Bayerischer Film
Mehr als Humtata

„Wer früher stirbt ist länger tot“
„Wer früher stirbt ist länger tot“ | Foto (Ausschnitt): © Movienet / Deutsches Filminstitut

Junge Filmemacher entdecken die bairische Sprache. Den Anfang machte Marcus H. Rosenmüller mit seinem Kassenschlager „Wer früher stirbt ist länger tot“, inzwischen wagen immer mehr Regisseure Filme im Dialekt.

„Ja, und wos mach i do etz?“ (auf Hochdeutsch: „Ja, und was mach ich da jetzt?“), fragt der kleine Sebastian den Pfarrer in der Dorfkirche. Das Publikum brüllt vor Gelächter. Ein Film auf Bairisch brachte die Kinozuschauer 2006 reihum zum Lachen, egal, ob sie in München oder in Hamburg im Kino saßen. Marcus H. Rosenmüllers Wer früher stirbt ist länger tot war ein Publikumsliebling. Der Produktionsfirma und der Filmförderanstalt zufolge haben fast zwei Millionen Menschen den Film im Kino gesehen, obwohl die Mehrheit der Schauspieler einen als altmodisch und altbacken geltenden Dialekt gesprochen haben. Oder gerade deswegen?

Die Kritiker feierten Rosenmüller, er bringe „frischen Wind“ in die deutsche Filmszene und sei „ein kleines Wunder mit großer Wirkung“. Tatsächlich scheint diese Prise Dialekt im Film Wunder zu wirken, denn seit Wer früher stirbt ist länger tot kommt nicht nur fast jedes Jahr ein neuer Rosenmüller-Film in die Kinos, auch andere junge Regisseure wagen es seitdem, Filme in Dialekt zu drehen. Der Mundart-Film erlebt eine Renaissance, wie sie noch vor zwanzig Jahren kaum vorstellbar war. Der bairische Dialekt, 2009 von der UNESCO als gefährdet eingestuft, scheint also zumindest teilweise rehabilitiert, dem Kino sei Dank.

Reden, wie einem der Schnabel gewachsen ist

Einer der jungen Regisseure, die ihre Filme ungezwungen im Dialekt drehen, ist Konstantin Ferstl, Jahrgang 1983. Dabei wehrt er sich gegen Klischees: „Früher war in vielen Filmen der Dialekt mit einem Seppl-Klischee verbunden, der Bayer war oft der, auf dessen Kosten die Späße gingen“, sagt Ferstl. „Inzwischen traut man dem Dialekt glücklicherweise mehr zu.“

In Ferstls Spielfilm Trans Bavaria aus dem Jahr 2011 wird Niederbairisch gesprochen. „Mir war es wichtig, dass meine Schauspieler authentisch sprechen, so wie ihnen der Schnabel gewachsen ist“, sagt der Regisseur.
 

Kommerziell am erfolgreichsten ist noch immer Rosenmüller, dessen Filme einen Charme ausstrahlen, dem wohl auch der Rest der Bundesrepublik erliegt. Konstantin Ferstl nennt Rosenmüller einen „Türöffner“, der Wegbereiter für den Trend sei aber ein anderer gewesen: Thomas Kronthaler mit seinem Film Die Scheinheiligen aus dem Jahr 2001. Die Satire über den Bau eines Fast-Food-Restaurants in Oberbayern ist sozusagen der Großvater des neuen bairischen Films. Witzig, intelligent, ironisch – und wie viele seiner Nachfolger aus der Kaderschmiede der Hochschule für Fernsehen und Film München (HFF) heraus entstanden: Sowohl Kronthaler als auch Rosenmüller und Ferstl sind Absolventen der HFF.

Selten gab es so viele bayerische Produktionen

Aber auch der in Frankfurt am Main geborene Regisseur Rainer Kaufmann lässt seine Figuren Bairisch sprechen, zumindest in den Fernsehproduktionen wie Marias letzte Reise oder in seinen populären Voralpen-Krimikomödien Milchgeld und Föhnlage aus den vergangenen Jahren. Weiterer Nachwuchs wächst bereits heran: HFF-Absolvent Sebastian Stern drehte 2010 seinen Abschlussfilm Die Hummel in niederbairischem Dialekt, ein Jahr darauf kam die Komödie Eine ganz heiße Nummer des Münchner Regisseurs Markus Goller in die Kinos. Ebenfalls komödiantisch geht es in Christian Lerchs Regie-Debüt aus dem Jahr 2012 zu, der die lakonische Art des Bairischen bereits im Titel trägt: Was weg is, is weg.
 

An der Münchner Filmhochschule studierte auch die Regisseurin und Drehbuchautorin Steffi Kammermeier. Sie dreht schon seit 30 Jahren Filme im Dialekt, spricht Rosenmüller aber den Verdienst zu, ein junges Publikum erschlossen zu haben. Das neue Selbstbewusstsein des bayerischen Films bestätigt auch sie, selten habe es so viele bayerische Produktionen gegeben. Neben ihren eigenen Arbeiten gibt Kammermeier Kurse in Bairisch, die besonders von jüngeren Schauspielern gut besucht würden. „Es gibt derzeit eine große Nachfrage nach Schauspielern, die beides können, Dialekt und Hochdeutsch“, sagt Kammermeier.

In ihre Seminare kämen sowohl „junge Schauspieler, die sich den Dialekt in der Schauspielschule abtrainiert haben“, als auch solche, die Bairisch neu lernen wollen. Weil es „das Bairische“ an sich nicht gibt, hat Kammermeier sich auf einen Kompromiss eingelassen: „Ich unterrichte eine Art Konsens-Bairisch, ein gemäßigtes Oberbairisch, wie man es aus Fernsehserien wie den Rosenheim Cops kennt.“

Bairisch lernen wie eine Fremdsprache

Fernsehserien wie diese erleben seit einigen Jahren ein Comeback. Plötzlich sind die alten Folgen von Irgendwie und Sowieso oder Monaco Franze aus den 1980er-Jahren wieder Kult unter Mittzwanzigern. Das Bayerische Fernsehen hat 2007 mit Dahoam is Dahoam eine neue Vorabendserie aufgelegt, deren Daily-Soap-Schwänke sogar nach Berlin „ausgewanderte“ Bayern Abend für Abend mitverfolgen.

Während Steffi Kammermeier überzeugt ist, dass man das Bairische „mit ein bisschen Talent und Musikalität“ lernen könne wie jede andere Fremdsprache auch, ist Regisseur Konstantin Ferstl ein Verfechter des authentischen Dialekts. Für ihn habe sich die Frage nie gestellt, ob in seinen Filmen Dialekt gesprochen werde. „Das war immer klar, weil ich selbst ja auch auf Bairisch denke.“