Locationscouts in Deutschland Die Nadel im Heuhaufen suchen

Der Kölner Drehortsucher Rüdiger Jordan bei der Arbeit
Der Kölner Drehortsucher Rüdiger Jordan bei der Arbeit | Foto (Ausschnitt): © Rüdiger Jordan

Früher war es in der deutschen Filmbranche üblich, dass Szenenbildner und Herstellungsleiter nebenbei nach fotogenen Schauplätzen suchten. Heute übernehmen das Spezialisten, vor allem, wenn ausgefallene Drehorte benötigt werden.

Was wären viele Filmklassiker ohne imposante Schauplätze? Was wäre Dr. Schiwago ohne sibirische Schneefelder, was wäre Lawrence von Arabien ohne die Wüste Sahara oder aber Wim Wenders‘ Himmel über Berlin ohne seine poetischen Großstadtbilder? Einzigartige Drehorte lassen sich zum Glück nicht doubeln, andere dagegen schon. Das hat auch der Kölner Drehortsucher Rüdiger Jordan gelernt, als der dänische Regisseur Lars von Trier in Nordrhein-Westfalen seinen Film Antichrist drehen wollte, der in den USA spielt. „Da bekam ich die Anfrage: Finde bitte im Umkreis von 50 Kilometern um Köln diverse Landschaften, die wie die Rocky Mountains aussehen!“ Für das Psychodrama des Autorenfilmers machte der 44-Jährige auch die gewünschte Holzhütte im tiefsten westfälischen Wald ausfindig, in der sich zentrale Szenen des Films abspielen: „Das war nicht einfach, aber am Ende habe ich es geschafft.“

Bei seinen Motivsuchen greift Jordan in der Regel auf den eigenen Bilderschatz zurück. „Rund 151.000 Fotos von tausenden Schauplätzen umfasst meine Datenbank“, berichtet Jordan. „Ich mache von jedem Raum, den ich betrete, zwei bis vier Fotos. Bei größeren Gebäuden kommen so leicht 200 Fotos zusammen.“ Mit dieser Foto-Auswahl im Rücken muss er bei vielen Anfragen nicht bei Null anfangen. Besonders freut er sich, wenn er Tipps zu filmtauglichen Objekten bekommt oder aufgeschlossene Hauseigentümer auf ihn zukommen. „Manchmal fand die Suche nach der Nadel im Heuhaufen so doch ein gutes Ende.“

Kontaktfreudigkeit und viel Fantasie

Als hauptberuflicher Locationscout ist Jordan seit 2006 tätig. Passende Schauplätze hat er allerdings auch schon gesucht, als er noch als Aufnahme- und Produktionsleiter gearbeitet hat. Nach und nach stellte er fest, dass das Locationscouting ihm mehr Spaß machte. „Jetzt ist das mein erstes Standbein.“ Auf ähnlich verschlungenen Wegen kamen auch viele Kollegen zu dem Beruf, für den es keine geregelte Ausbildung gibt. Jordan schätzt, dass es in ganz Deutschland etwa 100 hauptberufliche Locationscouts gibt, die mit diesem Job ihren Lebensunterhalt bestreiten. Etwa 45 davon gehören dem Bundesverband Locationscouts an, der im September 2010 in Berlin gegründet wurde.

Und was braucht man, um als Drehortsucher erfolgreich zu sein? Kenntnisse in Architekturgeschichte, Erfahrungen bei Dreharbeiten, Kontaktfreudigkeit und Verhandlungsgeschick nennt Jordan. „Zudem sollte man fotografieren können und so viel Fantasie haben, dass man Drehbuchszenen für die Umsetzung prävisualisieren kann.“

George Clooney im Oberharz

Wenn Jordan und Kollegen im eigenen Archiv kein passendes Objekt finden, nutzen sie auch die Motiv-Datenbanken der regionalen Filmfördereinrichtungen. So bündelt und vermittelt die Film Commission der Film- und Medienstiftung Nordrhein-Westfalen seit 2001 Drehorte im Bundesland. „Unsere Datenbank umfasst über 4.500 Locations mit 14.500 Bildern und ist damit die größte ihrer Art in Deutschland“, erläutert die Leiterin der Film Commission Lena Kraan. „Bei der europaweit einzigartigen Datenbank arbeiten Film Commission, 39 Filmstädte und 14 Locationscouts eng zusammen, wobei Scouts und Städte selbst immer neue Motive einpflegen.“

Das Portal erfreut sich laut Kraan wachsener Beliebtheit. Die sieben meistgesuchten Begriffe bei den 170.000 Recherchen des Vorjahres waren „Köln, Straße, Raum, Tor, Stadt, Bauart, Pub.“ Auch wenn Hollywood-Stars mal zum Drehen nach Deutschland kommen, nutzen sie gerne die Dienste der Scouts. So ließ sich George Clooney vom Leipziger Benno Pastewka pittoreske Bergwerke und Schächte im Oberharz für den Historienfilm Monuments Men – Ungewöhnliche Helden empfehlen.

Bollywood in der Bergstraße

Auf ganz andere Vorlieben hat sich die Film Commission Hessen spezialisiert. Seit Bollywood-Produzenten 2006 an der hessischen Bergstraße den Film Humraah – Der Verräter drehten und 2007 der indische Superstar Himesh Reshammiya dort Aap Kaa Surroor – The Movie realisierte, fanden etliche andere indische Regisseure ebenfalls Gefallen an urigem Fachwerk und blühenden Obstbaumhängen. Um die Bollywood-Nachfrage nach romantischen Idyllen zu befriedigen, wurde in Heppenheim eigens die Indo-German Film Agency gegründet. Die Servicestelle für internationale und deutsche Produktionen arbeitet offenkundig erfolgreich: 2013 drehte VK Singh in Heppenheim, Hirschhorn und Lorsch das Melodram Spark.

Dreharbeiten sind inzwischen für viele Städte und Regionen ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Um in- und ausländischen Filmschaffenden mögliche Filmkulissen schmackhaft zu machen, veranstaltet die Film Commission der Region Stuttgart jedes Jahr eine themengebundene Location-Tour zu herausragenden Drehorten. Solche Touren seien nicht nur ein etabliertes Instrument zur Vermarktung regionaler Motive, betont Ulla Matzen von der Stuttgarter Commission. „Filme tragen Bilder der Region weit über ihre Grenzen hinaus.“ Damit würde auch das Location Placement, also das Bewerben von Orten durch Filme, zunehmend zu einer wichtigen touristischen Vermarktungsmöglichkeit.