Berlinale-Blogger Ohne jedes Fangnetz

Filmstill „Barra fel Share‘“
Filmstill „Barra fel Share‘“ | © Jasmina Metwaly, Philip Rizk

In „Barra fel Share‘“ („Out on the Street“) nähern sich Jasmina Metwaly und Philip Rizk den Auslösern für die 2011 beginnende Revolution in Ägypten an. Der erste Langfilm der jungen Regisseure feierte auf der Berlinale 2015 seine Weltpremiere.

Metwaly und Rizk sind Mitglieder von „Mosireen“, einem Medienkollektiv, das die Konzepte des Bürgerjournalismus und des kulturell-politischen Aktivismus miteinander verknüpft. Seit 2011 beschäftigt sich Mosireen in meist mehrminütigen Youtube-Reportagen mit den sozialen Problemen in Ägypten.

Ungerechtigkeit, Willkür, Korruption

Auch für Barra fel Share‘ sind Ungerechtigkeit am Arbeitsplatz, polizeiliche Willkür und Korruption die inhaltlichen Ausgangspunkte: Die Kamera begleitet eine Gruppe von zehn Fabrikarbeitern in Helwan, einem Viertel von Kairo. Sie alle kennen die tagtägliche Ausbeutung. Sie müssen mit ihr leben, um zu überleben. Als sie eines Tages anfangen, gegen die Zustände zu rebellieren, riskieren sie weit mehr als nur den Verlust ihres Arbeitsplatzes.

Metwaly und Rizk brechen die Linse, durch die der Zuschauer den Film sieht, dabei gleich doppelt: Zum einen sind die Arbeiter engagierte Laienschauspieler, die im wirklichen Leben ganz ähnliche Berufe und Probleme haben wie im Film. Zum anderen stellen sie die Missstände in der Fabrik mithilfe eines inszenierten Theaterworkshops dar. Die Regisseure hielten sich hierbei bewusst zurück, ließen sich und den Schauspielern Raum für Improvisationen. Es gab einen klaren Beginn, aber kein Skript, im Vordergrund stand der Prozess des gemeinsamen Arbeitens.

Reduktion auf den Inhalt

Barra fel Share‘ experimentiert mit verschiedenen Stilmitteln. Durch die Videoästhetik, in der die Kamera stets nah an den Darstellern ist, und das Theaterhafte, das mit nur den nötigsten Requisiten auskommt, gelingt Metwaly und Rizk in eindrucksvoller Deutlichkeit die Reduktion auf den Inhalt: Ein Leben ohne Sicherheit, ohne jedes Fangnetz. Ein Leben „draußen auf der Straße“. Dass man den Film als Metapher für die derzeitige Situation in Ägypten verstehen kann, ist durchaus gewollt.