Inklusives Kino Filme barrierefrei erleben

Cinema Connect
Cinema Connect | © Sennheiser

Noch immer scheuen viele Seh- und Hörbehinderte vor einem Kinobesuch zurück. Das könnte sich bald ändern. Denn neue Apps, Streaming-Lösungen und Datenbrillen ermöglichen ihnen ein inklusives Filmerlebnis.

Filme ohne Bilder oder ohne Töne? Für viele seh- und hörbehinderte Menschen ist das Realität. Doch das soll sich nun ändern – dank neuer digitaler Technik. Technische Lösungen für hörbehinderte Kinobesucher gibt es zwar schon länger: Induktionsschleifen verstärken im Kino den Saalton für die Hörgeräte. Die Digitalisierung der Filmtheater bringt jedoch deutliche Verbesserungen mit sich, von denen 1,2 Millionen Sehbehinderte und 200.000 Hörgeschädigte in Deutschland profitieren können. Neue technische Lösungen, die einfach zu bedienen und möglichst unauffällig sind, kommen nun vielen Menschen entgegen, die exklusive Sondervorstellungen ablehnen. Sie unterstützen zugleich Bemühungen der Politik, im Kulturbereich für mehr Inklusion zu sorgen. Mit Inklusion ist gemeint, dass jeder Mensch in der Lage sein soll, sich gleichberechtigt an allen gesellschaftlichen Prozessen zu beteiligen.

Im Kino rückt diese Möglichkeit näher. Dazu beitragen will auch das Unternehmen Sennheiser mit dem Angebot Cinema Connect. Menschen mit Seh- oder Hörbeeinträchtigung können sich über eine Smartphone App im Kino mit einem dafür bereitgestellten drahtlosen Netzwerk verbinden und so auf die zusätzlichen Tonspuren für Audiodeskription (AD) oder Hörunterstützung zugreifen. Bei einer AD werden in knappen Worten zentrale Elemente der Handlung, Gestik, Mimik und Dekors beschrieben und in den Dialogpausen eingesprochen. Die Produktion einer solchen AD kostet etwa 5.000 Euro. Bei der Hörunterstützung wird der Ton über Kopfhörer direkt ans Ohr übertragen.

Die Extra-Tonspuren werden per Streaming in Echtzeit auf die eigenen Smartphones der Nutzer übertragen, sodass sie über Kopfhörer den Film mit Ton erleben können. Zu Testzwecken wurde die Technologie im Mai 2014 im Abaton Kino in Hamburg installiert.

Ganzheitliche Lösung

Cinema Connect ist nicht nur als rein technische, sondern als ganzheitlich inklusive Lösung konzipiert. So erleichtert die App den Nutzern die Suche nach Kinos, die Filme mit der Streaming-Technologie für AD und Hörunterstützung anbieten.

Eine Basis-Version der Cinema-Connect-App sowie die Anlage für die Kinos sind seit September 2014 auf dem Markt. „2015 wird die App um zusätzliche Features erweitert, wie zum Beispiel eine deutschlandweite Karte, auf der Kinos, aber auch Museen, Theater und Sportstätten angezeigt werden, die Veranstaltungen für Menschen mit Behinderungen anbieten“, sagt Firmensprecher Stefan Peters.

Im regulären Einsatz sind bereits die kostenlosen Smartphone-Apps Greta und Starks, die von der gleichnamigen Firma auf den Markt gebracht wurden. Die Anwendungen finden im Kinosaal automatisch den richtigen Film anhand eines digitalen Fingerabdrucks, vergleichbar dem Musikerkennungsprogramm Shazam. Sehbehinderte Zuschauer hören mit der AD-App Greta via Kopfhörer auf dem einen Ohr die Filmbeschreibung und auf dem anderen Ohr Soundeffekte und Musik. Die App Starks wiederum zeigt die Untertitel eines Films synchron auf dem Smartphone an.

„Seit Februar 2014 ermöglichten die beiden Apps mehr als 9.000 barrierefreie Kinobesuche, überwiegend in Deutschland, aber auch in Österreich und der Schweiz“, berichtet die Gründerin der Firma Greta & Starks, Seneit Debese. „Wir bekommen viele erfreuliche Rückmeldungen.“

Filmförderung mit Hebelwirkung

Die Apps profitieren von einer Neuregelung der Filmförderung. So sieht eine Richtlinie zum deutschen Filmförderungsgesetz vor, dass ab Mai 2013 zu jedem Film, den die Filmförderungsanstalt (FFA) unterstützt, eine barrierefreie Fassung mit Audiodeskription für Sehbehinderte und mit Untertiteln für Hörgeschädigte hergestellt werden muss. Beim Deutschen Filmförderfonds gilt eine entsprechende Regelung seit Januar 2013. Seit Jahresbeginn können zudem Kinos bei der FFA eine Übernahme von 50 Prozent der Kosten für die Installation barrierefreier Anlagen beantragen. Eine FFA-Liste enthält derzeit 40 barrierefreie Filmtitel, die im Kino gestartet sind oder bis 2015 anlaufen werden.

Debese zufolge versehen inzwischen einige Verleiher freiwillig auch internationale Titel mit Audiodeskription und Untertiteln und machen sie mit Greta und Starks zugänglich: „Es sind sogar einige Blockbuster in Planung.“ Für die Untertitel werde es bald eine preisgünstige Datenbrille geben, die diese blickgesteuert auf die Gläser projiziert.

Vielseitige Datenbrille

Sony hat bereits Anfang 2013 eine Untertitelbrille auf den deutschen Markt gebracht. Die Closed Caption Glasses verfügt über ein durchsichtiges Display, das die Untertitel eines Films einblenden kann. Sie wurde für hörbehinderte Menschen entwickelt, ist aber auch nutzbar als Übersetzungshilfe für Filme in Originalfassungen. Die Brille wiegt nur 84 Gramm, unterstützt bis zu sechs Sprachen und kann über einer normalen Brille getragen werden.

Audiodeskriptionen kommen nicht nur im Kino, sondern auch auf DVD und im Fernsehen zum Einsatz. Die öffentlich-rechtlichen Sender strahlten 2009 rund 750 solcher Hörfilme aus, 2011 waren es etwa 1.400. Maßgeblich beigetragen zu diesem Zuwachs hat der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband, der 2001 die Deutsche Hörfilm gemeinnützige GmbH (DHG) gegründet hat. Die DHG wiederum organisiert seit 2002 den Deutschen Hörfilmpreis, dessen Gewinnerfilm vom Publikum gekürt wird.

Die Resonanz von Sehbehinderten auf barrierefreie Filmfassungen im Kino fällt bisher eher bescheiden aus. Hier ist nach Ansicht der DHG-Geschäftsführerin Martina Wiemers noch Aufbauarbeit der Kinobetreiber notwendig. „Es hat für Blinde im Kino praktisch kein Angebot gegeben. Das bedeutet, der Kinobetreiber muss das neue Angebot an die Zielgruppe gezielt kommunizieren, andererseits muss auch die Zielgruppe ihre Wünsche an die Kinos herantragen.“