jahren einsitzt, den nicht wenige für unschuldig halten. Er sollte hingerichtet werden, mit 18 Versuchen, und hat überlebt. „Das interessiert einen doch. Es ist aber auch wieder so eine Sache – die habe ich mir ja nicht ausgesucht.“ Es scheint, als suchen die Themen ihn, und nicht umgekehrt. Michael Verhoeven hat in Ohio vor Ort gedreht, hat den Verurteilten selbst und dessen Familie besucht. Diese Situation des vielleicht unschuldig Schuldigen, sie beschäftigt ihn.

Verhoevens neuer Film

Über die Vorlage für seinen jüngsten Film Let’s Go! sagt Michael Verhoeven: „Die Autorin des Romans Von Zuhause wird nichts erzählt, Laura Waco, hatte meinen Film Das schreckliche Mädchen gesehen. Sie hat mir das Manuskript zugeschickt, weil sie wollte, dass ich einen Film daraus mache. Das war Mitte der Neunzigerjahre. Ich fand den Roman sehr stark. Es ist meines Wissens der erste autobiografische Roman, der auf großartige künstlerische Weise darstellt, wie die traumatisierten Eltern, die gerade dem Konzentrationslager entronnen sind, ihre Ängste und Leiden an die Kinder weitergeben. Laura Waco ist 1947 geboren, in Freising, wohin es die Eltern verschlagen hatte. Nach Polen zurück wollten sie nicht, wegen des heftigen Antisemitismus dort, die USA erschienen ihnen zu weit weg, auch kulturell. Den Kindern wurde eingeschärft, von Zuhause nichts zu erzählen, niemand sollte wissen, dass sie Juden sind. Auch Laura wusste es lange Zeit nicht.“ Let’s Go! wurde 2013 abgedreht und wird 2014 zu sehen sein.