Israelisches Kino
Made in Berlin

„Anderswo“ von Esti Amrami
„Anderswo“ von Esti Amrami | Foto (Ausschnitt): © Film Kino Text

Immer mehr Filmkünstler aus Israel kommen nach Berlin und entwickeln ihre Stoffe in der Stadt und drehen ihre Filme dort. Auch als Ausgangspunkt von israelisch-deutschen Koproduktionen ist die Stadt zu einem wichtigen Ort für das israelische Kino der Gegenwart geworden.

Als Dror Zahavi, heute ein gefragter Berliner Regisseur, in den sozialistischen Teil Deutschlands zum Filmstudium kam, stand die Mauer noch, und das Ende der DDR war nicht abzusehen. In Israel hatten ihn seine Freunde beim Abschied heftig bemitleidet. Er erfüllte den Wunsch seines Vaters, eines israelischen Kommunisten, in die DDR zu gehen. Im Jahr 1982 trat er sein Studium an der Filmhochschule Potsdam-Babelsberg an, das er 1987 abschloss. Wie ein großer Kibbuz sei ihm die DDR erschienen, wo man im allgemeinen Mangel durchaus solidarisch zusammenlebte.

Flucht vor sozialen und politischen Konflikten

Dror Zahavi kehrte 1991 aus Israel ins inzwischen vereinigte Deutschland zurück, aus Gründen, die sich gar nicht so sehr von denen der heutigen israelischen Filmemacher, die nach Deutschland kommen, unterschieden. Auch wenn die israelische Filmlandschaft künstlerisch längst aufgeblüht ist und international bekannte Talente und große Festivalerfolge hervorgebracht hat, ist die Filmindustrie nur klein. Sie bietet längst nicht allen auf den Markt drängenden jungen Filmemachern genug Arbeit. Denn in Israel, einem Land von der Größe des Bundeslandes Hessen, existieren mehrere hervorragende Filmhochschulen, die hochmotivierten Nachwuchs ausbilden. Auch an den Filmhochschulen in Berlin und Potsdam bewerben sich in den letzten Jahren deutlich mehr Israelis. „Vor allem aber sind es bereits ausgebildete Filmemacher, die mit einem konkreten Projekt nach Deutschland kommen, zur Recherche ebenso wie auf der Suche nach Produzenten oder nach Arbeit im Filmgeschäft“, erklärt Dror Zahavi. Aber manche seien wohl auch auf der Flucht vor den sozialen und politischen Konflikten in der Heimat. Berlin ist nicht nur für Filmemacher aus Israel ein fast mythischer Ort geworden, eine Stadt mit noch erschwinglichen Lebenshaltungskosten, ein sicher auch etwas idealisierter Sammelpunkt der Kreativen, mit einer ambivalenten, spürbaren Geschichte und lebendiger Gegenwart.

Dror Zahavi ist heute einer der meist beschäftigten Regisseure Deutschlands. Vor allem für das Fernsehen hat er große Filme inszeniert wie Die Luftbrücke (2005), Mein Leben – Marcel Reich-Ranicki (2009) und München 72 – Das Attentat (2012), gewichtige, zeitgeschichtliche Stoffe. Deutschland sei seine Heimat geworden, doch ideell sei er wie viele seiner hier lebenden Landsleute und Kollegen immer noch in Israel zu Hause, sagt Zahavi. Er hat auch ein berührendes Drama über einen palästinensischen Selbstmordattentäter Alles für meinen Vater (2008) gedreht, eine deutsch-israelische Koproduktion. Eine Wanderbewegung aus Israel nach Deutschland mit seiner differenzierten Produktionslandschaft, den vielen Fernsehanstalten und einer finanzstarken regionalen und länderübergreifenden Filmförderung hat Dror Zahavi seit etwa 2009 beobachtet. Immer öfter wenden sich junge Leute aus seiner alten Heimat an ihn, weil sie im deutschen Filmgeschäft Arbeit suchen, und Zahavi hilft so gut er kann.

Das Vergangene ist nicht vergangen

„Youth“ von Tom Shoval (Trailer)

Auch das Medienboard Berlin-Brandenburg, der wichtigste Filmförderer in Berlin und Umgebung, nimmt diese Bewegung aufmerksam wahr und unterstützt israelische Filmemacher in Berlin, darunter experimentelle und international bekannte Videokünstler wie Dani Gal und Amir Yatziv. Viele israelisch-deutsche Koproduktionen erhielten Mittel aus den öffentlichen Fördertöpfen. Ein spezielles Programm holt israelische Filmkünstler mit einem Arbeitsstipendium nach Berlin, beispielsweise den Regisseur Tom Shoval. Sein Film Youth (2013), ein eindringliches Spiegelbild der Krisenauswirkungen auf die israelische Zivilgesellschaft, lief vielbeachtet auf der Berlinale 2013. Auch dieses Werk war eine Koproduktion mit Deutschland. Es sind also keineswegs nur deutsch-jüdische Stoffe, die in solchen Gemeinschaftsproduktionen behandelt werden. Aber naturgemäß ist die Vergangenheit ein nach wie vor prägendes Motiv der Arbeit israelischer Filmemacher, oft mit einem sehr persönlichen Zugang.

„Die dritte Generation Israels entdeckt das einstige Feindesland Deutschland ganz neu für sich. Das hat mit dem Abtreten der Opfergeneration zu tun, deren gespaltenes Verhältnis zur verlorenen Heimat die Enkel heute veranlasst, sich selbst ein Bild vom Land der Täter zu machen“, meint Daniel Saltzwedel vom Medienboard Berlin-Brandenburg. Er empfinde das als eine geradezu poetische Bewegung – „sich die eigene Herkunft zurückerobern“ –, und sieht die hier ankommenden Filmemacher als ein großes Geschenk.

„Ausgerechnet Deutschland!“

Die Eltern der jungen israelischen Regisseurin Yael Reuveny waren nicht sehr glücklich, als ihre Tochter 2006 nach Berlin zog. Aber nur hier konnte Reuveny in jahrelanger Arbeit ihren großartigen Dokumentarfilm Schnee von gestern (2013) über ihre Familiengeschichte drehen, über die Spuren, die der Holocaust noch in der Enkelgeneration der Täter und der Opfer hinterlassen hat. Sie kam unglaublichen Familiengeheimnissen auf die Spur und enthüllte nachdrücklich, aber immer mit Respekt, Verdrängung auf allen Seiten. Entstanden ist ein wichtiger Film der Dritten Generation, die sich unbefangener und offener der Vergangenheit nähern kann. Für diese komplexe Dokumentation über ihren Großonkel, der als Überlebender nach dem Krieg in der DDR blieb und seine jüdische Identität verleugnete, ist Reuveny durch Deutschland gereist und hat mit vielen Menschen, die ihren Großankel kannten, gesprochen. Es entstand ein Panorama der Haltungen und Meinungen, in das sich auch die Regisseurin mit ihren Erfahrungen ohne jede Selbstgerechtigkeit einbringt, als Fragende und Suchende. Der von der Kritik hochgelobte und mit vielen Preisen bedachte Film lief auch in den deutschen Kinos.

Auf der Suche nach Heimat

Wie Yael Reuveny ist auch die israelische Studentin der Filmuniversität Babelsberg Ester Amrami in Berlin heimisch geworden, fand hier einen großen, keineswegs nur israelischen Freundeskreis und hat sogar eine deutsch-jüdische Familie gegründet. Sie kam vor zehn Jahren hierher, zunächst nur für ein paar Monate. „Berlin war viel billiger als etwa London. Außerdem hatte es damals noch den Geschmack von Freiheit und Abenteuer“, erinnert sie sich. „Für israelische Filmemacher ist Berlin natürlich sehr interessant. Die Vergangenheit ist weit genug weg, aber immer noch wichtig. Berlin ist schon ein fruchtbarer Boden für spannende und emotionale Geschichten“. Ihr autobiografisch gefärbtes, sehr gelungenes Spielfilmdebüt Anderswo umkreist das Gefühl, zwischen den Welten zu leben, ein sehr witziges Spiel mit dem deutschen Begriff „Heimat“, aber auch mit den nach wie vor bestehenden deutsch-israelischen Spannungsfeldern.

Amrami schrieb das originelle und herrlich unverkrampfte Drehbuch zusammen mit ihrem deutschen Mann Momme Peters. Vieles von dem, was die beiden da sehr komisch von den Erlebnissen im jeweils anderen Land erzählen, von Missverständnissen, Unsicherheiten und Peinlichkeiten aller Art, haben sie so ähnlich durchaus erlebt. Sie können darüber längst lachen. Hoffentlich folgt ihnen das Publikum dabei, denn Anderswo ist ab Januar 2015 in den deutschen Kinos zu sehen. Israelische Filme sind zwar oft Lieblingskinder der Kritiker und Festivaljurys, haben es aber mit ihren sehr besonderen Geschichten, mit sehr guten, aber hierzulande eher unbekannten Schauspielern an den Kinokassen meist schwer.

Filmemacherinnen wie Yael Reuveny und Ester Amrami leben in Berlin und schlagen mit ihren erfrischenden Filmen Brücken zwischen Deutschland und Israel, ihre Arbeiten sind hier wie dort verwurzelt. So sind diese jungen Regisseure und Regisseurinnen ein Gewinn für die deutsche Filmlandschaft, ohne einen Verlust für die israelische zu bedeuten.