Kiez-Kinos und alternative Filmprojekte Die lokale Sicht

Kiez-Kino

Der Übergang ins digitale Zeitalter stellt die Betreiber von Programmkinos vor Herausforderungen. Während viele nachbarschaftlich verwurzelte Kinos in die Zukunft investieren, öffnen die digitalen Abspielmöglichkeiten auch Raum für alternative Projekte. Nicht alle sind legal.

„Das Kino holt das Globale ins Lokale“, sagt Felix Bruder, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Kino. „Auch im Internetzeitalter bleibt es der Ort, an dem man sich trifft, um gemeinsam Filme zu schauen und sich darüber auszutauschen.“ Für diese Möglichkeit der Begegnung stehen heute vor allem die Programmkinos der Metropolen. Jene Filmkunsthäuser mit gewachsener Tradition und persönlichem Profil, die als „Kino um die Ecke“ ihr festes Einzugsgebiet und Stammpublikum haben.
Gerade den Programmkinos ist in der Vergangenheit wiederholt das baldige Aus prognostiziert worden. Zu stark sei die Konkurrenz durch Multiplexe und Online-Angebote, so die Befürchtung. „Von einem Sterben kann aber keine Rede sein“, versichert Bruder. 783 der insgesamt 4.617 Kinosäle in Deutschland wurden 2012 von ihren Betreibern als Studio-, Programm- oder Filmkunstkino klassifiziert – lediglich vier weniger als im Vorjahr.

Teure digitale Zukunft

„Die Zukunft mancher Kinos wird davon abhängen, ob sie in der Lage sind, in digitale Technik zu investieren“, so Bruder. Als 35mm-Kopie sind die meisten Filme schon heute nicht mehr verfügbar. Gerade kleine Verleiher scheuen die hohen Kopier-Kosten und werten ihre Filme auf Blue-Ray-Disc aus. Unter Digitalisierung verstehe man jedoch nicht, dass die Kinos über einen Beamer als Abspielmöglichkeit verfügten, erklärt Bruder. Hier gehe es vielmehr um den von US-amerikanischen Studios vorgegebenen DCI-Standard („Digital Cinema Initiatives“). Der verlangt bestimmte Verschlüsselungstechniken – und ist teuer in der Anschaffung.

Die Umrüstung eines Saals auf digitale 2-D-Technik kostet rund 70.000 Euro, 3-D-Technik schlägt mit 100.000 Euro zu Buche. Das Gros der deutschen Programmkinos aber habe den Sprung ins digitale Zeitalter bereits geschafft – auch dank einer Digitalisierungsförderung der FFA, des Bundes und der Länder. „Und wer keine Hollywoodfilme zum Bundesstart spielen möchte, kommt auch ohne den Standard aus“, sagt Bruder. „Einige Kinos werden ihr Programm verstärkt auf deutsche oder europäische Filme von kleineren Verleihern konzentrieren.“

Das Kiez-Kino lebt

„Ein gutes Programmkino ist immer auch ein Kiez-Kino“. Davon ist Matthias Elwardt überzeugt, der Betreiber des Abaton-Kinos in Hamburg. „Weil es seinem Umfeld verpflichtet und in das lokale kulturelle Leben eingebunden ist“. So kooperiere beispielsweise das Abaton mit der benachbarten jüdischen Gemeinde, mit Kindergärten, Schulen, Museen und Theatern im Viertel. „Die Programmwünsche der Anwohnerschaft verändern sich auch“, so Elwardt. „Darauf muss man sich einstellen, um sein Kino lebendig zu halten.“ Mit ihrer Flexibilität seien die Kiezkinos gegenüber den Multiplexen im Vorteil. „Zudem sind sie meist nicht in so teuren Lagen angesiedelt wie die großen Filmpaläste.“

Bereits im fünften Jahr betreut Elwardt für die Internationalen Filmfestspiele Berlin die Reihe Berlinale goes Kiez. Ausgewählte Beiträge des offiziellen Programms werden dabei in sieben Filmkunsthäusern in verschiedenen Vierteln der Stadt gezeigt. „Die Reihe entstand ursprünglich aus dem Impuls, sich anlässlich des 60. Jubiläumsjahrgangs der Filmfestspiele bei jenen Kinos zu bedanken, die das gesamte Jahr über Berlinale-Programm zeigen“, erzählt Elwardt. Der Zuspruch von Publikum, Presse und Filmemachern sei so enorm gewesen, dass Berlinale goes Kiez institutionalisiert wurde.

Filme für die Nachbarschaft

Leben in die Nachbarschaft bringen – das war auch das Ziel von Oliver Daffy, als Projektleiter der Freiwilligenagentur Halle zuständig für den Bereich „stadtteilorientierte Engagementförderung“. Zusammen mit ehrenamtlichen Mitarbeitern hat er das Projekt „Nachbarschaftskino“ aus der Taufe gehoben. Es richtet sich seit 2012 an Senioren, für die alte DEFA-Filme wie Jakob der Lügner oder Karbid und Sauerampfer gezeigt werden. Die digitale Projektionstechnik – obgleich nicht nach DCI-Standard – macht es ohne großen Aufwand möglich. Mit den Verleihern hat man sich auf eine überschaubare Gebühr von 60 Euro pro Vorführung geeinigt. Das Projekt findet Zuspruch, in der Regel kämen an die 50 Besucher, erzählt Daffy. Wobei das „Nachbarschaftskino“ keinen Mangel an Filmkunst in Halle ausgleichen müsse. „Sondern es richtet sich an jene Menschen, die in ihrer Mobilität so eingeschränkt sind, dass sie sich den Weg zum Kino nicht zutrauen.“

Zuschauen im Grenzbereich

Die Möglichkeit, Filme auch außerhalb der Kinosäle zu zeigen, hat in Städten wie Leipzig oder Berlin noch eine ganz andere Form der mobilen Vorführung aufkommen lassen: das sogenannte Guerilla-Kino. Verschworene Cineasten-Zirkel verabreden sich zu Filmabenden in Fabrikruinen, leerstehenden Wohnhäusern oder unter Autobahn-Brücken. Das Guerilla-Kino ist freilich zumeist illegal. Nicht nur, weil es im Zweifelsfall den Tatbestand des Hausfriedensbruchs erfüllt. Sondern auch, weil für diese öffentlichen Vorführungen in der Regel kein Geld an die Rechteinhaber abgeführt wird. „Kino ist ein komplexes wirtschaftliches System, bei dem verschiedenen Player zusammenwirken, die von den Einnahmen leben“, gibt Felix Bruder zu bedenken. „Auf der anderen Seite“, so Bruder, „ist generell alles zu begrüßen, was den Film und die Diskussion über Film befördert“.